Heroes & Zeroes

Der ESC – kurz für Eurovision Song Contest und Escape-Taste – als Leit- und Prestigeprojekt eines ganzen Jahres ist glatt gelaufen, die Show war ein Publikumserfolg, der Kostenplan wurde unterschritten. Alexander Wrabetz kann dem ORF-Stiftungsrat eine schöne Bilanz des Mega-Events präsentieren und sich für seine Wiederwahl zum Generaldirektor im kommenden Jahr empfehlen. Gleißendes Licht, aber auch ein dunkler Schatten: Wieder geht es um den Anschein eines manipulierten Posten-Hearings. Und keiner drückt auf Escape.

„Redakteursvertreter berichten mir und ich selbst beobachte, dass der Appetit der Parteien auf Mitbestimmung bei Jobs im ORF gerade wieder größer wird. Diesen Appetit gilt es zu verderben“, hat ZIB-Wirtschaftsressortchef Christoph Varga kürzlich in seiner Dankesrede anlässlich einer Preisverleihung gesagt. Wenige Tage später berichtete der wie immer besser als die meisten Leute im ORF über den ORF informierte Standard über das „nächste ORF-Hearing mit Verwerfungen“. Es geht um die seit einem halben Jahr vakante Ressortleitung Wirtschaft der Radio-Information. Und die Anspielung, die man herauslesen kann, bezieht sich auf die Verwerfungen bei der Besetzung des Innenpolitik-Ressorts vor zweieinhalb Jahren.

Déjà-vu bei einem Posten-Hearing

Die Zeitung berichtet haarklein über den Austausch von zwei der vier Jury-Mitglieder knapp vor dem Hearing und einem mehr als überraschenden Ausgang der Anhörung. Die Bewerber konnten auch ihre Reihung durch die Jury erfahren – alles vertraulich, aber exklusiv für den Standard. Der dafür gleich einen Konnex zur Rede von Varga herstellte und über parteipolitische Begehrlichkeiten spekulierte – die die ORF-Führung dementiert. Redakteursvertretung und Betriebsrat sind alarmiert.

Unabhängigkeit ist die Währung

Wie auch immer. Solche Vorkommnisse, die auch gestandene ORF-Mitarbeiter staunen lassen, rücken das größte Medienunternehmen des Landes in ein schiefes Licht und nähren Zweifel an der journalistischen Unabhängigkeit der Redaktionen. Das kann kein ESC überstrahlen. Das ist fatal. Denn, um ein paar Sätze lang persönlich zu werden, die Unabhängigkeit der Berichterstattung ist unsere Währung. Das Fundament unserer Glaubwürdigkeit. Das dürfen wir uns durch fragwürdige Hearings nicht erschüttern lassen. Wenn es nicht möglich ist, das professionell, extern und transparent zu organisieren, dann sollte man besser auf solche Hearings verzichten.

Radio-Innenpolitik als Warnung

Die Folgen sind nämlich bekannt: Die Entscheidung über den neuen Radio-Innenpolitikchef im Dezember 2012 lastet irgendwie bis heute auf der Redaktion, obwohl längst alle zu einem professionellen Miteinander gefunden haben und es keinerlei Anlass gibt, an der Unabhängigkeit der innenpolitischen Berichterstattung im ORF-Radio zu zweifeln. Der Radiopreis als beste Nachrichtensendung ist wohl auch nicht zufällig an das Ö1-Mittagsjournal gegangen, das in der Begründung unter anderem als „wichtiger Taktgeber für die Innenpolitik“ bezeichnet wird.

Den Generalverdacht nicht nähren

Doch die intransparente Vorgangsweise von damals wird mit den sogenannten Verwerfungen von heute zusammengerührt, und fertig ist das Bild vom ORF am Gängelband der Parteien. Das  geht im Vorfeld der Neuwahl der Geschäftsführung, bei der die Stunde der roten und schwarzen Freundeskreise im Stiftungsrat schlagen wird, ganz schnell. Den Generalverdacht muss man nicht auch noch befördern.

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