Der Schmetterling

In einer Woche schlüpft ein schöner Schmetterling aus der Puppe. Sprach der gelernte Zoologe Michael Häupl am Tag des überraschenden Rücktritts von Werner Faymann, und es ist schneller gegangen als dem interimistischen SPÖ-Chef lieb war. Die Verpuppung des Christian Kern ist noch nicht ganz abgeschlossen. Ein vom Hausfotografen des Bundespräsidenten geschossenes Bild mit Heinz Fischer ist der einzige Beweis dafür, dass es sich der designierte SPÖ-Vorsitzende und Kanzler ob der bevorstehenden Mission Impossible nicht doch noch anders überlegt und mit einem Nachtzug das Land verlassen hat.

Die Puppenphase eines Falters dauert in der Regel wenige Wochen, doch manche Arten überwintern oder verharren sogar mehrere Jahre in der Puppe, bevor der Schmetterling schlüpft. Christian Kern scheint so ein seltenes Exemplar zu sein. Seine sorgfältige Karriereplanung weist ebenso darauf hin wie die äußerst bemerkenswerten Aussagen des Medienmanagers Gerhard Zeiler. Der hat in erstaunlicher Offenheit von einem großen Plan zum Sturz von Werner Faymann gesprochen, den er seit einem Jahr in enger Abstimmung mit Kern verfolgt habe. Man darf gespannt sein, wie der neue SPÖ-Chef das kommentiert, wenn er dann geschlüpft sein wird.

Manchmal dauert die Verpuppung auch Jahre

Michael Häupl will von einem solchen Plan und Ablösegelüsten nichts gewusst haben. Ich hätte das ehrlich  gesagt auch nicht geduldet, sagt er im Ö1-Interview und klingt dabei nicht wahnsinnig überzeugend. Zeiler ist Ottakringer wie Häupl, die beiden haben einen guten Draht zueinander, der Medienmanager war der Favorit des Bürgermeisters für die Entpuppung. Aber Häupl hat das alles nicht mehr in der Hand gehabt, er ist in dieser Woche endgültig als Strippenzieher entzaubert worden. Zuerst hat ihm Werner Faymann alles hingeschmissen, ohne dass der ohnmächtige Wiener SPÖ-Chef etwas davon gewusst hat. Dann haben die südlichen und westlichen Landesorganisationen das Kommando übernommen und Christian Kern auf den Schild gehoben.

In Sachen Rot-Blau putzt noch Häupl aus

Kerns Aufstieg wird von einem Contest der Superlative begleitet. Parteileute erwarten sich nicht mehr & nicht weniger, als dass er die SPÖ wieder zu einer Massenbewegung macht. Medienleute schwanken zwischen verhaltener Begeisterung für und offener Anbiederung an den Bahnmanager, der jetzt die Weichen für eh alles stellen werde. Dabei hat Kern noch keinen einzigen Satz gesagt. Das Njet zu Rot-Blau auf allen Ebenen wird schon beim Parteitag im Juni durch eine neue Beschlusslage ersetzt werden – ein Kriterienkatalog für Koalitionen der SPÖ mit den Freiheitlichen bis hinauf zum Bund wird kommen, da putzt noch Häupl als Interims-Parteichef aus.

Team als Gradmesser für Kerns Spielräume

Und dann? Die restriktive Asyl-Linie wird der Pragmatiker Kern beibehalten, das war nicht nur eine Bedingung des Niessl-Flügels für seine Kür zum SPÖ-Vorsitzenden. Das war auch die zentrale Bedingung der ÖVP für die Fortsetzung der Koalition unter Kerns Führung. Aber ansonsten hat der neue Chef völlig freie Hand, wird überall versichert. Das kann er mit der Auswahl seines Teams für Regierung und Partei beweisen, die Personalspekulationen laufen jedenfalls noch unter dem alten Motto: Wen muss Kern sonst noch einbinden, um allen Erwartungen von Landesorganisationen, Frauen und Gewerkschaftsflügel gerecht zu werden.

Behübschtes more of the same reicht nicht

Die Erwartungen an den neuen Kanzler sind unglaublich hoch. Sein Problem ist: Er darf die Erwartungen keinesfalls enttäuschen, obwohl er eine waidwunde SPÖ hinter sich und eine hyper-nervöse ÖVP neben sich in der Regierung hat. Ein behübschtes more of the same kann unter keinen Umständen sein Programm sein, denn dann wäre er tatsächlich die neue Schaufensterpuppe, als die ihn FPÖ-Parteiobmann Heinz-Christian Strache schon verächtlich gemacht hat. Christian Kern muss nicht auf dem Wasser gehen, um uns zu überzeugen – aber er muss sich als einer entpuppen, der neue Wege geht und nicht nur darüber redet. Sonst scheitert er schon im Ansatz.

Widersteht er den Lockrufen des Boulevards?

Ein guter Anfang wäre, sowohl dem Zuckerbrot als auch der Peitsche des Zeitungsboulevards zu widerstehen. Die platten Signale der Kronenzeitung, dass sie auch in der Zeit post Faymann mitregieren möchte, sollte Kern einfach ignorieren. Die Macht des Boulevards  wird überbewertet. Der neue Kanzler könnte sich ein Vorbild an Wolfgang Schüssel nehmen, der seine schwarz-blaue Wende damals auch gegen den Willen von Krone-Chef Hans Dichand durchgezogen und die ÖVP für vier süße Jahre quasi zu einer kleinen Massenbewegung gemacht hat. 43,2 Prozent. Die Genossen würden Kern schon ein Denkmal bauen, wenn er an der 30-Prozent-Marke kratzt.

Manager-Parteichef & Proletenpassion

An dem Tag, als Michael Häupl uns einen schönen Schmetterling versprochen hat, wurde übrigens auch ein alarmierender Bericht über das Schmetterlingssterben veröffentlicht. Aufmerksamkeit bekommen aber oft nur die Schmetterlinge auf der Roten Liste, wurde ein Schmetterlingsexperte in der Tageszeitung Die Presse zitiert. Das muss jetzt kein böses Omen für den neuen roten Parteichef sein. Sollte es sich Kern dennoch zu Herzen nehmen, dann könnte er ja bei den legendären Schmetterlingen Trost & Rat suchen. Die haben mit dem großartigen Textdichter Heinz Rudolf Unger seinerzeit die Proletenpassion erschaffen. Das Opus Magnum vom Kampf der kleinen Leute. Läuft immer noch. Auf der Bühne & draußen im richtigen Leben.

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