Die Kurzisierung

Wenn praktisch alle außerhalb der ÖVP sagen, dass dieser Sebastian Kurz ein Intrigant, Egomane und Demokratiegefährder Marke Orban bis Erdogan sei – dann muss der nächste Bundesparteiobmann der Volkspartei etwas richtig machen. Das heißt nicht, dass alle Vorwürfe und Kritikpunkte falsch sind. Kurz hat auch hier und hier und hier im Radioblog sein Fett abgekriegt und nicht nur einmal dünnhäutig darauf reagiert. Mit Selbstzweifeln ist dieser Mann nicht geschlagen. Manche nennen das skrupellos. Sonst könnte er nicht das Fundament für einen Wahlkampf legen, der die Republik auf den Kopf stellen wird.

Sei es die Online-Plattform Info-Direkt, hinter der die vom Dokumentationsarchiv als rechtsextrem eingestufte Österreichische Landsmannschaft steckt: Dort wird darüber polemisiert, dass Herr Kurz der genialste Politiker der Gegenwart ist und aus eigenen Stücken ohne Abhängigkeiten und Einflüsterer die als unreformierbar geltende ÖVP mit ihrer verkrusteten Bündestruktur freihändig in eine Obmanndiktatur verwandelt. Sei es die Facebook-Seite von Heinz-Christian Strache, wo der FPÖ-Obmann den ÖVP-Star als künstlich gehypten Totalversager verunglimpft. Sei es NEOS-Chef Matthias Strolz, der Kurz vorwirft, in seiner Partei zu wildern.

Alle gegen Sebastian Kurz, aber wirklich alle

Oder sei es der Landesparteichef der Wiener Grünen, Joachim Kovacs, der nicht unähnlich dem Medium im rechten Eck und ähnlich wie die halbe Twitteria mögliche antidemokratische Umtriebe von Sebastian Kurz in den Raum stellt:

Und sei es selbst der Bundeskanzler, der dem Außenminister im großen Interview im Ö1Mittagsjournal vorhielt, mit seiner Neuwahl-Ansage nicht nur Arbeitsplätze zu gefährden, sondern die Republik gleich dazu. Wer diese Aussage von Christian Kern für bemerkenswert hielt und via Twitter verbreitete, war schnell im Verruf, ein Kurz-Hasser und ein Kern-Büttel zu sein. Mindestens.

Ab sofort ist einfach alles Wahlkampf

Es war ja wirklich ein gutes Interview des Kanzlers – staatsmännisch und der Unübersichtlichkeit der innenpolitischen Lage voll angemessen. Nur glaubt Christian Kern niemand, dass es da um das Wahrnehmen von Verantwortung geht. Es geht um die Positionierung für den Wahlkampf, auf den sich speziell die SPÖ vorbereitet, seit Kern die Partei übernommen hat. Im Vorjahr hat ihnen der ewige Präsidentschafts-Wahlkampf einen Strich durch die Rechnung gemacht, dann kam der Plan A und die große Show in der Welser Elbphilharmonie. Bis hin zum Pizzaboten-Video und der Mittelstandskampagne der SPÖ, was bei der ÖVP die Sicherungen durchbrennen ließ und zur Verbreitung des Sudel-Manifests gegen Kern geführt hat.

Obmann-Vergraulen & Drachentöten

And here we go. Reinhold Mitterlehner ist weg, Sebastian Kurz zieht jetzt seine große Show ab, und die SPÖ macht sich berechtigte Sorgen, dass sie irgendwie übrigbleiben könnte. Kurz als Drachentöter, der der Strache-FPÖ Stimmen abjagt, der war in den roten Planspielen immer einkalkuliert. Aber kein Kurz, der dann vielleicht sogar besser abschneidet als Kern. Deshalb will die SPÖ jetzt die Geschichte von der Verantwortung und der Verantwortungslosigkeit erzählen, die nur nicht sehr glaubwürdig ist. Sebastian Kurz hat seine Neuwahl-Ansage nicht zufällig in den Kontext Abbruch der EU-Beitritts-Verhandlungen mit der Türkei und Westbalkanroutenschließung gestellt. Er versucht so zu signalisieren, dass er wieder mal als Erster eine Wahrheit ausgeprochen hat.

Sebastian Kurz per Kern-me-App kernisiert, die ÖVP kurzisiert. Eine neue innenpolitische Zeitrechnung läuft an.

Bonapartismus-Vorwurf wegen Bedingungen

Das Kalkül des Jungstars, dem seit Bekanntwerden seiner sieben Bedingungen zur Übernahme der ÖVP-Obmannschaft von Bonapartismus bis Führerkult so ziemlich alles vorgeworfen wird – dieses Kalkül muss nicht aufgehen. Natürlich kann Kurz scheitern, können sich seine glänzenden Umfragewerte als matte Sache herausstellen. Aber seit Samstag ist das ein bisschen weniger wahrscheinlich. Kurz ist dabei, seiner Partei weitreichende Durchgriffsrechte vor allem in Personalfragen abzuringen und sich das auch noch statutarisch absichern zu lassen. Das ist keinem seiner Vorgänger auch nur ansatzweise gelungen. Die Landeshauptleute liefern sich Kurz bis zu einem gewissen Grad aus, aber sie haben ihn finanziell weiter in der Hand. Fair enough.

Länderchefs haben die Hand auf dem Geld

Während sich plötzlich alle um die innerparteiliche Demokratie in der ÖVP Sorgen machen, die bisher vor allem von Willkür und Gängelung durch Landesfürsten und Bündechefs geprägt war, haben sich wichtige ÖVP-Landeshauptleute wie Johanna Mikl-Leitner, Hermann Schützenhöfer und Günther Platter zu den Vollmachten für Sebastian Kurz bekannt. Man habe das alles in Vorgesprächen mit dem künftigen Parteiobmann abgeklärt und schreite mutig in die neuen Zeiten, wurde in schriftlichen Stellungnahmen mitgeteilt. Dass die sieben Bedingungen an die Medien durchgesickert sind, stellte sich damit im Nachhinein nicht als erpresserische Druckausübung, sondern als gelungene PR-Aktion der Kurz-Leute heraus.

Und Strache wird ein wenig nach Luft schnappen

So wird der ÖVP-Vorstand heute also kreißen und einen starken Obmann gebären. Sebastian Kurz und Christian Kern werden mehr oder weniger elegant einen Weg finden, diese ruhmlose und heillos zerrüttete Koalition zu beenden und die Neuwahl für September oder Oktober auszuschreiben. Der Wahlkampf läuft schon, auch wenn es manche noch nicht wahrhaben wollen, weil sie auf dem falschen Fuß erwischt worden sind. Und es wird ein unglaublich spannendes Duell zwischen zwei großen politischen Talenten werden. Kern, Kurz – und dazwischen Heinz-Christian Strache, der wohl ein bisschen nach Luft schnappen wird. Und nach der Wahl wird es dann fast noch spannender. Denn Rot-Schwarz, das war einmal.

5 Gedanken zu „Die Kurzisierung

  1. Herr Kurz benimmt sich wie ein Diktator – meist redet er mit erhobenen Zeigefinger (also Drohgebärde). Kaum in der Politik hat er sich schon gegen Pensionisten (alte Leute)ausgesprochen. Sein viel gebrauchter Satz „ich Glaube“ zeigt seine Unsicherheit. Und was glaubt er von sich selbst? Ich vergleiche ihn mit einer Seifenblase, die bald platzen wird.

  2. Sorry Herr Kappacher, hiermit verabschiede ich mich von der Lektüre ihres Blogs. Ich habe sehr viele gelesen, mich auch schon mal kritisch geäußert und bin letztlich zur Auffassung gelangt, dass ihre Art von Journalismus nicht die Meinige ist.

    Zur Erläuterung meines Statements möchte ich nicht auf die unzähligen Details eingehen, die bemerkenswert wären, sondern es mit einer kleinen Geschichte versuchen:
    Jede Woche wird eine Sau durchs Dorf getrieben. Eine Sau, die von Journalisten mit Blick auf Quote, Auflage oder Klicks schon erwartet wird und es entsteht ein Wettbewerb wer zuerst, also möglichst zeit- und ortsnah über die Aktivitäten der Sau berichtet. Diese Berichte enthalten neben Information viel Aufregung, Empörung, Kritik, Streit und anderes Blutdruckerhöhendes (angeblich weil der Mainstream das so erwartet).
    Ihre Blogs sind nichts anderes als eine Komprimierung dieser Sautreibereien garniert mit ihrer Meinung.
    Ich gehöre vermutlich zur Minderheit jener, die auf diese Art von „Information“ verzichten wollen. Ich erwarte mir von einem guten Journalismus eine kritische Distanz zur „Sau“. Einen Blick nach links und rechts im Dorf. Ein Hinterfragen, ob die Sau vielleicht nicht zufällig, sondern gezielt von jemandem losgeschickt wurde und wenn ja: Was, wer steckt dahinter?

    Ein paar Anhaltspunkte (betrifft sie nicht persönlich):
    • Der Außenminister nutzt seine Amtsräumlichkeiten für die Verlautbarung persönlicher (wie er selber betont) Statements. Journalisten finden sich ein und der ORF findet es für notwendig, sein Programm zu unterbrechen, um Herrn Kurz life zu präsentieren. Seid’s ihr wo angrennt?
    • Journalisten finden es für notwendig einen Diskurs darüber zu führen, dass der Bundeskanzler als Pizzabote ausgeholfen hat! Echt?
    • Einer ihrer ORF-Kollegen plappert abendlich im Interview unreflektiert die Kurz-Forderung nach Neuwahlen (weil die jetzigen Parteiführer nicht persönlich gewählt wurden) nach. Inzwischen hat er einen Wahlzettel gezwitschert auf dem (Heureka!) nur die Parteien angeführt sind…..

    In einem solchen Umfeld entstehen dann Hypes, die das Publikum selbst zum Getriebenen der Sau machen und das kann eigentlich nicht im Sinne eines ordentlichen Journalismus sein.

    • Ich respektiere Ihren Unmut! In den nächsten Monaten werden auch wieder viele Säue durchs Dorf getrieben werden, das wäre dann wirklich nichts für Sie. Aber im Ernst: Vielleicht stolpern Sie zufällig wieder mal hier herein, Sie kennen ja die Adresse. Und in jedem Fall: Danke, dass Sie den Radioblog gelesen haben.

  3. Dieser Blogg ist wieder einmal eine Bestätigung dafür, dass Sie Innenpolitik-Journalist des Jahres wurden!!! Gratulation, beste Analyse der gegenwärtigen politischen Situation in Österreich!!! Und zwar ever!!!

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