Neulich auf Fösbook

Am Beginn der Medienenquete war der Eklat in eine Anekdote verpackt. Medienminister Gernot Blümel plauderte aus der Schule als früherer ÖVP-Generalsekretär, als solcher war er automatisch auch Mediensprecher seiner Partei. Begründet hatte die Partei diese Doppelfunktion so: Als Generalsekretär bist du derjenige, der sich beschweren muss, wenn die Berichterstattung nicht passt. Das könne es wohl nicht sein, hat Blümel vor der Enquete gesagt. Nachher hat sich der Minister dann über Interview-Fragen zum Thema ORF-Gebühren beschwert. Und die Kronenzeitung gleich beherzt mit dabei.

Ein übler Eklat in der ZIB2, der im sonst seriösen Ö1-Mittagsjournal seine Fortsetzung gefunden habe, schrieb Krone-Innenpolitikchef Claus Pandi. Er bemängelte, dass sich Fragen in beiden Sendungen auch um die Zukunft der ORF-Gebührenfinanzierung gedreht haben. Pandi ist offensichtlich der Ansicht, dass es ORF-JournalistInnen nicht zusteht, das zu thematisieren. Er spricht von Hausbelang, für den man die öffentlich-rechtliche Sendeplattform quasi missbrauche.

Das muss man sich einmal vorstellen: Seit Monaten wird zum Teil sehr heftig über die Gebühren diskutiert, weil die FPÖ sie abschaffen will. Während der kompletten zwei Tage Medienenquete findet sich außer dem FPÖ-Mediensprecher kein Einziger, der das gut findet. Im Gegenteil: praktisch alle Redner warnen vor einer Finanzierung des ORF aus dem Budget, weil das die Unabhängigkeit gefährden würde. Und die Krone hält es für einen Eklat, dass man dem politisch Verantwortlichen dazu Fragen stellt.

Clickbaiting & Krone-Marktinteressen

ORF-Bashing zieht halt immer. Der Artikel war auf krone.at einer der meistgelesenen  dieses Wochenendes, in den Kommentaren darunter darf sich die Leserschaft traditionell austoben. Dem ORF wird in solchen Foren gern Meinungsmache vorgeworfen. Krone-Redakteur Pandi hat in seinem Artikel regelrecht dazu aufgerufen, indem er meinte: Für die ZIB2 sollte die Bezeichnung „Nachrichten“ besser unter Anführungszeichen gesetzt werden. Schreibt einer, der gerade lupenreinen Meinungs- wenn nicht Kampagnen-Journalismus macht. Denn so gern die Krone immer wieder mit dem ORF kooperiert, so sehr hat die Zeitung doch auch fundamentale Interessen als Mitbewerber. Stichworte: KroneHit versus Ö3 und das RTL-Werbefenster, an dessen Vermarktung in Österreich die Kronenzeitung mit 50 Prozent beteiligt ist.

Think Big in der immerwährenden Enquete

Medienpolitik ist auch Interessenpolitik und Machtpolitik, selbst wenn Minister Blümel jetzt so tut, als wäre Medienpolitik eine immerwährende Enquete. Ein ewiger Workshop, für den Puls4-Chef Markus Breitenecker das Drehbuch geschrieben hat. Think Big, ist seine durchaus spannende Botschaft. Dahinter verbirgt sich auch der Plan, den großen ORF für die Zwecke der großen Privaten einzuspannen. Denn klare Angebote des ORF zur Kooperation im Online-Bereich wurden von Puls4, hinter dem der große deutsche ProSieben.Sat1-Konzern steht, abgetan. Es werde wohl nicht reichen, wenn man eine bessere TVthek gemeinsam mache, es gehe um das nächste Facebook. So hat es Puls4-Infochefin Corinna Milborn formuliert.

Ein Drehbuch und keiner am Filmset

Im Drehbuch, das Milborn und Breitenecker gemeinsam geschrieben haben, stehen viele richtige Dinge. Ihnen ist auch klar, dass eine europäische Antwort auf die US-Giganten im Netz viele Milliarden Entwicklungskosten bedeuten würde, dass alle europäischen Player mitmachen müssten. Aber es gibt keine konkreten Ansätze. Der einzige konkrete Ansatz von Breitenecker ist so eine Art Fösbook: Der ORF soll um seine Werbeeinnahmen erleichtert werden. Das Geld soll in die Entwicklung gehen, die Länder sollen dem ORF ihren GIS-Anteil geben, und sie bekommen im Gegenzug die Gelder, die wir jetzt dann wirklich Facebook, Google, Amazon und Co. abknöpfen. Ein guter Plan, der aber vielleicht nie aufgeht und deshalb nicht funktionieren wird.

Das Interview mit den enttäuschenden Fragen. Im Büro von Medienminister Gernot Blümel.

Die Angst vor dem Stich ins Wespennest

Dass der Medienminister im Ö1-Interview die Formulierung Game Changer verwendet hat – der Titel eines Start-up-Festivals von Puls4 – mag jener Zufall sein, den Blümel darin sieht. Dass der Minister lieber von der großen Lösung redet und konkrete Aussagen zu ORF-Finanzierung und Qualitätsförderung meidet, ist hingegen eher kein Zufall. Indem er von Fösbook träumt und alle anderen Fragen als Medienpolitik von gestern abstempelt, vermeidet Blümel Konflikte mit dem Koalitionspartner in der Frage der ORF-Gebühren, und er drückt sich vor dem Stich ins Wespennest der Förderungen und noch viel mehr der Inseratenvergabe durch öffentliche Stellen, die dem Boulevard zupass kommt und alles andere als Qualitätsförderung ist. Ein Missverhältnis sondergleichen, das sich auch Blümel nicht anzugreifen traut.

Aula-Einstellung als einziger Lichtblick

So bleibt der einzige konkrete Lichtblick in der Medienlandschaft kurioserweise die Einstellung einer Zeitschrift – nämlich der rechtsextremen Aula. Das FPÖ-nahe Blatt ist von der Partei immer gehätschelt und immer wieder verteidigt worden, mit der Mai-Ausgabe haben sie den Bogen endgültig überspannt. Eine Regierungspartei kann sich rassistische und antisemitische Publizistik im direkten Umfeld dann doch nicht leisten. Ausländerfeindliche bis hetzerische Plattformen im weiteren Umfeld gehen aber schon, die teilt man auch gern mit den vielen Facebook-Fans.

Falter-Herausgeber Armin Thurnher hat bei der Medienenquete einen interessanten Vorschlag gemacht und gesagt: Wenn der Regierung der Kampf gegen die Internet-Riesen so wichtig sei, wie der zweite Mann hinter dem Kanzler, nämlich Gernot Blümel, glauben machen wolle, dann sollten sie doch mit gutem Beispiel vorangehen und ihre Facebook-Accounts löschen. Sebastian Kurz und Heinz-Christian Strache, beide mit je einer Dreiviertelmillion Fans, fällt bestimmt etwas ein, warum das nicht geht.

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