Österreich ist zu

Italien ist zu. Premierminister Giuseppe Conte hat das ganze Land am Montag Abend zur geschützten Zone erklärt. Auch die Universität Innsbruck ist zu, keine Lehrveranstaltungen mehr in den Räumlichkeiten der Hochschule. Ab sofort werden alle Lehrveranstaltungen an der Universität Innsbruck von Präsenzlehre auf Fernlehre (distant learning) umgestellt. Das war ebenfalls am Montag Abend als Update auf der Website zu lesen. Es wird nicht die letzte derartige Maßnahme zur Eindämmung des Corona-Virus bei uns sein. Österreich ist sowieso längst zu. Ein Land als fleischgewordene Sperrzone gegen Eindringlinge aller Art.

Es war ein kalkulierter Termin vor martialischer Kulisse: Polizisten mit Helmen und Schildern sowie Militärpolizei in voller Montur waren Montag früh in der Maria-Theresien-Kaserne aufmarschiert. Der Innenminister und die Verteidigungsministerin, beide ÖVP, stellten sich vor ihre Leute hin und versicherten, dass der Assistenzeinsatz des Heeres an der Grenze weitergeführt werde – ein Einsatz, der seit 2015 läuft und nie beendet worden ist. Ein quasi symbolischer Beschluss dazu ist bereits im Ministerrat in der Vorwoche gefallen. Der inszenierte Auftritt gab Karl Nehammer die Gelegenheit, zum gefühlten hundertsten Mal vom dreifachen Sicherheitsnetz – EU-Außengrenze in Griechenland, Balkanroutenschließung und Schutz der nationalen Grenze – zu reden. Und dass er den potenziellen Eindringlingen keinen taktischen Vorteil geben wolle, indem er Andeutungen darüber mache, wie der nationale Grenzschutz im Fall des Falles aussehen werde.

Schaulauf vor martialischer Kulisse: Karl Nehammer und Klaudia Tanner.

Die Beschwörung des Staatsversagens

Das Absurde daran ist: Nur Nehammer und einige seiner ÖVP-Regierungskollegen reden andauernd  davon, dass Österreich seine Grenzen zu schützen wissen werde, und erwähnen nicht zufällig das Jahr 2015, als die Staatsmacht in Spielfeld kurz die Kontrolle verloren hat. Die Bilder, die Nehammer & Co. damit in unseren Köpfen erzeugen wollen, sind freilich an der griechisch-türkischen Grenze Realität. Dort läuft die Bewährungsprobe für den Außengrenzschutz der EU, wie es Bundeskanzler Sebastian Kurz nennt. Und der Kanzler spart auch nicht mit drastischen Bildern. Er spricht von Zehntausenden, die Griechenland und die Europäische Union zu stürmen drohten, Kurz spricht davon, dass dann Hunderttausende nachkommen würden – und dass es vor der Provokation durch den türkischen Präsidenten Erdogan kein humanitäres Problem gegeben habe.

Eine Mehrfachstrategie der Angst

Es ist eine Mehrfachstrategie der Angst. Der Innenminister suggeriert, dass es zwar eine dreifache Absicherung gibt, dass ein zweites Spielfeld – von dem ja überhaupt keine Rede ist, weshalb Nehammer auch nicht ins Detail gehen muss – aber um jeden Preis und unter allen Umständen zu verhindern sei. Der Kanzler suggeriert, dass der Außengrenzschutz in dem Moment zusammenbrechen werde, wenn Frauen und Kinder aus den Lagern auf den griechischen Inseln herausgeholt werden. Wer Frauen und Kinder aufnimmt, der nimmt genauso die Väter und die Männer auf, sagte der Obmann der Familienpartei ÖVP in der ORF-Pressestunde. Thomas Mayer vom Standard hat ihm dafür das Label Kalter Kanzler verpasst. In der Pressestunde hat Kurz unter anderem auch Formulierungen wie: wenn die türkisch-griechische Grenze fällt – verwendet und wie Nehammer davon gesprochen, dass Österreich vorbereitet sei, falls es zu einem Grenzsturm kommt.

Mitgefangen im Posing für das Motiv Situation Room im Kreisky-Zimmer: Werner Kogler. (Tatic)

Egal was Grüne oder Kirchenmänner sagen

Bewusst kriegerische Vokabeln und Bilder also, obwohl ausgerechnet Sebastian Kurz das Resettlement – also ein Herausholen von besonders schützenswerten Flüchtlingen aus Krisengebieten – in einem zahlenmäßig verkraftbaren Ausmaß vielfach etwa hier und hier dokumentiert immer wieder gutgeheißen hat. Damit war Kurz einmal voll auf einer Linie mit dem, was heute Kirchmänner fordern. Die aber genauso abblitzen wie der immer noch schwer disziplinierte Koalitionspartner Grüne. Beim harten Kurs assistiert dem ÖVP-Chef auch seine langjährige Vertraute, die er zur Integrations- und Frauenministerin gemacht hat: Susanne Raab hat in der Woche vor dem Internationalen Frauentag, die traditionell und erst recht für die Frauenministerin stark frauenpolitischen Themen gewidmet ist, eine Pressekonferenz zum Thema 2015 und was wir noch immer alles nicht bewältigt haben angesetzt. Raab wollte offensichtlich nicht nur gefragt werden, warum sie sich nicht als Feministin bezeichnen will, sondern auch beim Thema Nummer eins mitmischen.

Die Verteidigungsministerin ordnet sich unter

Genauso wie Verteidigungsministerin Klaudia Tanner, die ihrem Parteifreund Nehammer nicht nur die Kulisse für gemeinsame Inszenierungen im militärischen Umfeld bietet, sondern das Heer immer mehr den polizeilichen Anforderungen anzupassen scheint. Die Zahlen zum Budget 2020 und der Folgejahre sprechen Bände. Sie wurden nach einem Eklat im Verteidigungsministerium an die Öffentlichkeit gespielt – die Ministerin soll mit den Zahlen in die wöchentliche Leiterbesprechung gegangen sein und diese nach Kritik der Generäle wutentbrannt verlassen haben, wie Die Presse schreibt. Eine einmalige Budgetsteigerung heuer und dann wieder weniger: damit wird sich der Konkurs, den Tanners Vorgänger Thomas Starlinger vorausgesagt hat, nicht aufhalten lassen.

Die Zeit des Schlechtredens soll vorbei sein

Es sei denn, das Heer wird zum Assistenzleister und Katastrophenhelfer umfunktioniert, und man schickt den militärischen Teil in Konkurs. Dazu passen Formulierungen und Aussagen aus einer Rede, die der Sprecher von Klaudia Tanner, Herbert Kullnig, vor den Militärkommandanten der Bundesländer und den Brigadekommandanten gehalten hat. Das Manuskript ist dann bundesheer-weit an alle PR-Verantwortlichen gemailt worden. Darin ist neben dem Appell zur Vorsicht im Umgang mit Journalisten dieser Schlüsselsatz zu lesen: Ich möchte noch betonen, dass wir von der Linie wegkommen müssen, alles schlechtzureden. (…) Es wird mit dem Bundesheer wieder bergauf gehen, nur da müssen wir alle an einem Strang ziehen. Message Control vom Feinsten, würde sie funktionieren.

Pikanterweise ist das der einzige Punkt, der mit den Grünen als Koalitionspartner richtig gut funktionieren könnte. Die militärische Landesverteidigung war den Grünen noch nie ein Anliegen, bei der Umbenennung in Technisches Hilfswerk, wie Ex-Minister Starlinger kurz vor seinem Abgang geätzt hat, wären sie mit Sicherheit gleich dabei. Und Sebastian Kurz wäre wohl auch nicht abgeneigt. Sein Zitat:Vielleicht ist der Panzerkampf im Weinviertel nicht mehr das Zukunftsbedrohungsszenario – hat im Heer für Empörung gesorgt, weil es so tief blicken lässt. Aber so weit sind die Koalitionspartner noch nicht.

Wenn Horst Seehofer Strohhalm der Grünen ist

Vorerst muss der Grünen-Chef für inszenierte Situation-Room-Bilder des Kanzlerfotografen stillhalten und sich im ZIB2-Interview zu den Fragen winden, die der Innenminister und der Kanzler mit ihren Bildern vom Grenzsturm á la 2015 in den Raum gestellt haben. Man darf sich der drei Millionen Euro aus dem Auslandskatastrophenfonds für Syrien und der einen Million für Griechenland rühmen und jubelt das auch noch zu Rekordauszahlungen hoch, obwohl es in den vergangenen Jahren immer wieder auch höhere Tranchen gegeben hat. Und dass einer der Architekten der schwarz-grünen Regierung, der Vorarlberger Johannes Rauch, ausgerechnet den CSU-Mann Horst Seehofer als Vorbild und Hüter der Humanität in all der Ordnung beschwören muss, ist ein Treppenwitz der Post-Ibiza-Zeitrechnung.

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