Sagahaft frugal

Die gute Nachricht: Felix Mitterer will – inspiriert von Ischgl – einen fünften Teil seiner legendären Piefke-Saga schreiben. Ich arbeite bereits an einem Exposé, sagt der  Schriftsteller, den der Tiroler Landeshauptmann Günther Platter 2018 zum Tiroler des Jahres gekürt hat – übrigens gemeinsam mit Martha Schultz, Vizepräsidentin der Wirtschaftskammer und Liftkaiserin im Zillertal. Im Jahr davor waren es Tobias Moretti, als Joe ein Piefke-Saga-Darsteller der ersten Stunde  – und: Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck. Guter Stoff also auch behind the scenes. Die schlechte Nachricht: Die Realität schreibt schneller als Mitterer.

Also sprach Johann Gudenus, einer der Hauptdarsteller im Korruptionsvideo, das vor einem Jahr die Republik erschüttert hat, hier bei 21.00 im Fellner-TV: Ich hab mich in Ibiza ja auch nur verplaudert. Es war eine Anspielung auf den Bundespräsidenten, der bis weit nach der COVID-Sperrstunde 23 Uhr beim Nobel-Italiener im Gastgarten gesessen ist, und der Niki Fellner als Interviewer hat sehr lachen müssen. Dabei muss Alexander Van der Bellen eh schon ertragen, mit Boris Johnsons Chefberater in einen Topf geworfen zu werden. Dominic Cummings hat wissentlich von ihm entworfene Containment-Regeln gebrochen und versucht, den zahlreichen Rücktrittsaufforderungen durch abenteuerliche Erklärungen zu entkommen. Van der Bellen hat seinen Fehler eingestanden.

So weit wie der gefallene Politiker Gudenus wollte niemand gehen. Die Kronenzeitung schrieb von einem Sperrstunden-Wirbel. Im Kurier wiederum konnte man lesen, die Krone hätte Skandal geschrieben. Ein namhafter Journalist rang sich schlussendlich auf Twitter zum Vorwurf eines Miniskandals und Kleinwalsertal-Moments des Bundespräsidenten durch – in Anspielung auf das stupende Versagen der Message-Control-Profis um Bundeskanzler Sebastian Kurz. Das sind zwei Paar Schuhe, aber selbstverständlich muss sich auch der Bundespräsident an die vorgeschriebenen Regeln halten. Fest steht allerdings nicht minder, dass Kurz seinerseits keinen Fehler eingestanden hat.

Sebastian Kurz auf Fragen von Lou Lorenz-Dittlbacher zu #Kleinwalsertal in der ZIB2.

Eine Enklave der Wiederaufbau-Politik

Kurz hat sein Kleinwalsertal längst überwunden, er errichtete mit The Frugal Four eine Enklave der europäischen Wiederaufbau-Politik. Die sparsamen Vier, wie sich Österreich, Niederlande, Schweden und Dänemark in der Übersetzung selbst framen, haben etwas dagegen, dass da im Windschatten von Angela Merkel und Emmanuel Macron vielleicht große europäische Politik gemacht werden könnte. Für manche gar der Hamilton-Moment für Europa – benannt nach Alexander Hamilton, dem ersten Finanzminister der USA, der durch die Übernahme der Schulden der Bundesstaaten die Basis für die Vereinigten Staaten von Amerika gelegt hat. Gott bewahre. Kurz und die anderen Frugalen betonen in ihrem Papier, keine Schuldenunion durch die Hintertür zu wollen. Zu Hause gilt freilich der Leitspruch: Whatever it takes. Und der Finanzminister legt dem Nationalrat ein Budget vor, das bei den Ausgaben eine Schwankungsbreite von plus 30 Milliarden Euro hat.

In Ibiza halt ein bisschen verplaudert

Whatever it takes, das hat ja auch für den anderen gefallenen FPÖ-Politiker gegolten, der jetzt mit Hilfe von Medienauftritten im Vorfeld des Wiener Gemeinderatswahlkampfs wieder aufzustehen versucht. Heinz-Christian Strache hat sich auch auf Ibiza verplaudert, doch politisch das Genick gebrochen haben ihm dann Spesen und Mietzuschüsse, die er von der Partei kassiert hat. Das Bekanntwerden des Spesen-Unwesens hat auch der Partei nicht gut getan. Jetzt holt Strache mit seiner Kandidatur in Wien zum Todesstoß für die bisher starke FPÖ-Landesorganisation aus. Und im Volk scheint die Bereitschaft zu bestehen, den Mann wieder mit einem Mandat zu betrauen. Keine Sorge, sagt Strache. Das Geld für das Mandat werde er ausnahmsweise nicht nehmen, sondern an Sportvereine spenden. Eine frugale One-Man-Show sozusagen.

Verstörendes Bild für die Südtiroler hinter der gesicherten Grenze. (Bundesheer)

Die Misere hinter der One-Woman-Show

Eine ziemlich frugale One-Woman-Show zieht indessen Verteidigungsministerin Klaudia Tanner ab. Seit die ÖVP-Niederösterreich wieder an der Spitze des Heeresressorts steht, weht PR-mäßig ein noch schärferer Wind als unter dem seinerzeitigen Großmeister Hans Peter Doskozil von der SPÖ. Die Pandemie hat Tanner dazu genutzt, Soldaten für alles und jedes aufzubieten, vom Waren-Verteilen für Handeskonzerne über Medikamente- Sortieren für Pharmakonzerne bis hin zum Amazon-Packerln-Schupfen für die Post. Alles systemrelevante Bereiche, meint die Ministerin. Und wenn jemand Zweifel haben sollte, dann gibt es immer noch eine Verordnung, wonach das Heer Unterstützungsleistungen erbringen darf, um wehrpolitische Erfahrungen zu sammeln, sagt Tanner. Wen interessiert es, dass die Erfüllung der militärischen Kernaufgaben wegen Kaputtsparens im Argen liegt und keinerlei Aussicht auf nachhaltige Besserung besteht.

Auf den Brenner kam nur kurz ein Blackhawk

Ein Eindruck, der sich auch angesichts der Teilmobilisierung der Miliz hartnäckig hält: Von ursprünglich genannten 3000 Mann sind 2300 einberufen worden, 1400 sind dann Anfang Mai tatsächlich eingerückt. Das ist eine Befreiungsquote von 30 Prozent, und die ersten Kompanien dürften schon bald wieder abrüsten. Der Vorarlberger Militärkommandant Gunther Hessel hat das für seinen Bereich jedenfalls in Aussicht gestellt. An der Brenner-Grenze in Tirol wiederum hat Tanner mit einem Truppenbesuch den frugalen Bogen, den Sebastian Kurz im Kleinwalsertal begonnen hat, vollendet. Per Blackhawk-Hubschrauber hat sie Milizsoldaten besucht, die an diesem historisch sensiblen Grenzübergang das Virus stoppen sollen. Der Tiroler NEOS-Chef Dominik Oberhofer sprach von verstörenden Bildern, die der Europaregion Tirol und dem europäischen Gedanken massiv schaden.

Karikatur aus salto.bz

Die Freunde in der SVP in Schockstarre

In Verbindung mit der Aussage von Kanzler Kurz, wonach er keine Perspektive für eine Öffnung der Grenze zu Italien sehe, das seinerseits am 3. Juli aufmachen will, ist das besonders für Südtirol verstörend. Die Süddeutsche Zeitung hat diesem Aspekt unter dem Titel Gemeinheiten unter Freunden einen Artikel gewidmet, in dem es vor harten Worten Richtung Sebastian Kurz nur so wimmelt. Und der Journalist Christoph Franceschini von salto.bz schreibt: Sebastian Kurz hat die Öffnung der Brennergrenze mit einem Satz vom Tisch gewischt. Seine Busenfreunde in und außerhalb der SVP scheinen in Schockstarre gefallen zu sein. Knallharte nationale Interessen würden hier verfolgt, heißt es in Bozen – auch im Konzert der frugalen Vier, die bei der Corona-Hilfe für Italien bremsten.

Jede Menge Stoff und Laiendarsteller

Stoff ohne Ende jedenfalls für die Saga, die Felix Mitterer jetzt weiterschreiben will. In einem Interview zum 25-Jahr-Jubiläum der Piefke-Saga 2016 hat Mitterer noch Pläne für eine Russen-Saga gewälzt. Der Darsteller des Bürgermeisters von Lahnenberg, der legendäre Kurt Weinzierl, habe ihm kurz vor seinem Tod versprochen mitzumachen und gesagt, das spiele er ihm auch als ein Toter. So hat Mitterer erzählt. Bei dem was heute in Tirol und rundherum abgeht, würde sich Weinzierl als ein Toter wahrscheinlich in der einen oder anderen Szene schwertun. Dafür kann Mitterer auf ein Reservoir an Laiendarstellern aus dem richtigen politischen Leben zurückgreifen. Die können gut Texte einüben, wenn sie nicht zu lang sind. Und vor allem können die bitterböse Realsatire aus dem Stegreif.

Don ohne Donner

Nichts könnte das Dilemma des Werner Kogler besser illustrieren. Der Chef der Grünen ist der Mann im Maschinenraum der Koalition, wie er es selber definiert hat. Der gut informierte Josef Votzi hat Kogler jetzt zum heimlichen Mister Corona geadelt, zum Don der Koalition sozusagen. Ohne den grünen Vizekanzler würde die Kurz-Truppe in der Regierung schön ausschauen, ist die Botschaft. Aber: es ist Kogler, der mit dem Rücktritt von Ulrike Lunacek eine handfeste personelle Fehlentscheidung eingestehen und gleichzeitig dem Bundeskanzler, der diese Woche sein napoleonisches Kleinwalsertal erlebt hat, die Mauer machen muss.

Nach Das Beste aus beiden Welten ist Corona gekommen und die schwarz-grüne Regierung hat Koste es, was es wolle zu ihrem neuen Leitspruch gemacht. Eingefallen sei diese gut über die Lippen kommende Formulierung eben Werner Kogler und nicht dem Chefkommunikator des Kanzlers, dessen Aufgabe das Framing ja ist. Es war die bessere Übersetzung des englischen Whatever it takes von Mario Draghi, Sebastian Kurz habe Was immer es braucht einstudiert gehabt und sei dann spontan auf die stammtisch-tauglichere Variante des wirtshaus-erprobten Vizekanzlers umgeschwenkt. Kogler hat den Spruch am Freitag bei gleich zwei Auftritten ins Unkenntliche verstümmelt: Everything it takes ist eigentlich sinnvollerweise alles was es braucht, sagte er etwa in der ZIB2.

Auf der Bühne und im Maschinenraum

Jetzt könnte man anmerken: Genau deshalb sieht sich Kogler ja im Maschinenraum und nicht andauernd auf der Rampe wie sein Gegenüber Sebastian Kurz, der sogar einen simplen Stiegenaufgang im hintersten Winkel der Republik zur Bühne umfunktioniert und zu seinen jubelnden Fans spricht. Im Maschinenraum wird Politik gemacht, das ist das Wichtigste. Das will Werner Kogler mit diesem Bild auch vermitteln, er will sagen, dass es ihm um die Inhalte geht. Und die sind tatsächlich wichtiger als das Verkaufen, das bei der Kanzlerpartei seit der Machtübernahme von Sebastian Kurz im Mai 2017 im Vordergrund steht. Im Maschinenraum, da macht man sich aber bisweilen auch schmutzig. Man wird ölverschmiert und rußig. Auch wenn man darauf bedacht ist, unangepatzt zu bleiben.

Es ist trotz Erlaubnis kein Spaziergang

Beispiel Spaziergang-Erlaubnis. Ohne das Veto der Ökos hätte es wochenlang eine noch strengere Ausgangssperre gegeben. Grünes Licht für Sport oder Spazierengehen sei im türkisen Plan nicht vorgesehen gewesen. „Die Aussendung war schon geschrieben, wir haben das noch hineinreklamiert“, so ein grüner Insider. Das schreibt Josef Votzi in seiner Kogler-Exegese im trend. Dass dieser berühmte vierte Grund fürs Ins-Freie-Gehen den Hardlinern um Kurz ein Dorn im Auge war, konnte man daran erkennen, wie widerwillig Kurz & Co. ihn erwähnten, bisweilen haben sie den vierten Grund einfach vergessen. Die Grünen haben es nicht geschafft, das als Erfolg zu verbuchen. Mutmaßlich, weil es die bis heute zur Schau getragene Harmonie gestört hätte. Als dann lange nach Ostern so richtig klar wurde, dass Besuche bei Verwandten und Freunden zu Hause nie verboten waren, wie Kanzler und Innenminister suggeriert hatten, bekamen die Grünen den Unmut der vielen, die sich verschaukelt fühlten, genauso zu spüren. In trauter Harmonie.

Die Tragödie mit den Groscherlzählern

Beispiel Kulturszene. Eine Kernzone von Grün-Sympathisanten, auf die in der Krise einfach vergessen worden ist. Ein desaströser Auftritt von Kogler gemeinsam mit der seit damals irreparabel beschädigten Kulturstaatssekretärin Ulrike Lunacek. Da mangelte es an politischem Geschick und an Trittsicherheit auf dem ungewohnten Terrain, das muss der Grünen-Chef jetzt mit einer klugen Nachfolge-Entscheidung ausbessern. Da mangelt es aber vor allem an Unterstützung von Seiten des Finanzministers: Wenn ich noch lange sekkiert werde, dann mache ich öffentlich, dass im Finanzministerium da einige nur als Groscherlzähler am Werk sind, soll Kogler – der den Job liebend gern selber gemacht hätte – gesagt haben. Bei der Vorstellung des Öffnungsplans für Kunst und Kultur am Freitag hat der Vizekanzler das auch angesprochen: Es habe die Sorge gegeben, dass Kulturschaffende bei großzügigen Hilfen besser verdienen könnten als vor der Krise.

Kogler kennt kein Distancing zum Kanzler

Eigentlich eine unfassbare Aussage und unüberbietbare Kritik an der ÖVP, die ja das Finanzressort führt. Vorgebracht – oder besser gesagt: hingenuschelt – von Werner Kogler am Ende einer langen Pressekonferenz, wo schon keiner mehr richtig zugehört hat. Der Grünen-Chef, wie er leibt und lebt. Beim selben Medientermin ist Kogler auch auf den international beachteten und vielkritisierten Auftritt von Sebastian Kurz im Kleinwalsertal angesprochen worden. Kein Social Distancing durch den Kanzler, der im Gegenteil den Kontakt mit der Bevölkerung sogar gesucht hat, wie die Bilder nahelegen, so der Vorwurf. Kogler verteidigte Kurz. Der Kanzler habe ja eh betont, dass die Veranstalter überrascht gewesen seien über die plötzlich aufgetauchte Menschenmenge – die vorher via Facebook zu Bekundungen und Beflaggung aufgerufen worden war.

Nach Kleinwalsertal wieder nach Lehrbuch

Kein Wort Koglers, dass das ein Sündenfall war, der selbst den Leuten um Kurz schmerzlich bewusst ist. Der Kanzler habe ja auch gesagt, dass man aus diesem Vorfall lernen werde, fügte der koalitionstreue Grünen-Chef noch hinzu. Sebastian Kurz muss da nicht viel lernen, er kennt sein Lehrbuch auswendig. Verteidigen tun ihn die Grünen und seine Landeshauptleute. Er selbst hat am nächsten Tag ein Maskenfoto gepostet, von einem Drive-in für Corona-Tests in Innsbruck. In einem ZIB2-Interview hat Kurz dann nicht sich selbst verteidigt, sondern die armen wie entbehrungsreichen Gemeindebürger von Mittelberg, die ihm im Kleinwalsertal gehuldigt haben. Rhetorisch schwer zu übertreffen und das Geheimnis seines Erfolges. Kurz streut auch noch ein, dass die anwesenden Medienleute nicht auf den Abstand geachtet hätten. Don’t mess with Message Control.

Und wieder Schmieröl, damit es nicht quietscht

Im gleichen Interview, in dem es um das corona-königliche Bad in der Menge gegangen ist, kam auch die Frage nach Ulrike Lunacek und was an den Rücktrittsgerüchten dran sei. Der ÖVP-Chef hat so geantwortet, dass kein Zweifel mehr bestehen konnte: dieser Rücktritt steht unmittelbar bevor. Und damit war auch klar, dass es Don Kogler sein wird, der Kurzens fatales Bad in der Menge ausbaden wird. Durch abrupten Themenwechsel hin zum Versagen der Grünen bei der Kultur. Kogler kommt aus dem Maschinenraum, versucht zu reparieren, was geht. Und dann verschwindet er wieder nach hinten und schüttet Schmieröl nach, damit es nicht quietscht, wenn ER auf die Bühne springt.

Ein extra Dienst

Ich sitze wie viele Leute immer wieder bei der Übertragung einer Pressekonferenz und gehe relativ uninformiert wieder weg. Sagt der von der Krisenkommunikation der Regierung offenbar enttäuschte Bregenzer Festspiel-Präsident Hans-Peter Metzler in den Vorarlberger Nachrichten. Diese Pressekonferenzen waren auch aus Sicht der Medien enttäuschend, weil sie nicht zur Vertiefung der Information, sondern für Verlautbarungen und Krisen-Inszenierung genutzt worden sind. Auch kein Ruhmesblatt für uns Journalisten übrigens. Und der Medienbeaufragte des Kanzlers hat dafür jetzt den Marketing-Preis eines Branchenmagazins gewonnen.

Der Extradienst von Christian Mucha zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass der Herausgeber mehrere Seiten umfassende Leitartikel schreibt und allen Medienhäusern der Republik – auch dem ORF – mit einer speziellen Geschäftstüchtigkeit ganzseitige Inserate verkauft, die sein Magazin gut finanzieren. Von den vielen Rankings, die Mucha so übers Jahr in sein Blatt rückt, nimmt außerhalb der Inserenten-Blase keiner Notiz. Es sei denn, der Regierungssprecher und Kanzler-Vertraute Gerald Fleischmann gewinnt so ein Ranking. Dann wird das ganz groß gespielt. Nämlich gleich in der Kronenzeitung, die auch schon Fleischmanns Chef fast ikonographisch als Der Krisenmanager abgefeiert hat.

Krone-Artikel, das Bild hat der Hausfotograf des Bundeskanzleramts gemacht.     (Melicharek)

Die Branche huldigt dem Mann an den Töpfen

Hier huldigt also eine Branche via Branchenblatt dem Medienbeauftragten des Kanzlers, der den 15-Millionen-Topf für die COVID-Kampagne der Bundesregierung verwaltet. Die operative Vergabe von Inseraten falle nicht in die Zuständigkeit von Fleischmann, hat der Bundeskanzler in einer Anfragebeantwortung an die NEOS wissen lassen. Nur: operativ machen das ohnehin Agenturen. Im konkreten Fall wurde und wird jedenfalls Geld verteilt, das für die Verlage in der Inseratenkrise durch den Lockdown extrem wichtig war. Es ist auch an die Privatsender geflossen, obwohl die wie der ORF per Gesetz Gratis-Sendezeit dafür zur Verfügung stellen müssten. Gerald Fleischmann war auch federführend beim Corona-Hilfspaket für die Medien, das ist eine Sonderförderung mit Schwerpunkt auf dem Zeitungsboulevard, weil die Druckauflage das zentrale Kriterium war. Der Bundeskanzler hat am Internationalen Tag der Pressefreiheit am 3. Mai gern an diese Wohltat erinnert.

Gerald Fleischmann sieht sich insgeheim wohl als eine Art Staatssekretär, als solcher wird er – siehe das Ranking und seine Funktion als Kanzlers Voice für sämtliche Player auf dem Medienmarkt – auch hofiert. Seinen Rollenkonflikt – einerseits Öffentlichkeitsarbeit und Marketing fürs Kanzleramt (und als dessen stellvertretender Büroleiter immer auch indirekt für Sebastian Kurz) sowie Medienpolitik andererseits – den hat der Bundeskanzler mit der Anfragebeantwortung nicht ausräumen können.

Die An- und Zumutung des Maulkorbs

Die Konstellation wäre mit typisch österreichisch – wo doch Armin Thurnher im Falter über Jahre mit seinem Ceterum Censeo die Zerschlagung der Mediaprint gefordert hatte und wir viel gewohnt sind – unzureichend beschrieben. Die Konstellation ist beunruhigend, denn sie zeigt Wirkung. Ob das die Regierungspressekonferenzen sonder Zahl sind, wo es weniger um Fragen und Antworten als um die propagandistische Verfestigung von Schlagwörtern wie Lebensgefährder gegangen ist. Der im Kanzleramt obligatorische Mundschutz hat in keiner anderen Situation so die Anmutung des Maulkorbs wie in diesen Pressekonferenzen. Und dass der ORF diese übertragen musste, barg den Keim für überaus kritische Nachbetrachtungen in sich. Hier und auch hier ist alles dazu gesagt.

Oder ob es die Wirkung der Propaganda ist. Als es der Mediziner Martin Sprenger wagte, die vernachlässigten anderen Aspekte öffentlicher Gesundheit neben dem Corona-Virus ins Treffen zu führen, gab es einen Rüffel vom Kanzler. Und der Krone-Chefredakteur hat Sprenger zum Experten unter Anführungszeichen degradiert.

Der Drummer mit der großen Reichweite

Im gleichen Blatt schreibt auch der Welt-Drummer Martin Grubinger aus Salzburg, der dem Bundeskanzler schon einmal totalitäres Denken vorwirft, um sich dann dafür zu entschuldigen und auf: eine Neigung zu autoritären Entscheidungen zu korrigieren. Grubinger kann sich das leisten, die Krone lässt ihn gewähren, schließlich hat sie ja auch ein A-Schicht-Publikum. Und der Star nimmt sich kein Blatt vor den Mund: Ich habe das Glück (…), auch kritisch zu politischen Entwicklungen Stellung beziehen zu können. Aber an welcher Stelle geht das mittlerweile nicht mehr? Werden querdenkende Charaktere nach und nach aus dem Diskussionsraum verbannt, weil man Sorge um die nächste öffentliche Zuwendung, das nächste Inserat oder die nächste Postenbesetzung hat?

Die Sorge um das nächste Inserat

Ein Beitrag im Ö1-Mittagsjournal über die COVID-Kampagne der Regierung, die Rolle des Roten Kreuzes und der regierungsnahen Agenturen im Hintergrund – eine schiefe Optik und allemal eine Geschichte – ist nur vom Standard und kurz auch vom Falter aufgegriffen worden. Die Sorge um die nächste öffentliche Zuwendung und das nächste Inserat war greifbar und ist hinter vorgehaltener Hand sogar angesprochen worden. Man kann es den unter massivem wirtschaftlichen Druck stehenden Zeitungen nicht einmal verdenken. Ob die renommierten Salzburger Nachrichten auch unter anderen Umständen das Wording des Bundeskanzlers am Osterdienstag als Blattaufmacher-Titel verwendet hätten, fragt man sich: Heute ist Lostag für den Weg zurück in die neue Normalität, stand da. So wie es Kurz seit Tagen verkündet hatte: Wenn ihr zu Ostern brav seid, dann gibt’s was.

Fleischnotstand in Amerika & Austrian Angst

Oder die Kleine Zeitung, die dem Bundeskanzler zur Seite gesprungen ist, nachdem ein Protokoll den Schluss nahegelegt hatte, Sebastian Kurz habe bewusst mit Angstparolen gearbeitet. Im Morgen-Newsletter der Kleinen wurde für den gelernten Österreicher zur schärfsten denkmöglichen Waffe gegriffen und die Frankfurter Allgemeine Zeitung zitiert: Fleischnotstand in Amerika! Um das dann pro Kurz ins Treffen zu führen: Nie hat die Regierung solche Szenarien an die Wand gemalt. Man beschränkte sich darauf, vor drohenden Engpässen in Krankenhäusern zu warnen. Und der Chefredakteur legte  dann im Sonntagsblatt noch richtig eins drauf: Das vereitelte Massensterben, der verhinderte Abtransport der Leichen in Sattelschleppern haben als Argument retrospektiv Beweisnot, die Realität der wirtschaftlichen Verheerungen hat keine. Das hat Folgen. (…) Die Schienbeingesellschaft kehrt zurück und mit ihr die alten Bruchlinien.

Die Medienarbeit läuft im Hintergrund weiter

Es geht wohlgemerkt um den legitimen Diskurs, ob die Regierung angemessen mit der Krise umgegangen ist und ob es Alternativen gegeben hätte. Dass sein Weg alternativlos sei, hat Sebastian Kurz auch während der Krise in mehreren Hintergrundgesprächen mit MedienvertreterInnen zu vermitteln versucht. Die eine oder andere Info, die man lieber nicht direkt kommuniziert, hat dann auf diesem Weg in die Öffentlichkeit gefunden. Dass der Kanzler mit der Rotkreuz-Corona-App keine Freude mehr hat, das hat man zum Beispiel in den Vorarlberger Nachrichten sehr deutlich lesen können. Kurz vorher hat ein Gedankenaustausch mit den Chefs der Bundesländerzeitungen stattgefunden. Und auch die Losung: Wien darf nicht Ischgl werden, welche Die Presse am Sonntag infolge der ansteigenden Infektionszahlen in der rot-grün regierten Bundeshauptstadt ausgegeben hat, könnte Kurz gefallen haben. Wobei für ihn Ischgl ja eigentlich München ist.

Videobotschaft des Kanzlers von der Regierungsklausur für Szenewirt Martin Ho.    (Instagram)

Der Kanzler-Freund verschlief die Corona-Party

Dabei wäre ja am Wochenende das die eigentliche Geschichte gewesen: Wien darf nicht Döbling werden. Denn dort, in einem Nobellokal des Szenewirts Martin Ho, hat die Polizei eine Corona-Party mit so viel Drogen für den Eigenbedarf ausgehoben, dass der arme Drogen-Spürhund nicht mehr gewusst hat, wo ihm die Nase steht. Ho habe um die Uhrzeit – die Razzia hat um 20 Uhr stattgefunden – schon geschlafen, sagt sein Anwalt. Schuld sei der Koch, und auf den sei der Szenewirt jetzt sauer. Was nur in wenigen Berichten etwa hier und hier erwähnt war: Martin Ho ist sehr eng mit Bundeskanzler Sebastian Kurz, dem obersten Kämpfer gegen Corona-Partys aller Art. Und zwar viel enger als mit anderen Politikern, die auch bei ihm verkehren. So hat Kurz zum  Beispiel Ende Jänner von der Regierungsklausur in Krems aus eine Videobotschaft an eine bei Ho versammelte exklusive Runde geschickt, wie der Wirt auf Instagram dokumentiert hatte.

Es hat schon stärker gerauscht im Blätterwald

Als im März ein FPÖ-Landtagsabgeordneter in der Steiermark mit drei anderen Pizzas bestellte und dabei Lärm machte, der einen Nachbarn störte, kam ebenfalls die Polizei und löste diese vergleichsweise kleine Corona-Party auf. Der junge FPÖ-Politiker zeigte sich reuig und musste nach wenigen Tagen sogar sein Mandat zurücklegen. Damals hat es im Blätterwald vergleichsweise gerauscht. Aber das kann ja noch werden. Und wenn nicht, dann schreibt vielleicht Addendum was darüber. Denn die Mateschitz-Plattform versucht, auch in Sachen Corona bewusst gegen den Strich zu bürsten, der Public-Health-Experte Martin Sprenger etwa hat dort ein Dauerforum gefunden, nachdem er aus dem Expertenrat des Gesundheitsministers ausgeschieden ist.

Mateschitz-Medien gegen den Strich & drüber hinaus

Dann schießen die Mateschitz-Medien aber auch übers Ziel hinaus. Wenn etwa Servus-TV-Intendant Ferdinand Wegscheider einen Professor aus Deutschland interviewt, der die Maßnahmen gegen das Virus als sinnlos und selbstzerstörerisch geißelt. Und dann – mit sanfter Mithilfe des Interviewers – nicht ausschließt, dass eine Verschwörung wahlweise von Bill Gates, der WHO oder der Pharmaindustrie hinter all dem stecken könnte. Servus – und hier schließt sich der Kreis – bekommt trotzdem Corona-Sonderförderung aus dem Privatrundfunkfonds und kriegt auch die Spots aus der COVID-Kampagne der Regierung bezahlt. Damit hier keine Verschwörung aufkommt: Das passt schon so in der aktuellen Situation. Im Übrigen bin ich allerdings der Meinung, die Medienförderung gehört endlich reformiert und qualitätsorientiert auf neue Beine gestellt. (© Armin Thurnher)