Beim XXXKurz

Die Legende besagt, dass Mariusz Jan Demner – der Doyen der Werbebranche in Österreich – einen Kunden mit drei schnell hingemalten Kreuzen großgemacht hat. Aus dem Möbelhaus Lutz wurde so der XXXLutz mit Familie Putz, der wie viele Händler mit längeren Öffnungszeiten und Sonderangeboten aus dem Lockdown geht. Sebastian Kurz bleibt nur der Appell an die weihnachtseinkaufs-hungrigen Österreicher, nicht übermütig zu werden. Das mit den Massentests läuft nicht so rund bei uns. Bayern verschärft, statt zu lockern. Virologen sehen die Fallzahlen zu Weihnachten schon wieder explodieren. Der ÖVP-Chef und Bundeskanzler kommt mit den Volten nicht mehr nach. Beim XXXKurz bröckelt der Putz.

Der XXXLutz hat sich zu einem der größten Möbelhäuser der Welt entwickelt, think big kann durchaus funktionieren, wenn Strategie und Plan stimmen. Der eine & andere Trick auf dem Weg dorthin muss erlaubt sein, etwa seine Marken in eine eigene Firma auf Malta einzubringen und dieser Firma dann steuerschonend Lizenzgebühren zu überweisen. Langjähriger Geschäftsführer und danach Aufsichtsratschef bei der Lutz-Gruppe war Hans Jörg Schelling, der dann später als ÖVP-Finanzminister solche Steuerschlupflöcher anprangerte. Auch Sebastian Kurz hat auf dem Weg nach oben einen Plan gehabt und ist vor Geländebereinigungen nicht zurückgescheut. Eine solche war auch Schelling, den er durch Hartwig Löger, den Mann mit dem ranzigen Daumen, ersetzt hat.

Kein Adventwunder beim Massentesten

Zwei Nationalratswahlen innerhalb von zwei Jahren, und die ÖVP war bei 37,5 Prozent. Das ist vielleicht eine der größten Kanzlermehrheiten der Welt, und sie wird laut aktuellen Umfragen nicht weniger. Pandemie-Pannen hin, Versäumnisse im Verfassungsschutz her: die Kurz-ÖVP liegt bei 40 Prozent, auch die Grünen können sich halten, die Mehrheit der Koalition ist stabil. In der Direktwahl-Frage – wo es um die persönlichen Werte geht – hat Kurz allerdings einen Dämpfer bekommen. Sein unrundes Krisenmanagement, das er mit den überraschend angekündigten Massentests kommunikativ wieder in den Griff kriegen wollte, schlägt sich auch in Umfragezahlen nieder. Und das ist eine Sprache, die man im Team Kurz versteht: Am Montag geht der Kanzler gemeinsam mit Bürgermeister Michael Ludwig demonstrativ zum Testen in die Wiener Messehalle. Quasi Adventwunder.

Der Kanzler ärgert die Landesfürsten

Josef Votzi beschreibt die Hintergründe der Kurz’schen Misere. Der Kanzler wollte am Wochenende vor Weihnachten so eine Art Massentest-Wahltag, die Länder haben aber nicht mitgespielt und frühere Termine angesetzt: So als hätte er selber nie etwas anderes gewollt, katapultierte er sich blitzartig an die Spitze der Test-Tempobolzer in den Ländern: „Als ich Massentests vor Weihnachten angekündigt habe, gab es da und dort noch Bedenken, ob das so schnell möglich ist. Ich bin froh, dass nun alle Bundesländer früher als gedacht Massentests durchführen“, suchte Kurz, ohne mit der Wimper zu zucken, den Spieß einmal mehr zu seinen Gunsten umzudrehen. Votzi schreibt auch darüber, wie Kurz sich bei der Öffnung der Skigebiete über Weihnachten am Ende doch den Deutschen fügen musste. Keine Hotels, keine Gastronomie. Merkel & Söder schlagen Adlerrunde.

Zurückrudern nach den markigen Tönen

Beim XXXKurz wird deshalb jetzt zurückgerudert. Tourismusministerin Elisabeth Köstinger, die eben noch mit markigen Tönen Richtung europäische Partner aufgefallen ist, fällt jetzt mit sich widersprechenden Aussagen auf. Polizei wird auf Ski-Piste zum Einsatz kommen! Das ließ sie vor einer Woche via Fellner-Gratiszeitung wissen. Am Nikolo-Tag zitierte die Kronenzeitung Köstinger dann so: Es wird sicher keine Skipolizei geben. Die habe nämlich anderes zu tun, was auch Innenminister Karl Nehammer im Interview mit der Tageseitung Die Presse bestätigt hat. Demnach gibt es auch keine Sprachpolizei, so Nehammer in Zusammenhang mit den sogar vom Grünen-Chef Vizekanzler Werner Kogler kritisierten Kanzler-Aussagen zum Westbalkan.

Wir hatten im Sommer sehr, sehr niedrige Ansteckungszahlen nach dem Lockdown und haben dann durch Reiserückkehrer, und insbesondere auch durch Menschen, die in ihren Herkunftsländern den Sommer verbracht haben, uns Ansteckungen wieder ins Land hereingeschleppt. Das hat Kurz in der Pressekonferenz zu den Öffnungs-Schritten nach dem Lockdown gesagt, der Innenminister hat ihm dabei assistiert.

Die Sprachpolizei und mitgemeinte Menschen

Hätte man das nicht anders formulieren müssen, fragt Iris Bonavida im Presse-Interview. Nehammer darauf: Ich bin ein Freund der klaren Sprache, weil sie zu weniger Verwirrung beiträgt. Es ist nicht immer angenehm, Dinge so zu benennen, wie sie sich darstellen. Ja, wir haben das gesagt. Aber wir haben auch von der Party in Prag gesprochen. Nehammer spricht immer auch von Menschen, die in Österreich leben. Der Kanzler wendet sich nur an die Österreicherinnen und Österreicher. Kein Problem für den Innenminister: Wenn der Kanzler von Österreicherinnen und Österreichern spricht, sind für ihn alle, die hier leben, umfasst. Ich bin ein großer Verfechter der Polizei, aber kein Freund der Sprachpolizei. Wenn es ins Konzept passt, ist es klare Sprache. Wenn nicht, ist es Sprachpolizei.

Kurze Angst vor dem zweiten Durchgang

Immer öfter ist es auch nur Herausreden. Auf die Frage, wann jetzt der zweite Durchgang der Massentestungen stattfinden wird, ohne den der ganze Aufwand wenig Sinn gehabt haben wird, ist Sebastian Kurz immer unkonkreter geworden. Hat er in der ZIB2 noch vom Dreikönigstag gesprochen, hat er auf konkrete Nachfrage von Tobias Pötzelsberger in der ZIB Spezial so begonnen: Herr Pötzelsberger, ich muss ein bisschen ausholen. Kurzens Problem ist, dass die Länder offenbar nicht weiter mitspielen wollen. Deshalb macht es der Kanzler von der Beteiligung an den Massentests abhängig, wie es weitergeht. Und die ist zumindest bisher nicht berauschend. Kurz hat sich die Latte jetzt auf die Teilnahme von einem Drittel der Bevölkerung gelegt, aber nicht gesagt, was dann passieren wird.

Screenings von bestimmten Berufsgruppen und regionalen Hotspots werde es auf jeden Fall geben, sagt der Kanzler. Das ist gut und logisch, aber nicht der Punkt. Es soll nur verschleiern, dass sein Überraschungscoup mit den Massentests möglicherweise ein großer Flop wird. Kurz flüchtet sich ins Theoretisieren und virologische Dilettieren: In der Theorie ist der Massentest dann der absolute Gamechanger, wenn er zweimal innerhalb von kurzer Zeit durchgeführt wird und alle Menschen mitmachen. Würden wir innerhalb von einer Woche alle Menschen zweimal testen, dann hätten wir das Virus in Österreich fast gänzlich ausgerottet. Das haben sie beim XXXKurz aber leider nicht im Angebot.

Verschleiern, Theoretisieren & Hörensagen

Weshalb der Kanzler dann auch noch die hohe Beteiligung bei den Experimenten in der Slowakei – sein Vorbild – und Südtirol zu relativieren bemüht ist. In der ZIB Spezial sagte Sebastian Kurz: Von 80 Prozent in Südtirol weiß ich nichts, da hätte ich einen anderen Eindruck. Ich hab einmal Quoten von 60 Prozent gehört. Ich glaub, wenn Sie dann stärker in die Details gehen, werden Sie sehen, dass zum Beispiel in der Slowakei oder auch in Südtirol teilweise nur Menschen bis 65 getestet worden sind. Das heißt, es war eine kleinere Gruppe, die man getestet hat, und insofern haben die dann einen größeren relativen Prozentsatz angegeben. Aber sei’s wie’s sei. So der Kanzler wörtlich. Ein anderer Eindruck, hab von Quoten gehört, teilweise nur bis 65 getestet. Das klingt nach Hörensagen und nicht nach profunden Informationen eines Regierungschefs.

Ohne Sonderangebot aus dem Lockdown

Anders als der XXXLutz geht der XXXKurz nicht mit Sonderangeboten aus dem Lockdown. Die Regale des Kanzlers sind längst nicht mehr so gut gefüllt, wie sie es einmal waren. Dennoch hält sich die Legende hartnäckig, die ÖVP werde noch das geplante COVID-Impfprogramm abwarten und dann ins Licht am Ende des Tunnels marschieren und sich wieder den Freiheitlichen annähern. In der Kronenzeitung, die bekanntlich kein Nischenmedium ist, konnte man so etwas schon lesen. Das Kalkül dahinter? Geschenkt. Allein dass so eine Legende gesponnen und angesichts der ramponierten Verfasstheit der Koalitionsparteien nicht sofort ins Reich des absolut Lächerlichen verwiesen wird, spricht Bände. Und macht irgendwie Angst.

Ein Gedanke zu „Beim XXXKurz

  1. Je mehr dieser XXX-Spätpubertierende merkt, dass seine Botschaften nicht mehr als evangelische Verkündigungen wahrgenommen werden, umso unsachlicher und -fachlicher werden seine Äußerungen und Aktionen. Was mich wunder nimmt sind jene Menschen in Österreich, die nicht wahrhaben wollen, dass sie hier wieder einmal einem Blender und Passepartout auf den Leim gehen. Einer, der weder Ahnung von eigener Arbeit, der Wirtschaft noch von Politik (im Sinne der res polis, es geht ja nur um das Netzwerk der Türkisen ÖVP) und als Jus-Studienabbrecher auch keine Ahnung von der Legislative hat, soll dieses Land regieren. Und noch schlimmer: Die Grünen machen diesen Schmarren einfach mit. Unpackbar. Viele Menschen in meinem Umfeld deklarieren, die Grünen beim nächsten Mal auch nicht mehr wählen zu wollen.

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