Perspektivny

Der Guardian zitiert aus einem Geheimpapier aus Moskau über eine Besprechung von Wladimir Putin mit seinen Spionagechefs. Es war US-Präsidentenwahl, und der Kreml wollte mitmischen: It says Trump is the „most promising candidate“ from the Kremlin’s point of view. The word in Russian is „perspektivny“. Dieses Protokoll ist der ultimative Beleg dafür, dass Russland zugunsten von Donald Trump auf die Wahl 2016 Einfluss genommen hat. Trump appears to really be and have been America’s first Manchurian Candidate, heißt es auf der US-Plattform Medium. Perspektivny und Manchurian Candidates, das kennen wir.

Das deutsche Wort für perspektivny ist vielversprechend. Auf keinen ist das so oft angewandt worden und keiner hat es so oft getan – nämlich viel versprechen – wie Sebastian Kurz. Zuletzt hat der ÖVP-Obmann die Pandemie aus Sicht des Staates für beendet erklärt und versprochen, es sei wieder alles erlaubt, was Spaß macht – um wenige Tage später im Zuge seiner medial intensiv umhegten USA-Reise wieder Einschränkungen mitzutragen. Der grüne Gesundheitsminister hat das Heft in die Hand genommen, als die Infektionszahlen mit der Delta-Variante heftiger als erwartet gestiegen sind. Und die unzuständige Tourismus- und Gastronomieministerin Elisabeth Köstinger klang allen noch im Ohr, wie sie das rote Wien der Übervorsicht geziehen hatte, weil man dort der perspektivny des Bundeskanzlers nicht trauen wollte.

Der Gesundheitsminister hat das vom Kanzler abgelegte Heft in die Hand genommen.

Ministerin Köstinger, eine Überschwemmung

Köstinger war ja auch einmal Umweltministerin, deshalb kennt sie sich mit der Klima-Katastrophe und von dieser begünstigten Naturkatastrophen aus. Die Überschwemmung des Zentrums von Hallein in Salzburg gehe auf das Konto der NGO, die durch Einsprüche im Genehmigungsverfahren die unumstritten notwendigen Maßnahmen für den Hochwasserschutz verzögert habe, ließ Köstinger von Brüssel aus wissen. Die zuständige Feuerwehr verwies freilich auf Verklausungen durch mitgerissene Pkw und sprach von einer Verkettung unglücklicher Umstände: Ohne diesen Fahrzeugpfropfen wäre der Hochwasserschutz wohl mit den Regenmengen zurechtgekommen oder die Überschwemmung zumindest weitaus glimpflicher ausgegangen. Die Leute im Einsatz gegen die Flut wissen wahrscheinlich noch nichts von der Klima-Diktatur, die der Umweltsprecher der ÖVP, Johannes Schmuckenschlager, an die Wand gemalt hat.

Schwarzer FPÖ-Sprech auch in Klima-Fragen

Der NÖ-Abgeordnete hat im Ö1-Mittagsjournal die ruhige Performance der grünen Klimaschutz-Ministerin Leonore Gewessler angesprochen und im FPÖ-Sprech kritisiert: Dass sie hier sehr schnell Dinge formuliert und fixieren möchte, die aber vorher nicht diskutiert, und man möchte dann nicht sozusagen eine Klimadiktatur haben. Ich glaube, unser Weg ist nicht der, dass weniger Auto gefahren werden soll, sondern dass wir uns überlegen, was füllen wir in den Tank. Nach den Überflutungen am Wochenende nahmen die Solidaritätsadressen vom Kanzler abwärts kein Ende, aber seine Manchurian Candidates in der ersten, zweiten und dritten Reihe bleiben angesichts der bereits für simple Gemüter greifbaren Auswirkungen der Treibhausgas-Emissionen dabei: Diktatur der Klimaschützer und der NGOs, Autofeinde überall.

Es gilt die Gehirnwäsche-Vermutung

Umdenken ist bei der noch immer mit Abstand stärksten politischen Kraft im Land nicht angesagt. Wobei die Definition von Manchurian Candidate anzupassen wäre. Bei uns geht es natürlich nicht um Infiltration der Demokratie durch fremde Mächte wie im Original des Films, von dem das Phänomen eines fiktiven Schläfers in höchsten politischen Kreisen seinen Namen hat. Das Remake mit Denzel Washington kommt uns schon näher, geht es da doch nicht mehr um die bösen Kommunisten, sondern um die globalen Geldverschieber als Hintermänner. Stichwort Großspender. Was bleibt ist der Kern. Die Gehirnwäsche, die Manchurian Candidates erst möglich macht. Daran fühlt man sich leider immer wieder erinnert, nicht nur wenn man den jetzt endgültig abgedrehten Ibiza-Untersuchungsausschuss Revue passieren lässt.

Hangers & Arnoldners und kaum Luft nach unten

Ein Andreas Hanger zum Beispiel, ÖVP-Fraktionsführer im U-Ausschuss, der kann nur so agieren, wie er agiert hat, wenn er komplett neu aufgesetzt worden ist. Der Mann hat neue Maßstäbe der Diskurszerstörung gesetzt, und das ist nichts, worauf eine staatstragende Partei stolz sein könnte. Oder Bernadette Arnoldner, die Landesgeschäftsführerin der ÖVP Wien, deren Parteichef der Finanzminister ist, dem die Grünen in der Sondersitzung am Montag einmal mehr die Mauer gemacht haben. Frau Arnoldner hat den grausamen Mord an einer Dreizehnjährigen in Wien-Donaustadt – dringend tatverdächtig sind schon früher straffällig gewordene afghanische Asylwerber – parteipolitisch gegen das von den Schwarzen regelrecht gehasste rote Wien instrumentalisiert. Das Mädchen sei Opfer eines Systems in Wien geworden, hat Arnoldner auf Facebook geschrieben. Ihr Foto neben einer Gedenktafel. Nach ungläubigen Protesten auch aus den eigenen Reihen der übliche Rückzieher.

Manchurian Candidates bis zum Bodensee

Manchurian Candidates wohin man schaut. In der Sitzung, wo die Grünen Gernot Blümel wieder vor einem Misstrauensantrag gerettet und den Ibiza-Untersuchungsauschuss ein letztes Mal nicht verlängert haben, hat ein gewisser Karlheinz Kopf – Generalsekretär der Wirtschaftskammer unter Harald Mahrer – einem Entschließungsantrag von ÖVP und Grünen zugestimmt, der nicht mehr und nicht weniger als eine Ohrfeige für die Landes-ÖVP in seiner Heimat Vorarlberg ist. In dem Antrag wird Klimaschutz-Ministerin Gewessler ausdrücklich aufgefordert, ein alternatives Projekt zur seit Jahren umstrittenen S18 zu prüfen – die wiederum für die Vorarlberger ÖVP ein absolutes Muss ist. Für so ein Abstimmungsverhalten muss man sich in der Landeszeitung Vorarlberger Nachrichten natürlich rechtfertigen. Kopf hat das so getan, Zitat: Der Antrag wurde der ÖVP von den Grünen regelrecht abgenötigt.

Die ÖVP im großen Straßenbau-Dilemma

Das ist gar nicht so ein kleiner Erfolg für Leonore Gewessler, die den Entschließungsantrag politisch initiiert hat. Die Zustimmung der ÖVP bedeutet nämlich, dass sie die von der grünen Ministerin ausgerufene Evaluierung aller Straßenbauprojekte akzeptiert. Darunter der Lobau-Tunnel und die sogenannte Stadtstraße – das einzige Thema, wo Rot und Schwarz einmal einer Meinung sind. Nämlich dass gebaut werden muss. Sebastian Kurz hat sich da rasch auf die Seite seiner Landeschefs geschlagen und den Hausverstand ins Spiel gebracht, der den Straßen schon noch zum Durchbruch verhelfen werde. Auch sehr perspektivny, dieser Ansatz. Und im Zweifelsfall gilt nicht, was August Wöginger im Parlament mit Sigrid Maurer treibt, sondern das, was Kurz und seine Consulter im Kanzleramt sagen.

Überschattete Erfolge der Leonore Gewessler

Der gar nicht so kleine Erfolg der Grünen war der Preis, den die ÖVP fürs Stillhalten in Sachen U-Ausschuss und Blümel zahlen musste. Konkreter Hebel für die Grünen war ein ÖVP-Ausritt im Bundesrat. Der Erfolg bleibt mit dem Makel behaftet, dass er wie alle anderen Erfolge im Umweltbereich im Schatten einer nachhaltigen Beschädigung der demokratischen Kultur in diesem Land stattfindet. Das kann man den Grünen anlasten, doch es ist eine Verantwortung, die allein die Kanzlerpartei zu tragen hat – die schwarzen Landesfürsten, die auf türkise Bonuspunkte spekuliert haben und weiter spekulieren, inbegriffen. Ihnen ist vielleicht nicht bewusst, dass die Mandschurei in der österreichischen politischen Geographie gleich neben Ibiza liegt. Und dass ihnen das alles noch einmal gewaltig auf den Kopf fallen könnte. Denn so vielversprechend ihr Votegetter dereinst angetreten ist, so perspektivny präsentiert er sich heute.

Michael Ludwig beim Set-Besuch von SOKO Donau, aber noch ohne SOKO SPÖ. (Screenshot / W24)

Das Leiden der SPÖ & Kurzens Sommer wie damals

Kurzens Glück ist, dass er immer noch keine Konkurrenz hat und einen Zwischenwahlkampf-Sommer wie damals einschieben kann – als er von der Parlamentsmehrheit abgewählt wurde und der ersten Bundeskanzlerin der Republik Platz machen musste. Pamela Rendi-Wagner wird Brigitte Bierlein schon dann und wann um diesen Titel beneidet haben, denn sie ist auch von der zweiten Bundeskanzlerin der Geschichte weiter entfernt denn je. Hans Peter Doskozil spricht zwar richtige Dinge an und bereitet Rendi-Wagners Umfeld, wo alle um ihr Leiberl fürchten, schlaflose Nächte. Aber Doskozil, den die SPÖ-Vorsitzende konsequent als einstigen Hoffnungsträger bezeichnet, ist ihr Manchurian Candidate. Während die SPÖ-Anhänger so Eine wie sie wollen, sind die Anhänger der rechten Parteien mehrheitlich massiv für Doskozil als SPÖ-Chef. Eine sinnlose Rechnung, die aber gegen die SPÖ aufgeht.

Doskozil schläft nicht & Ludwig spielt eine Leiche

Doskozil ist sozusagen ein Schläfer, der nicht schläft. Wer hingegen sehr wohl schläft, ist der Wiener SPÖ-Chef Michael Ludwig, der als Einziger die Macht hätte, in der Bundespartei für Klarheit zu sorgen. Ludwig und stellvertretend die Stadt Wien bekommen nicht zufällig immer wieder etwas von der Volkspartei ab, er ist mit seiner gut geölten SPÖ-Maschinerie einer der wenigen ernstzunehmenden Gegner, die Sebastian Kurz – neben sich selber – noch hat. Über kurz oder lang wird Ludwig daher handeln müssen, auch wenn das Rathausleben so beschaulich sein kann. Kürzlich war der Bürgermeister am Set für die Dreharbeiten zu SOKO Donau und hat sich sichtlich gefreut, dass er vielleicht auch einmal mitspielen darf. Man habe ihm eine Rolle als Leiche in Aussicht gestellt, so Ludwig. Das wäre dann so richtig perspektivny für die Sozialdemokratie, wenn sie sich nicht bald etwas einfallen lässt.

Kanzleresk

Das ist ein klares Zeichen dafür, dass wir den von Sebastian Kurz eingeschlagenen Weg gemeinsam weitergehen wollen. Also sprach der Tiroler Landeshauptmann Günther Platter als Vorsitzender des Wahlkomitees der ÖVP, das den amtierenden Parteiobmann einstimmig für weitere vier Jahre an der Spitze nominiert hat. Mit sämtlichen Vollmachten, aus der ÖVP-Umfärbung eine irreversible Entwicklung zur NVP zu machen, in der das V eher für Visegrád als für Volk steht. Der Parteitag am 28. August wird das jubelnd durchwinken, bis dahin geht der Kanzler im türkisen Eppinger-Setting wandern, als wäre nichts gewesen. Es ist einfach kanzleresk.

Es war natürlich was. Nämlich so viel, dass man bei der Aufzählung die Vollständigkeit nicht mehr garantieren kann. Herausragend die Ermittlungen der Wirtschafts- und Korruptions-Staatsanwaltschaft gegen den Kanzler wegen Falschaussage und gegen den Finanzminister wegen Bestechung und Bestechlichkeit. Die massiven Angriffe gegen die ermittelnde Justiz, die zu einem Volksbegehren für den Rechtsstaat und gegen Korruption geführt haben, das von einer Gruppe integerster Persönlichkeiten aus allen Lagern initiert worden ist. Sebastian Kurz und seine Getreuen haben versucht, dieses Volksbegehren zu kapern, wie der Verfassungsjurist Heinz Mayer als einer der Proponenten es genannt hat – wohlgemerkt eine Initiative, die sich gegen Entwicklungen richtet, die höchste ÖVP-Vertreter maßgeblich befeuert haben.

Flood the zone with shit als neuer Maßstab

Der Ibiza-Untersuchungsausschuss, den die Kanzlerpartei jetzt mit Hilfe der Grünen abdreht, hat das Wesen der umgefärbten ÖVP für alle sichtbar gemacht und demokatiepolitisch sauber seziert. Die Art und Weise, wie versucht worden ist, diesen Ausschuss zu diskreditieren, spottet jeder Beschreibung und ist einer staatstragenden Partei nicht würdig. Allein was die ÖVP an sogenannten Reformvorschlägen für Untersuchungsausschüsse in die politische Arena gekippt hat, spricht Bände. Stichwort: Wahrheitspflicht für Fragensteller. Man kann nur den bösen Geist des skrupellosen Donald Trump zitieren, nämlich Steve Bannon: Flood the zone with shit. Ein Grundsatz, den die Herren Hanger, Wöginger und Sobotka – zwei davon höchstrangige Parlamentarier – in einer atemberaubenden Selbstverständlichkeit beherzigen.

Mit Wasser kochen und im Trüben fischen

Zuletzt dann auch noch Sebastian Kurz, der seine zweite Befragung im Ibiza-Untersuchungsausschuss zu einer Farce der besonderen Art gemacht hat. Auf Fragen der ÖVP-Fraktion gab der Kanzler dermaßen ausschweifende Antworten, dass aufgrund der Bestimmungen über die Befragungszeit NEOS und Grüne gar nicht mehr zum Fragen kamen. Er habe den Fehler von seiner ersten Befragung nicht wiederholen wollen, zu schnell und zu flapsig zu antworten. Mehr sei das nicht gewesen, wollte Kurz damit sagen, denn: Was hätte ich von einer Falschaussage? Dass er ein falsches Bild aufrechterhalten wollte, nämlich dass er auch nur mit Wasser kocht und zuweilen politisch im Trüben fischt und mitnichten einen neuen, nämlich besseren Stil pflegt – das könnte der Grund für die fatale Flapsigkeit gewesen sein, aber das werden Staatsanwaltschaft und – Kurz rechnet ja mit einer Anklage – Gerichte klären.

Meisterschaft im Erzeugen falscher Bilder

Apropos falsches Bild. Wie der ÖVP-Obmann tickt, das hat er in diesen vier Stunden auch durch seine inhaltliche Argumentation sehr schön dargelegt. Als es um Parteispenden ging, sagte Kurz, die Masse der ÖVP-Spender seien immer Kleinstspender gewesen. Die machen das, weil es ihnen nicht egal ist, was in diesem Land passiert. Wir erinnern uns an einen Brief der Tiroler Adlerrunde an die Regierung in Wien, kurz vor der Übernahme der ÖVP durch Sebastian Kurz. Diesem einflussreichen Unternehmerzirkel war auch nicht egal, was in diesem Land passiert. Mitglieder der Adlerrunde haben der ÖVP insgesamt mehr als eine Million Euro überwiesen, den Löwenanteil davon der Bauunternehmer Klaus Ortner. Kleinstspender halt. Oder wenn Kurz seine Attacken gegen die Wirtschafts- und Korruptions-Staatsanwaltschaft damit rechtfertigen will, dass er eh nur eine von siebzehn Staatsanwaltschaften angegriffen habe.

Es eppingert wieder in der Kurz-ÖVP. Sommerkampagne als wäre nichts gewesen. (Screenshot)

Nicht einmal der Messias ist sakrosankt

Um das Bild komplett auf den Kopf zu stellen, hat der ÖVP-Obmann dann auch noch einen Zusammenhang zwischen seinen Angriffen auf die WKStA und der Kritik an der katholischen Kirche wegen Fällen sexuellen Missbrauchs hergestellt, um zu folgern: Kein Bereich sei sakrosankt, was man als hochheilig übersetzen kann. Ja nicht einmal er selbst (der oft als Messias Bezeichnete) ist das. Denn die Chat-Protokolle des Thomas Schmid, die das System Kurz bloßgestellt haben, die hätten nichts mit ihm und seinen engsten Mitarbeitern zu tun, so Kurz. Schließlich habe Schmid ja auch unschöne Dinge über ihn geschrieben, zum Beispiel voll arg: Kurz scheißt sich an. Und damit müsse er auch leben. Das wirklich Bedenkliche ist: Der um sein politisches Leben Kämpfende – wie es Erhard Busek ausgedrückt hat – kommt damit bei so vielen durch.

Medien machen mit oder sind überfordert

Bei seinen Fans und seinen Jüngern sowieso, aber auch bei einem Gutteil der Medien. Der Boulevard wird gefüttert wie nie zuvor, das ist mit Studien nachgewiesen und mit Belegen aus der Praxis gut untermauert. Aber auch in seriösen Blättern verfängt der absurde Spin. Bei einer Veranstaltung der Vorarlberger Nachrichten mit ÖVP-Landeschef Landeshauptmann Markus Wallner ist der zur Lage der Bundespartei gefragt worden. Wallners Antwort sinngemäß, hier nachzuhören: Die Chats seien nicht gut, das sei eine Frage des Stils, wichtige Entscheidungen bespreche man nicht über solche Kanäle. Die Angriffe auf die Justiz, da hätten die ÖVP-Landeschefs den Kanzler gebeten, etwas zurückhaltender zu sein, weil – Zitat: Das bringt in dem Zusammenhang gar nichts. Aber man müsse schon die Kirche im Dorf lassen, denn hier werde eine Person intensiv gejagt. Wallner Ende. Kein Wort darüber, dass wesentliche Repräsentanten seiner Partei dem Rechtsstaat im Geist den Stinkefinger zeigen.

Direkt gewählt und absolutistisch angehaucht

Im Gegenteil: die Landeschefs haben ein klares Zeichen dafür gesetzt, dass wir den von Sebastian Kurz eingeschlagenen Weg gemeinsam weitergehen wollen. Sie lassen ihn so weitermachen wie bisher, weil er ihnen Stimmengewinne bei Landtagswahlen gebracht hat, auf die aktuell auch Thomas Stelzer in Oberösterreich hofft, der aber nicht ganz überzeugt ist, ob ihm die Chat-Performance wirklich helfen wird, wieder über 40 Prozent zu kommen. Sie lassen ihn so weitermachen, weil er im Parlament sagt, dass er zweimal direkt gewählt worden sei, um seine vorwitzige Forderung nach Reform des Untersuchungsausschusses zu rechtfertigen. Das ist ihm natürlich sofort als autoritär-absolutistische Attitüde ausgelegt worden. Stichwort Kanzlerdemokratur. Das steckt wohl in ihm drin, aber das hat die wahre Chuzpe seines Umgangs mit dem Vorzugsstimmen-Mandat vernebelt.

Über allem der gnadenlose Rechtspopulismus

Und die im Grunde immer noch mächtigen Landeschefs lassen Kurz so weitermachen, obwohl und weil er so hemmungs- wie gnadenlos populistisch ist. In der von der SPÖ zur Unzeit ausgelösten Einbürgerungsdebatte wurde so mit falschen Zahlen operiert, dass sich in der Statistik Austria die Rechenschieber gebogen haben. Nach dem furchtbaren Mord an einem 13-jährigen Mädchen in Wien waren die Tatverdächtigen – zum Teil vorbestrafte afghanische Asylwerber – der geballten Führungsriege der Kanzlerpartei ein willkommener Anlass, das Thema Femizide zu einer brachialen Sündenbockpolitik am Rande der Hetze gegen Ausländer umzufunktioneren. Die Grünen als Koalitionspartner haben dem wenig entgegenzusetzen wie bei Moria und den Kinder-Abschiebungen. Sie freuen sich, dass Leonore Gewessler das 1-2-3-Ticket voranbringt und die Wiener und Niederösterreicher mit dem Lobau-Tunnelprojekt ärgert. Alles schön und gut.

Unten drunter die neben sich stehende SPÖ

Sie lassen Kurz aber vor allem auch deshalb weitermachen, weil die SPÖ kein Konzept hat und es ihm dadurch als größte Oppositionspartei geradezu lachhaft leicht macht. Die SPÖ hat an dem Tag, als das ermordete Mädchen auf dem Grünstreifen neben der Straße in der Donaustadt gefunden worden ist, ihren Parteitag abgehalten und dort einen Antrag (Antragsheft Seite 171) beschlossen, der fordert: Dass Österreich keine Abschiebungen in Krisenregionen oder Länder, in denen der Aufenthalt vom österreichischen Außenministerium als Risiko eingestuft wird, durchführt (wie z.B. Afghanistan). Das ist nichts Unehrenhaftes, aber auch ein gefundenes Fressen für einen August Wöginger. Dass SPÖ-Bundesgeschäftsführer Christian Deutsch sich da dann irgendwie herauszuwinden versucht hat, mit dem Verweis auf eine SPÖ-Positionierung, die keiner kennt, ist schlimmer als die 75 Prozent für Pamela Rendi-Wagner am gleichen Parteitag.

Die SPÖ-Vorsitzende kam mit Rudi Fußi ins Plaudern, und man kam ins Staunen. (Screenshot)

Das Problem ist, dass uns das niemand glaubt

Die in geheimer Abstimmung schwer abgestrafte SPÖ-Chefin hat in einem langen Interview mit Rudi Fußi in lockerer Weingarten-Atmosphäre selber gesagt, dass ihre Partei zwar seit drei Jahren ein tolles Konzept zur Ausländerpolitik habe. Das Problem ist, dass uns das niemand glaubt, sagt Rendi-Wagner hier ernsthaft. Man meint, seinen Ohren nicht trauen zu können. Die Begründung ist quasi eine Kapitulation vor den Nehammers und Edtstadlers mit ihrer vollkommen schmerzbefreiten Rhetorik: Die ÖVP sei so stark in ihrer Regierungskommunikation, dass sie es schaffe, die SPÖ in die Ecke zu stellen, dass wir sagen würden: alle rein,egal wie. Dass sie als Parteivorsitzende da etwas falsch gemacht haben könnte, kommt Rendi-Wagner genauso wenig in den Sinn wie die Frage, ob ihr Debakel am Parteitag vielleicht genau mit solchen blinden Flecken – inhaltlich wie personell – zu tun haben könnte.

Doskozil redet einmal erstaunlich Klartext

Stadtrat Peter Hacker hat die Situation für seinen Bürgermeister, den Wiener SPÖ-Chef Michael Ludwig, schöngeredet. Der will immer noch keine Wellen in der Bundespartei, obwohl sie schon überschwappen, der will Rendi-Wagner die Last weiter tragen lassen, weil sie im Moment kein anderer tragen will, wie es ein Parteigrande aus den Ländern im Off ausgedrückt hat. Die Parteichefin sieht das nicht. Und was der Kollege Hans Peter Doskozil sagt, das hört sie nicht, weil sie nicht mehr viel miteinander reden. Ein nüchtern normales Verhältnis nennt Doskozil das in einem Kurier-Interview, das sie hoffentlich lesen wird. Der Burgenländer sagt da nämlich erstaunlich kluge Sachen über den Zustand der SPÖ, ohne die Vorsitzende anzupatzen. Nämlich das: Die Fragestellung ist komplett falsch. Man muss sich fragen: Warum wurde ich nicht gewählt? Das ist ja in Wahrheit ein Witz, wie eine Partei funktioniert.

Und Rendi-Wagner tötet Political Animals

Doskozil erzählt von Leuten in der zweiten Reihe, die schon Christian Kern bekämpft hätten und immer noch da sind. Jetzt mokieren sie sich: „Das ist ein Witz, da haben uns 25 Prozent nicht gewählt.“ Anstatt eine Ursachenanalyse zu machen, wird nur weiter ein neuer Spin hineingebracht, neue Gerüchte lanciert. Dieses machtpolitische und pharisäerhafte Denken im Hintergrund schadet der SPÖ am meisten. Davon müsste man sich endlich befreien. Pamela Rendi-Wagner ist nach dem Parteitagsvotum mehr in ihrer Rolle gefangen denn je. Lassen Sie mich durch, ich bin Ärztin, hat sie bei Bussi Fussi selbstironisch gescherzt. Heilung ist dennoch nicht in Sicht.

In Richtung Sebastian Kurz hat die SPÖ-Chefin gemeint, die Zeit der Political Animals sei bald vorbei, dann sei fade Sachpolitik angesagt. Und das könne sie gut. Das ist auf eine faszinierend andere Weise auch kanzleresk.