Batman oder so

Gerry Foitik vom Roten Kreuz hat es am Karsamstag gelassen ausgesprochen: Wir werden uns noch zehn bis achtzehn Monate mit Einschränkungen wegen des Virus abfinden müssen. Dass Foitik als Mitglied des Krisenstabs der Regierung diese wichtige Message einfach so in einem Tweet hinausposaunen kann, gehört zu den Mysterien der Message Control. Aber vielleicht hatte er das Herumgerede einfach satt. Es vergeht ja kaum ein Tag ohne Auftritt von Sebastian Kurz  in der Zeit im Bild. Der erhobene Zeigefinger und kaum verhohlenes Selbstlob fehlen in keinem Interview. Batman wäre der zur Corona-Krise passende Superheld.

Am Karsamstag in der ZIB, am Ostersonntag dann eine Ansprache auf Facebook, wo der ÖVP-Chef mittlerweile schon eine Millionen-Gefolgschaft hat. Mit der ist Sebastian Kurz im Krisenmodus übrigens schon per Du, was für einen Bundeskanzler doch ein wenig seltsam anmutet. Kurz warnt zum x-ten Mal vor rauschenden Osterfesten mit der Familie, obwohl man schon fast ein schlechtes Gewissen hat, wenn man der Oma über den Gartenzaun zuwinkt. Und immer wieder kommt der autoritäre Spin durch, mit dem der Innenminister schon unangenehm aufgefallen ist. Wer nicht zum Team Österreich um Kurz & Anschober gehört, der ist kein Lebensretter, sondern ein Lebensgefährder.

Die Abreisenden aus Ischgl am Tag der Quarantäne-Ausrufung mit Zielen innerhalb Österreichs, das Ausland nicht erfasst. Quasi die visualisierte Virenschleuder.   (ZIB/Weichenberger)

Wenn aus Ischgl plötzlich München wird

Dieses Wort hat Kurz unwidersprochen im Interview mit jenem Kollegen verwendet, der ihm bei seiner Attacke gegen die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft Anfang Februar unreflektiert in die Hände gespielt hat, um es vorsichtig auszudrücken. Ischgl und die Folgen waren in dem Interview kein Thema – in der Ö1-Interview-Reihe Im Journal zu Gast aber sehr wohl. Im Radio hat Sebastian Kurz einmal mehr relativiert und dann mit leicht durchschaubarem Kalkül München als Hauptverbreitungspunkt des Virus für ganz Europa ins Spiel gebracht. Es war die Retourkutsche für Markus Söder, der Ministerpräsident hatte in einem ARD-Interview gesagt: Die Hauptinfektionen in Bayern und großen Teilen von Deutschland kommen aus Österreich. Wir haben uns ja sozusagen über das Skifahren in ganz Deutschland infiziert.

Die Corona-Taskforce & Mastermind Bibi

Söder ist skeptisch, was die jetzt einsetzenden Lockerungen in Österreich betrifft. Auch aus den Aussagen mancher Mitglieder der österreichischen Bundesregierung vermeint man da und dort den Anflug leiser Panik herauszuhören. Ob es nicht doch zu früh ist? Doch der Kanzler gibt es vor, er habe die Letztverantwortung, wie er nicht müde wird zu betonen – und wenn sich Experten in der Taskforce Corona wieder einmal diametral widersprechen, dann ruft Kurz seinen Freund Bibi Netanjahu an und alles ist wieder gut. Zum Glück habe man sich frühzeitig international vernetzt, mit Israel, Japan, Südkorea, Singapur. So klingt das in den Kurz-Interviews. Das diametrale Widersprechen war auf den Public-Health-Experten Martin Sprenger bezogen, der ein vielbeachtetes Interview zu den blinden Flecken der Politik gegeben hatte und daraufhin gehen musste.

Immer lautere Kritik am Verordnungsstaat

Neben den Differenzen über die Containment-Strategie gehen die Meinungen auch über die politischen Hebel auseinander, die da umgelegt werden. Österreich wird über Erlässe und Verordnungen regiert, der frühere Abgeordnete und Anwalt Alfred Noll, der auch eine Verfassungsklage gegen das COVID-Maßnahmengesetz eingebracht hat, spricht von einem Verordnungsstaat. Der frühere Spitzenbeamte und Präsidialchef des Bundeskanzleramts, Manfred Matzka, hat in einem Kommentar gar eine Stelle aus dem Kriegswirtschaftlichen Ermächtigungsgesetz von 1917 zitiert, die unserer aktuellen Rechtssetzung aufs Haar gleicht – nur das Wort Krieg wurde durch COVID-19 und wirtschaftlich durch gesundheitlich ersetzt. Jener Gesetzestext also, mit dem 1933 der Rechtsstaat ausgehebelt, die Demokratie zerschlagen wurde und der Austrofaschismus die Macht ergriff. Matzka warnt damit vor Geschichtsvergessenheit.

Selbstüberhöhung des omnipotenten Machers

Auch in der Tageszeitung Die Presse zerpflücken zwei Juristen das Maßnahmengesetz mit einer Schlussfolgerung, die auch die Medien in die Pflicht nimmt: Diese neue Form der Rechtssetzung via Pressekonferenz und Twitter schlägt auch unmittelbar auf die Vollziehung durch. Die mit der Durchsetzung der Betretungs-Verordnung betrauten Polizisten hören in den Medien diese politischen Interpretationen und setzen diese eifrig in die Tat um, wie zahlreiche Beispiele der letzten Wochen zeigen. Im Standard wird dem für all das letztverantwortlichen Kanzler eine gefährliche Selbstüberhöhung bescheinigt. Das Düsseldorfer Handelsblatt schlägt in die gleiche Kerbe: Seit dem Ausbruch der Coronakrise setzt der 33-Jährige sich gern als omnipotenter Macher in Szene, der seiner deutschen Amtskollegin Angela Merkel stets einen Schritt voraus ist, schreibt Österreich-Korrespondent Hans-Peter Siebenhaar über Kurz.

Zuspruch für die Regierenden in der Krise

Sebastian Kurz ficht das nicht an, er sagt: Ich bin mir einfach zu einhundert Prozent sicher, dass wir das Richtige tun. Die Reaktionen der meisten Medien geben ihm recht, sie hinterfragen oft zuwenig hartnäckig. Die Redaktionen sind in Kurzarbeit, die Medienhäuser durch die Einbrüche bei den Inserateneinnahmen unter Druck. Das jüngste Hilfspaket für die Zeitungen und Privatsender hat des Kanzlers Medienbeauftragter Gerald Fleischmann verhandelt, er zeichnet auch für die 15 Millionen Euro schwere Inseraten-Kampagne der Regierung zu COVID-19  verantwortlich. Offiziell ist das alles getrennt, wie in einer aktuellen Anfragebeantwortung betont wird. Inoffiziell ist das alles nicht ganz unerheblich für die Stimmungslage in der Bevölkerung: Zustimmungswerte für Kurz, wie sie noch nie dagewesen sind. Das teilt der Kanzler mit Angela Merkel, Mette Frederiksen und Mark Rutte – aber auch mit Giuseppe Conte. Und Markus Söder hat laut Süddeutscher Zeitung in Bayern überhaupt unglaubliche 94 Prozent Zustimmung.

Zehn bis achtzehn Monate Containment 2.0

Solche Werte erwirbt man durch klare Anweisungen, ruhig vorgetragen, Fokus auf der Krise. Für Nebenschauplätze in Familien, Heimen oder auf den griechischen Inseln in den Lagern mit Flüchtlingen und Migranten hat man da keine Zeit. Für lange Abläufe in der Gesetzgebung sowieso nicht, daher kann man sich an den Verordnungsstaat ganz rasch gewöhnen. Und hier kommt wieder der Bundesrettungskommandant vom Roten Kreuz mit seinem Tweet vom Osterwochenende ins Spiel: zehn bis achtzehn Monate, sagt Gerry Foitik. So lang wird es dauern, bis eine Impfung einsetzbar ist, und so lang werden wir mit Mund-Nasen-Schutz, Tracing-App und im  Vergleich zu heute ein wenig gelockerten Ausgangsbeschränkungen leben müssen. Denn die zwei anderen Wege zur Herdenimmunität seien keine wirklichen Optionen.

Und die neue Normalität des Regierens?

So klare Worte hat bisher kein Politiker von Grünen und ÖVP gefunden. Man könnte argwöhnen, sie wollen die Ungewissheit über die Dauer des Ausnahmezustands noch möglichst lang aufrechterhalten, um weiterhin Maßnahmen durchzuziehen und nicht in einen Diskurs darüber eintreten zu müssen. Unbestimmte Lebensgefährder an den Pranger zu stellen, ist sicher einfacher, aber keine Lösung. Nicht für Monate und schon gar nicht für ein Jahr oder eineinhalb Jahre. Es muss darüber diskutiert werden, wie die Lasten und die Unterstützung gerecht verteilt werden in der Zeit des Containment 2.0 – in der neuen Normalität, wie es Sebastian Kurz gern nennt. Und auch das Ansinnen der Opposition ist mehr als legitim, dass sie nach parlamentarischen Regeln an der Kontrolle der Verteilung der Corona-Milliarden mitwirken will.

Ein Primar & ein Rotkreuz-Mann als Lichtblick

Interventionen wie jene von Gerry Foitik sind ein Lichtblick, aber auch Interviews wie jenes mit Christoph Wenisch in der ZIB2, er ist Primararzt an der Infektiologie im SMZ Süd in Wien. Wenisch hat von den Behandlungserfolgen mit COVID-Patienten berichtet und dass man schon eine gewisse Routine entwickelt habe. Es soll gute Aussichten auf ein Medikament bis zum Sommer geben. Das Gespräch hat Zuversicht vermittelt und das Vertrauen in das Können der Mediziner gestärkt. Es hat nicht Angst gemacht, es hat nicht schöngefärbt. Aber man konnte eine Perspektive erkennen. Das brauchen die Menschen, die haben sie auch von Foitik bekommen. Zehn bis achtzehn Monate.

Sebastian Kurz, von Kinderhand gemalt. Radio Wien wird nach heftiger Kritik künftig auf solche Aktionen verzichten.

Die Demokratie quasi hinter Plexiglas

Wie dieser Zeitraum ausgestaltet wird, wie notwendige Maßnahmen zustande kommen und kommuniziert werden, dass wird auch wichtig für die Akzeptanz sein. Es ist eine lange Zeit, und allein die Vorstellung, wir würden jetzt weiterhin alles dekretiert bekommen, ist schwer besorgniserregend. Die Demokratie und die Grundrechte hinter Plexiglas sozusagen. Nicht mehr greifbar. Was das in den Köpfen anstellt, das hat eine Ausgabe der Kindersendung WOW auf Radio Wien gezeigt. Vorige Woche war einmal als Hausaufgabe, unseren Bundeskanzler zu porträtieren. Und die Kinder haben geliefert, dass Kim Il Sung seine Freude daran gehabt hätte. Nur Batman war keiner dabei.

Auseinand-Land

Mit großer Besorgnis stellen unsere Wachdienste fest, dass sich vermehrt Zweitwohnungsbesitzer und Tagestouristen im Steierischen Salzkammergut aufhalten. Das kann aufgrund der Kfz-Kennzeichen festgestellt werden. Vier Bürgermeister aus dem Ausseerland setzen einen Notruf an die Landesregierung ab. Das rotweißrote Auseinand-Land hat sein Epizentrum gefunden. Heftige Nachbeben sind in der Bundeshauptstadt zu spüren, wo ausgerechnet der Nationalratspräsident einen Versuchsballon steigen lässt und sich für den verpflichtenden Einsatz der Corona-App und Hausarrest für jene, die sich verweigern, ausspricht. Das Virus leistet auch in den Köpfen ganze Arbeit.

Die Österreicher sind ein unglaublich diszipliniertes Volk, das bestätigt aktuell auch der Mathematiker Niki Popper von der TU Wien, der seit Wochen Simulationsrechnungen zur Eindämmung des Corona-Virus für die Bundesregierung anstellt. Popper und seine Kollegen stellen fest, dass die Maßnahmen wirken, man aber das extrem ansteckende und daher äußerst gefährliche Virus nicht unterschätzen dürfe. Wer sich in diesen Tagen auf dem verordnungsgemäß erlaubten Weg aus dem häuslichen Containment begibt, gewinnt gerade nicht den Eindruck, dass die Menschen das tun: Im Wald Abstände von zwei Metern und mehr bei Begegnungen, mit den Nachbarn wöchentliche Zurufe auf die Fünf-Meter-Distanz, im Supermarkt die meisten mit Mund-Nasen-Schutz, obwohl der erst mit 6. April dort auch vorgeschrieben ist. Und obwohl es ein Tuch auch täte.

Ein eventuell kontraproduktiver Oster-Erlass

Und was macht die Regierung? Der Gesundheitsminister gibt den in Windeseile berühmt gewordenen Oster-Erlass heraus, der sicherstellen soll, dass über die Osterfeiertage ja keine Familienfeiern stattfinden. Zusammenkünfte in geschlossenen Räumen mit mehr als fünf Personen, die nicht im selben Haushalt leben, sind von den Bezirksbehörden bis auf Weiteres zu untersagen. Verfassungsexperten schlagen die Hände über dem Kopf zusammen, und wer bisher geglaubt hat, man darf sich keinesfalls mit drei Freunden oder der Oma (mit einem Meter Abstand?) in einer Wohnung treffen, ist verunsichert. Gerade in den Osterfeiertagen sind wir gewöhnt, private Feste zu feiern. Heuer widerspricht dies leider unseren Zielen, wir müssen gerade in diesen kommenden Tagen sehr konsequent bleiben, erklärt Rudolf Anschober. Gut gemeint, aber vielleicht sogar kontraproduktiv.

Ein kontraproduktiver Nationalratspräsident

Der Nationalratspräsident macht nicht minder kontraproduktiv einen Vorstoß für eine Verpflichtung zur Nutzung der Corona-App des Roten Kreuzes, die laufend optimiert wird und wertvolle Dienste bei der dauerhaften Eindämmung des Virus leisten kann. Das sagt auch der Berliner Virologe Christian Drosten in seinem NDR-Podcast. Wolfgang Sobotka (der für Sebastian Kurz schon öfter den Bulldozer gemacht hat, aber da war er noch nicht im zweithöchsten Staatsamt angelangt) sagte im profil-Interview auf die Frage, ob für Menschen, die diese App nicht verwenden, die Bewegungsfreiheit eingeschränkt bleiben solle: Wir prüfen, ob das verfassungsrechtlich geht. Mir sagen Experten: Wenn man die Verpflichtung zur App zeitlich befristet und mit einer Sunset-Klausel versieht, dann ist das mit der EU-Datenschutzverordnung und der Verfassung vereinbar.

Die Freiwilligkeit der politischen Privatmeinung

Bundesrettungskommandant Gerry Foitik vom Roten Kreuz setzt auf Freiwilligkeit bei der Corona-App. Eine Diskussion, wie sie jetzt Sobotka austestet, sei kontraproduktiv und daher einzustellen. Das sagte Foitik im Report-Interview in einem derart harschen Ton, dass er das am Samstag auf Twitter wieder zurechtrückte. Politisch äußerte sich Foitik nicht, das machten Vizekanzler Grünen-Chef Werner Kogler (Das war immer davon getragen, dass es freiwillig genutzt wird.) und die Klubobfrau der kleinen Regierungspartei, Sigrid Maurer. Sie erklärt uns, die Aussagen von Sobotka seien dessen Privatmeinung.

Das ist in die Hose gegangen, versuchte der Bürgermeister von Altaussee am Tag nach Veröffentlichung dieses Briefs zurückzurudern.

Und was sagt Bundeskanzler ÖVP-Chef Sebastian Kurz zur Frage, ob die Tracking-App Pflicht sein soll: Wir arbeiten an dieser Frage. Die Grundproblematik ist: Kann ich mich erinnern, zu wem ich aller in den vergangenen zehn Tagen Kontakt hatte? Ich könnte das nicht. Niemand wird wissen, neben wem er im Bus gesessen ist. Für die zwei Millionen Österreicher ohne Smartphone könne ein Schüsselanhänger entwickelt werden, so der Kanzler im Interview mit drei Zeitungen und der Austria Presse Agentur. Das klingt jetzt weder nach Privatmeinung, noch nach extremer Freiwilligkeit.

Die Psychologie des langsamen Hochfahrens

In dem Interview kündigt Kurz den Versuch eines Fahrplans zum langsamen Hochfahren des Landes an, beginnend mit den Geschäften, die wieder aufgesperrt werden sollen. Der Plan klingt nicht schlecht: Ein Dreiklang aus Tracking-App, Testungen und Isolierung von Infizierten soll bewirken, dass nach dem Hammer auch der Dance funktioniert – das Virus also dauerhaft eingedämmt bleibt. Mundschutz soll weiterhin eine zentrale Rolle spielen, die Produktion soll autark werden. Vorarlberg produziert schon auf Teufel komm raus. Der Kanzler spricht jetzt nicht mehr von der Auferstehung, sondern von einem Comeback des Landes. Er spricht auch nicht mehr von einem Marathon, sondern von einer Bergtour, wo man den Gipfel schon sieht und an den schrittweisen Abstieg denken könne.

Ohne Worte, irgendwo in Wien-Umgebung.     (Rampetzreiter/Twitter)

Good Cop, Bad Cop schlecht verborgen

Das sind wichtige psychologische Bilder, aber sie machen das Glaubwürdigkeitsproblem nicht kleiner, das sich da aufgebaut hat. Good Cop, Bad Cop ist keine gute Idee in so einer Krise. Doch die Regierung macht das, ziemlich schlecht verborgen. Und man weiß immer öfter nicht, wer dabei wer ist. Ob es um die Öffnung der Bundesgärten in Wien geht, um die Tracking-App, um die dringend notwendige Fehleranalyse ausgehend von Tirol, um die Zahl der Testungen oder um die Zahl der Beatmungsgeräte. Vom fehlenden Gespür für die Lage auf den griechischen Inseln und für die demokratiepolitische Unverfrorenheit von Viktor Orbán und seiner Fidesz-Partei gar nicht zu reden.

Die hässliche Fratze an allen möglichen Ecken

Um umzusetzen, was für die sogenannte neue Normalität alles notwendig ist, braucht es Glaubwürdigkeit, die auch überzeugen kann. Und nicht nur verordnen und im Parlament von einem COVID-19 Maßnahmengesetz zum nächsten alles durchpeitschen. Auf diese Weise schafft man kein Miteinander in schützender Distanz, sondern ein hässliches Auseinand-Land, das seine Fratze an allen möglichen Ecken der Republik schon zeigt.

Après Krisenmanager

We should not be focusing, in my view, on anything looking back on any level of government right now. Nicht Fehler suchen, sondern nach vorn schauen. Das hat Bill de Blasio gesagt, Bürgermeister von New York und vor zwei Wochen noch auf dem Standpunkt, die New Yorker sollten rausgehen und einfach weitermachen wie bisher. Im Februar hatte De Blasio noch gemeint, das Corona-Virus sei wie die Flu und nicht wahnsinnig ansteckend. Heute zwingt das Virus Big Apple in die Knie. Österreichs De Blasio heißt Günther Platter, auch der Tiroler Landeshauptmann will das Buch nicht von hinten lesen, aber mittlerweile räumt er Fehler ein.

Die Tiroler Regierungsparteien ÖVP und Grüne haben sich auf wachsenden Druck hin festgelegt, dass es eine unabhängige Expertenkommission geben soll, besetzt mit Leuten von außerhalb Tirols. Der Auftrag: schonungslose Aufarbeitung des Krisenmanagements, das ganz offensichtlich zu zögerlich war und die milliardenschwere Tourismus-Industrie des Landes um Wochen zu spät abgedreht hat. So hat sich das Virus von Ischgl, dem Arlberg, von Sölden und dem Zillertal aus in Europa verbreiten können. Aber auch nach Oberösterreich und in die Steiermark. Sogar ins Mutterhaus des Ordensspitals von Zams wurde das Virus von Ischgl aus getragen. Zams ist das Schwerpunkt-Krankenhaus des Bezirks Landeck, wo die Dichte an Infizierten dreimal so hoch ist wie in der Lombardei.

Die Spuren eines tirolischen Desasters

Dem Land Tirol steht eine Sammelklage ins Haus, rund 400 Betroffene haben sich schon gemeldet, die von einer Ansteckung in Tirol ausgehen. Der überwiegende Teil davon sind Deutsche. Die Einsicht der Tiroler Behörden aufgrund massiven medialen Drucks nach den zum Teil haarsträubenden Vorkommnissen drückt sich in Warnungen aus, die jetzt – zum Teil einen Monat (!) nach möglichen Infektionsszenarien – veröffentlicht werden. Von der Axamer Lizum bei Innsbruck über das Zillertal bis in den Bezirk Kitzbühel. Die Einsicht hat nicht so weit gereicht, dass sich auch noch eine Entschuldigung und ein transparenter Umgang mit den Medien ausgegangen wäre. Fragen des ZDF, die von österreichischen Journalisten stellvertretend für die deutsche Kollegin gestellt worden sind, wurden gleich bei zwei Pressekonferenzen abgewürgt. So als ob das ZDF kein bedeutendes Medium aus dem mit Abstand wichtigsten Herkunftsmarkt für den Tiroler Tourismus wäre.

Günther Platter und die Nachdenklichkeit

Der Mann, der das zu verantworten hat, ist vom Landeshauptmann und ÖVP-Chef aus der Partei direkt in den Landesdienst geholt worden, unter lautem Protest der Opposition und ein bisschen Grummeln des Koalitionspartners Grüne, die sich nach den langen Jahren der schwarz-grünen Zusammenarbeit an die Selbstherrlichkeit des Gegenübers halt auch schon gewöhnt haben. Jetzt kommt von grüner Seite der Ruf nach radikalem Umdenken im Tourismus, weg vom Massenbetrieb, der sich vorläufig von selber erledigt hat. Wenn Günther Platter in einem Video anlässlich der ersten 14 Tage Quarantäne in Tirol von einer neuen Nachdenklichkeit spricht, die sich aus dieser Krise ergeben werde, dann ist alles andere als sicher, ob er dasselbe meint wie sein Koalitionspartner. Es geht um viel Geld und um über Jahrzehnte festgefügte Machtstrukturen jenseits der Politik.

Sebastian Kurz und die Verbundenheit

Die Industriellen und die Tourismus-Größen in der Tiroler Adler Runde, das waren auch diejenigen, die mitgeholfen haben, Sebastian Kurz auf den Schild zu heben. Denen ist also nicht nur Günther Platter verbunden, sondern auch sein Bundesparteiobmann, der jetzt – anders als Platter – als Krisenmanager gefeiert wird. Kurz kann Kommunikation. Das spielt er mit Gesundheitsminister Rudolf Anschober als kongenialem Partner in diesen Tagen zum Wohle des Landes aus. Wieviel der Kanzler wann über das Desaster in Tirol wusste, ist nicht bekannt. Fragen dazu werden im De-Blasio-Style abgewehrt. We should not be focusing, in my view, on anything looking back on any level of government right now. Und im Zweifelsfall macht Kurz einfach die EU dafür verantwortlich, dass ein Lkw mit Schutzausrüstung tagelang an der deuschen Grenze festgehalten wurde.

Richtig große EU-Scheine gewechselt

Als Einleitung zur entsprechenden Frage hat die Interviewerin der Kronenzeitung den Satz gewählt: Nach der Flüchtlingskrise hat die EU nun auch bei COVID-19 versagt. Da konnte der Obmann der Europapartei ÖVP offenbar nicht anders, als so zu antworten: Die EU wird sich nach der Krise eine kritische Diskussion und Auseinandersetzung damit gefallen lassen müssen. Es kann nicht sein, dass wir zwei Wochen lang komplett auf uns allein gestellt darum kämpfen müssen, dass ein Lkw mit bereits von uns bezahlten und dringend benötigten Schutzmasken an der deutschen Grenze hängt, weiterfahren darf, und gleichzeitig unsere Kontrollen zu Italien kritisiert werden. Das ist kein politisches Kleingeld, das Kurz da gewechselt hat. Das sind richtig große Scheine.

Das australische Modell in der Ägäis

In anderer Hinsicht ist Sebastian Kurz dann wieder ganz froh, dass wir komplett auf uns allein gestellt sind. Wenn es nämlich um die Evakuierung der Flüchtlinge in den Lagern auf den griechischen Inseln geht. Selbst die nicht des Gutmenschentums verdächtige Neue Zürcher Zeitung macht sich schon für eine Evakuierung der Lager stark, nachdem NGOs sowie eine Gruppe von Ärzten und Gesundheitspersonal dramatische Appelle an die politisch Verantwortlichen gerichtet haben. Kurz sagt, eine österreichische Beteiligung an einer Evakuierung der Lager und die Aufnahme von 200 bis 300 Personen bei uns – das sei in dieser Krisensituation nicht förderlich. Aus den Reihen der Grünen (die anderer Ansicht sind) hört man, dass der Kanzler in der Frage genauso unerbittlich ist, wie er klingt und immer schon geklungen hat. Als Außenminister hat er sich 2016 ja offen für das – wie man in Lesbos sieht zu Recht – sehr umstrittene australische Modell erwärmt.

Jetzt sind sie alle als Krisenmanager gefordert. Ob sie De Blasio, Platter oder Kurz heißen. Ob sie schon vorab gefeiert werden oder unter Beschuss stehen. Doch es gibt wie weiland in Ischgl auch ein Après – dann wird sich zeigen, wer die richtigen Lehren aus der Krise zieht und sich auch politischen Konsequenzen nicht verweigert. Und wir werden auch erkennen können, wer die Krise nur gemanagt hat und wer an ihr gereift ist.

Bergamo calling

Kuba schickt 52 Ärzte und Krankenpfleger nach Italien, um in kollabierenden Spitälern wie in Bergamo auszuhelfen. Beim Foto-Termin darf neben Wimpeln mit den italienischen Farben auch ein gerahmtes Bild von Fidel Castro nicht fehlen. Propaganda gehört dort zum System. Bei uns nimmt das – nennen wir es Polit-Marketing in der Krise – teils groteske Formen an. Der Kanzler kommuniziert in Sozialen Netzwerken in der türkisen Parteifarbe, auch der Innenminister tut das. Und vor einer der Botschaften, die jetzt wie schon 2016 von Soldaten bewacht werden, inszeniert er sich mit der Verteidigungsministerin so, dass es wehtut. Was hingegen guttut: die Bundesregierung handelt rasch und konsequent.

The greatest error is not to move. The greatest error is to be paralyzed by the fear of failure. If you need to be right before you move, you will never win. Das hat WHO-Direktor Michael Ryan, ein erfahrener Experte im Kampf gegen das Ebola-Virus, am 13. März gesagt. An diesem Tag, ein schwarzer Freitag, hat die Bundesregierung die Schließung von Schulen sowie Restaurants und Geschäften verkündet, zwei Tage darauf dann die umfassende Ausgangsbeschränkung, die vorerst bis nach Ostern in Kraft bleiben wird. Plus ein nie dagewesenes 38-Milliarden-Euro-Paket als Rettungsschirm für Jobs und Standort. Die Regierung hat durchgegriffen, und das war keine leichte Entscheidung.

Die Leistung von Kurz & Anschober

Mit der katastrophalen Entwicklung der Corona-Fälle in Italien und besonders der so nahen Lombardei vor Augen war es wohl eine logische Entscheidung. Aber es braucht politischen Mut, sie auch zu treffen. Und dafür muss man den Verantwortlichen den größten Respekt zollen. Die übergroße Akzeptanz der Maßnahmen in der Bevölkerung gibt der Regierung recht, und sie ist das Verdienst der zwei zentralen Kommunikatoren dieser Tage: Bundeskanzler Sebastian Kurz von der ÖVP und Gesundheitsminister Rudolf Anschober von den Grünen. Der Kanzler bereitet uns auf alles vor und sagt mit großer  Überzeugungskraft, dass auch die Regierung auf alles vorbereitet ist. Und Anschober vermittelt uns mit seiner sachlichen und ruhigen Art das Gefühl, dass wir das schaffen werden. Von solchen Leuten geführt zu werden, wenn globale Player wie USA und Großbritannen Corona-mäßig merkbar dilettieren, das beruhigt.

Das Irrlichtern der großen Player

Es ist nämlich so: Der renommierte New Yorker Journalismus-Professor Jay Rosen hat auf seinem Blog die US-Medien dazu aufgerufen, in den Notfall-Modus zu gehen und Aussagen des Präsidenten nicht mehr ungeprüft zu verbreiten: Today we are switching our coverage of Donald Trump to an emergency setting. This means our journalism will work in a different way, as we try to prevent the President from misinforming you through us. Rosen zitiert hier einen fiktiven Herausgeber. Tatsächlich irrlichtern Trump und seine befreundeten Medien seit Wochen, was den Kampf gegen das Chinese Virus betrifft, wie er es mit seinem Spin immer noch nennt. Die New York Times hat indessen drei Szenarien über die Ausbreitung von Corona in den USA auf die Titelseite gehoben. Ein Aufmacher, der einem – Obiges und das hier bedenkend – das Grauen lehrt.

Erfolg im Schatten der Inszenierung

Im Licht der Trump’schen Kraftmeiereien und seines Asiaten-Shamings schrumpfen die kubanische Propaganda wie das grenzpeinliche Polit-Marketing der Kanzlerpartei sogar noch während der Krise auf eine vernachlässigbare Größe. Doch auch in Zeiten des Virus gilt: Inszenierung ist immer auch Irreführung, und sie dient allzu oft auch der Ablenkung, gegen die sich mündige Bürger wehren müssen. Dabei laufen manch großartige Dinge ganz unspektakulär im Hintergrund ab: Wie an diesem Wochenende zum Beispiel zwei Maschinen der Austrian nach China geflogen sind, um 130 Tonnen Schutzausrüstung für Tirol und Südtirol nach Österreich zu bringen, die so dringend gebraucht werden. So dringend wie sie China im Februar gebraucht hat, und Österreich hat damals geliefert.

Guter Draht & Flugverbindung nach China

Der Kurier schreibt und der Südtiroler Landeshauptmann Arno Kompatscher hat es Sonntag Abend bestätigt: Die Flugverbindung nach China soll dauerhaft eingerichtet werden, um mögliche Engpässe in allen Bundesländern zu verhindern. Dem Vernehmen nach behandelt China Anfragen und Bitten Österreichs prioritär. Das liegt unter anderem daran, dass Österreich zu den ersten Staaten gehört, die Peking bei Ausbruch der Corona-Krise direkt mit Hilfsgütern unterstützt haben. Diplomatie hat ihr Gutes. Sie gebietet Fingerspitzengefühl und verbietet Inszenierungen wie die unten.

Polit-Marketing mit Fidel in Kuba (oben) und vor einer Botschaft in Wien.

Der Appell der Ärzte von Bergamo

Hört man auf die Ärzte in der rote Zone Norditaliens, dann wird für solche Auftritte ohnehin bald keine Zeit mehr sein. In einem am Samstag veröffentlichten dramatischen Appell der Ärzte des Spitals von Bergamo, dem Epizentrum der Corona-Infektionen, heißt es unter anderem: Coronavirus is the Ebola of the rich and requires a coordinated transnational effort. It is not particularly lethal, but it is very contagious. The more medicalized and centralized the society, the more widespread the virus. Sprich: der Kampf gegen das Virus müsse dezentral geführt werden, Krankenhäuser wie jenes in Bergamo würden durch das hoch ansteckende Corona-Virus komplett verseucht und gerieten somit außer Kontrolle. Gesundheitsminister Rudolf Anschober hat Sonntag Abend im ORF-Talk Im Zentrum erkennen lassen, dass ihm die Problematik durchaus bewusst ist.

To stop the chain of transmission

You need to go after the virus. You need to stop the chains of transmission. Auch das hat der WHO-Manager Michael Ryan am 13. März gesagt. An jenem Tag, als in Tirol – das mittlerweile komplett zu ist – die ersten Quarantäne-Verordnungen erlassen wurden und zwar für das Paznauntal und St. Anton am Arlberg. Après-Ski-Bars dort und zuerst in Ischgl im Paznaun, die sind zu Virenschleudern geworden, die halb Europa mit Corona verseucht haben. Nicht unwesentlich dazu beigetragen hat die völlig chaotische Abreise der Touristen, die man an diesem Freitag den 13. aus den Quarantäne-Gebieten quasi geworfen hat. You need to stop the chains of transmission. Oder auch nicht.

In Tirol regiert nach dem Geld das Virus

Sölden im Ötztal ist erst vier Tage später, nämlich am Dienstag Abend, unter Quarantäne gekommen, obwohl Bürgermeister Ernst Schöpf schon am Samstag den 14. von einem positiv getesteten Barmann im Hotel Liebe Sonne gewusst hat. Warum er da nicht sofort den Ort zugemacht hat? Die unfassbare Antwort von Schöpf: Und dann vielleicht noch die 6000 bis 7000 Gäste alle da lassen? Geld hat bisher die Tiroler Bergwelt regiert. Jetzt regiert dort das Virus. Und die Behörden reagieren immer noch extrem zeitverzögert. Erst diesen Samstag, den 21. März, hat das Land eine Warnung an Touristen hinausgegeben, die in einer von neun Bars im Zillertal beim Après-Ski waren. Coronavirus is the Ebola of the rich and requires a coordinated transnational effort, das haben die Ärzte in Bergamo geschrieben. Alles falsch gemacht haben die in Tirol.

Es war ein zentrales Politikversagen

Die Hotspots dort und der Umgang damit, das war nicht einer von vielen Wegen zur Verbreitung des Virus, sondern ein ganz zentraler. Da hilft es nichts, auf Après-Ski-Irrsinn in Schweden hinzuweisen oder zu erkennen, dass es in Berlin Clubs gibt, von denen aus sogenannte Super-Spreader das Virus in die deutsche Bundeshauptstadt hinausgetragen haben. Das muss Konsequenzen haben, wenn auch derzeit nicht einmal die Grünen Spitzen den Mut haben, das zweifelsfrei auszusprechen.

Krisengewinnler Orbán und Netanjahu

Wir erleben mit und durch diese Pandemie eine Zeitenwende, die alle Menschen fordert. Aber Politiker fordert sie ganz besonders – so wie Menschen, die in Krankenhäusern und Ordinationen, in der Grundversorgung der Österreicher und für die Aufrechterhaltung der Sicherheit in dieser Ausnahmezeit arbeiten. Und Wissenschafter. Das muss man anerkennen. Doch die Einschränkung unserer Grund- und Freiheitsrechte, mit der wir derzeit notgedrungen leben, darf kein Freibrief für Demokratieabbau sein. Viktor Orbán, immer noch ein Freund unseres Bundeskanzlers, schwebt genau das vor. Und auch Israels Benjamin Netanjahu, dessen Freundschaft sich Sebastian Kurz ebenfalls rühmt, macht sich daran, die Corona-Krise für sich zu instrumentalisieren, das sagt niemand Geringerer als der berühmte Historiker Yuval Noah Harari.

Auslaufklausel für Ausnahmegesetze

In Österreich werden die Einschränkungen von allen Parlamentsfraktionen mitgetragen und von wachsamen Beobachtern kontrolliert. Justizministerin Alma Zadic verwies am Sonntag in der ZIB2 auf eine Sunset Clause in den COVID19-Gesetzen, wonach diese automatisch auslaufen, wenn die Corona-Krise dann überstanden ist. Bis dahin ist es noch ein harter Weg. Wie hart, das hat Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka nach der Plenarsitzung am Freitag erkennen lassen. Nachdem bekannt geworden war, dass ein Abgeordneter durch das Virus krank geworden ist, hat Sobotka die Durchtestung aller Abgeordneten vor künftigen Sitzungen nicht mehr ausgeschlossen. Und er hat von sich aus das Notverordnungsrecht des Bundespräsidenten ins Spiel gebracht.

Das würde greifen, wenn weniger als ein Drittel der 183 Abgeordneten einsatzfähig wären, dann wäre der Nationalrat nicht mehr beschlussfähig. Dann müsste der Bundespräsident auf Vorschlag der Bundesregierung Notverordnungen – vorläufige Gesetze – erlassen. Und wir können einmal mehr froh sein, dass der Mann, der das zu tun hätte, Alexander Van der Bellen heißt. Stay safe VdB. Und bitte alle anderen auch.

Vor der Auferstehung

Es ist ein urzeitlicher Instinkt bei einem unsichtbaren Feind, ihn überall zu vermuten. Man ist geneigt, alle Mitmenschen als Bedrohung und potenzielle Angreifer zu sehen. Anders als während der Epidemien des 14. und 17. Jahrhunderts haben wir heute die moderne Medizin an unserer Seite. Glaubt mir, das ist nicht wenig. Aus dem bemerkenswerten Brief eines Mailänder Schulleiters an seine Schüler, die alle zu Hause sind. Wie bei uns jetzt auch. Um die Tragweite der Corona-Virus-Pandemie zu erklären, bemüht der Direktor den italienischen Klassiker Die Verlobten von Alessandro Manzoni, der eine berühmte literarische Pest-Darstellung verfasst hat. Sebastian Kurz versucht es auf seine Art.

Die Italiener sind uns zwei Wochen voraus, und der bedächtige Gesundheitsminister Rudolf Anschober findet für die italienischen Verhältnisse jetzt immer öfter drastische Worte: Wenn man sich die Blogs italienischer Ärzte ansieht, liest sich das teils wie aus einer Kriegsberichterstattung. Die Strukturen sind dort teils am Zusammenbrechen oder bereits zusammengebrochen. Hier ein regelrecht dystopischer Bericht der Berliner taz dazu aus der Lombardei. Nicht alle Österreicher hätten die Tragweite dessen, was das Virus anrichtet, schon verstanden, sagt auch Sebastian Kurz, der als Krisenkanzler gemeinsam mit Anschober eine hervorragende Figur macht.

Notfalls wird unter Quarantäne regiert

Das Virus wird Krankheit, Leid und Tod für viele Menschen in unserem Land bedeuten, sagt Kurz – und auf die Frage, was passiert, wenn er selbst, eine Ministerin oder sonst jemand aus dem Team angesteckt wird: Es gibt Notfallpläne, dass die zuständigen Regierungsmitglieder und der gesamte Einsatzstab ihre Arbeit isoliert, aber unter voller Handlungsfähigkeit hier im Kanzleramt fortsetzen. Die Regierung unter Quarantäne. Deutlicher geht es nicht.

Alessandro Manzoni, Die Verlobten: „Vermehrten sich plötzlich die Todesfälle übermäßig.“

Niemand in diesem Land hat so eine Situation je zuvor erlebt. Die Spanische Grippe ist hundert Jahre her, es herrschten andere Rahmenbedingungen, aber der Versuch einer Eindämmung  des Virus war auch dazumal das Gebot der Stunde. In Anbetracht der Unerfahrenheit macht die erst sehr kurz amtierende Regierung vor allem kommunikativ einen guten Job. Wer Message Control kann, der kann auch Krisenkommunikation, möchte man sagen. Einschränkungen der persönlichen Freiheit, ein Schritt nach dem anderen, werden behutsam verkündet auf den schon täglichen Pressekonferenzen.

Gutes Framing für Social Distancing

Und es wird ein Framing verwendet, das eigentlich jeder verstehen sollte: Wir schützen die Verletzlichsten unter uns. Doch es verstehen nicht alle. In der Schilderung Manzonis war es eine heilige Prozession, die der Pest Einhalt gebieten sollte, sie im Gegenteil aber befeuerte. Bei uns sind es die großen Runden, die sich beim Achtel after work über die aufregenden Regierungs-Maßnahmen zum Social Distancing austauschen.

Message Control in biblischen Ausmaßen

Dabei ist der Kanzler noch bemüht, dem Ganzen eine überschaubare Perspektive zu geben. Wir müssen Österreich auf den Notbetrieb reduzieren. Nicht auf Dauer, aber für einige Wochen, damit wir nach Ostern wirtschaftlich, gesellschaftlich und sozial wieder auferstehen können. Dass die bemerkenswerte Kombination Ostern und Auferstehung in Zusammenhang mit Eindämmungsmaßnahmen wegen Pandemie dem talentierten Kommunikator Sebastian Kurz nur passiert ist, kann ausgeschlossen werden. Die Message Control beginnt biblische Ausmaße anzunehmen, und wer das kritisiert, läuft aktuell Gefahr, des Vaterlandsverrätertums bezichtigt zu werden.

Alessandro Manzoni, Die Verlobten: „Die Lauigkeit im Gegenwirken und Untersuchen.“

Kontraproduktive Journalisten-Fragen

Geschweige denn, man stellte die Maßnahmen der Regierung in Frage. Ein Vier-Milliarden-Fonds für die Wirtschaft, das Nulldefizit ist für heuer abgesagt, das ist dann doch schnell gegangen. Auch die unmittelbaren Schritte zur Eindämmung des Virus könnten sich sehen lassen, sagt der Kanzler: Wir sind sicherlich unter den drei Ländern in Europa, die am schnellsten reagieren. Dass es immer noch zu wenige Schnelltests gibt und dass generell zu wenig getestet worden sein könnte, wird nicht hinterfragt. Es ist nationaler Schulterschluss angesagt, selbst FPÖ-Klubobmann Herbert Kickl agiert für seine Verhältnisse gesittet. Lästige Fragen von politischen Journalisten werden nicht gern gehört. Der herausragende Berliner Virologe Christian Drosten hat die Fragen politischer Journalisten in Zeiten des Corona-Virus gar als kontraproduktiv bezeichnet.

Die Virenschleuder im Paznauntal

Die Frage nach dem, was da in Tirol – konkret in Ischgl im Paznauntal – abgelaufen ist oder eben nicht, die muss schon erlaubt sein. Ein Spiegel-Autor war dort in Galtür auf Urlaub und schreibt: Im benachbarten Ischgl, eines der größten Skigebiete der Alpen, habe es in der Aprés-Ski-Bar Kitzloch einen Corona-Fall gegeben. Der Wirt habe alle Angestellten in Quarantäne geschickt, die Bar desinfiziert und einen Tag später selbst am Tresen gestanden, damit der Betrieb weitergehe. Die Folge: in Skandinavien viele hundert Infizierte, dort wird von einer Skiurlaubs-Epidemie gesprochen. Norwegen hat aktuell 709 Corona-Fälle, davon haben sich 459 in Tirol angesteckt. Auch Isländern ist es so ergangen, Reykjavik hat Ischgl schon am 5. März als Risikogebiet definiert. Die Quarantäne für die Region ist erst zehn Tage später erlassen worden, seitens der Tiroler Landessanitätsdirektion hieß es noch am 8. März: Eine Übertragung des Coronavirus auf Gäste der Bar ist aus medizinischer Sicht eher unwahrscheinlich.

Maßnahmengesetz zu den Virus-Folgen

Das wirft Fragen auf, die Sebastian Kurz seinem Parteifreund Landeshauptmann Günther Platter nicht ersparen darf. Wo wir doch nach seinen Aussagen unter den drei Ländern in Europa sind, die am schnellsten reagieren. Das sehen die Norweger, die Schweden, die Dänen und die Isländer wohl ein bisschen anders. Momentan zählt aber tatsächlich mehr, dass die Maßnahmen der Regierung, die Nationalrat und Bundesrat in einer Sondersitzung am Sonntag gesetzlich absichern, ab Montag umgesetzt werden. Welchen Sinn sie haben, das haben griechische Ärzte mit diesem im Netz verbreiteten Bild sehr schön ausgedrückt: The one who stayed away saved all the rest.

Alessandro Manzoni beschreibt in Die Verlobten, wie den politisch Verantwortlichen im Mailand des 17. Jahrhunderts der Kampf gegen die Pest über den Kopf gewachsen sei und sie sich daraufhin hilfesuchend an den Klerus gewandt hätten. Das totale Chaos – wenn man bedenkt, daß diejenigen, die einem so wichtigen Amt vorzustehen hatten, nichts anderes zu tun wussten, als es niederzulegen; daß sie gezwungen waren, es Männern zu übergeben, die dieser Anstalt am fernsten standen. Übernommen hat Pater Felice Casali – ein bejahrter Mann, der im Rufe großer Menschenliebe,Tätigkeit, Sanftmut und Seelenstärke stand, und der sich in der Folge auch bewährte. Wir haben zum Glück Sebastian Kurz und Rudolf Anschober, die der Kirche die Aussetzung der Gottesdienste abgerungen haben. Da klappt es dann bestimmt auch mit der Auferstehung.

Österreich ist zu

Italien ist zu. Premierminister Giuseppe Conte hat das ganze Land am Montag Abend zur geschützten Zone erklärt. Auch die Universität Innsbruck ist zu, keine Lehrveranstaltungen mehr in den Räumlichkeiten der Hochschule. Ab sofort werden alle Lehrveranstaltungen an der Universität Innsbruck von Präsenzlehre auf Fernlehre (distant learning) umgestellt. Das war ebenfalls am Montag Abend als Update auf der Website zu lesen. Es wird nicht die letzte derartige Maßnahme zur Eindämmung des Corona-Virus bei uns sein. Österreich ist sowieso längst zu. Ein Land als fleischgewordene Sperrzone gegen Eindringlinge aller Art.

Es war ein kalkulierter Termin vor martialischer Kulisse: Polizisten mit Helmen und Schildern sowie Militärpolizei in voller Montur waren Montag früh in der Maria-Theresien-Kaserne aufmarschiert. Der Innenminister und die Verteidigungsministerin, beide ÖVP, stellten sich vor ihre Leute hin und versicherten, dass der Assistenzeinsatz des Heeres an der Grenze weitergeführt werde – ein Einsatz, der seit 2015 läuft und nie beendet worden ist. Ein quasi symbolischer Beschluss dazu ist bereits im Ministerrat in der Vorwoche gefallen. Der inszenierte Auftritt gab Karl Nehammer die Gelegenheit, zum gefühlten hundertsten Mal vom dreifachen Sicherheitsnetz – EU-Außengrenze in Griechenland, Balkanroutenschließung und Schutz der nationalen Grenze – zu reden. Und dass er den potenziellen Eindringlingen keinen taktischen Vorteil geben wolle, indem er Andeutungen darüber mache, wie der nationale Grenzschutz im Fall des Falles aussehen werde.

Schaulauf vor martialischer Kulisse: Karl Nehammer und Klaudia Tanner.

Die Beschwörung des Staatsversagens

Das Absurde daran ist: Nur Nehammer und einige seiner ÖVP-Regierungskollegen reden andauernd  davon, dass Österreich seine Grenzen zu schützen wissen werde, und erwähnen nicht zufällig das Jahr 2015, als die Staatsmacht in Spielfeld kurz die Kontrolle verloren hat. Die Bilder, die Nehammer & Co. damit in unseren Köpfen erzeugen wollen, sind freilich an der griechisch-türkischen Grenze Realität. Dort läuft die Bewährungsprobe für den Außengrenzschutz der EU, wie es Bundeskanzler Sebastian Kurz nennt. Und der Kanzler spart auch nicht mit drastischen Bildern. Er spricht von Zehntausenden, die Griechenland und die Europäische Union zu stürmen drohten, Kurz spricht davon, dass dann Hunderttausende nachkommen würden – und dass es vor der Provokation durch den türkischen Präsidenten Erdogan kein humanitäres Problem gegeben habe.

Eine Mehrfachstrategie der Angst

Es ist eine Mehrfachstrategie der Angst. Der Innenminister suggeriert, dass es zwar eine dreifache Absicherung gibt, dass ein zweites Spielfeld – von dem ja überhaupt keine Rede ist, weshalb Nehammer auch nicht ins Detail gehen muss – aber um jeden Preis und unter allen Umständen zu verhindern sei. Der Kanzler suggeriert, dass der Außengrenzschutz in dem Moment zusammenbrechen werde, wenn Frauen und Kinder aus den Lagern auf den griechischen Inseln herausgeholt werden. Wer Frauen und Kinder aufnimmt, der nimmt genauso die Väter und die Männer auf, sagte der Obmann der Familienpartei ÖVP in der ORF-Pressestunde. Thomas Mayer vom Standard hat ihm dafür das Label Kalter Kanzler verpasst. In der Pressestunde hat Kurz unter anderem auch Formulierungen wie: wenn die türkisch-griechische Grenze fällt – verwendet und wie Nehammer davon gesprochen, dass Österreich vorbereitet sei, falls es zu einem Grenzsturm kommt.

Mitgefangen im Posing für das Motiv Situation Room im Kreisky-Zimmer: Werner Kogler. (Tatic)

Egal was Grüne oder Kirchenmänner sagen

Bewusst kriegerische Vokabeln und Bilder also, obwohl ausgerechnet Sebastian Kurz das Resettlement – also ein Herausholen von besonders schützenswerten Flüchtlingen aus Krisengebieten – in einem zahlenmäßig verkraftbaren Ausmaß vielfach etwa hier und hier dokumentiert immer wieder gutgeheißen hat. Damit war Kurz einmal voll auf einer Linie mit dem, was heute Kirchmänner fordern. Die aber genauso abblitzen wie der immer noch schwer disziplinierte Koalitionspartner Grüne. Beim harten Kurs assistiert dem ÖVP-Chef auch seine langjährige Vertraute, die er zur Integrations- und Frauenministerin gemacht hat: Susanne Raab hat in der Woche vor dem Internationalen Frauentag, die traditionell und erst recht für die Frauenministerin stark frauenpolitischen Themen gewidmet ist, eine Pressekonferenz zum Thema 2015 und was wir noch immer alles nicht bewältigt haben angesetzt. Raab wollte offensichtlich nicht nur gefragt werden, warum sie sich nicht als Feministin bezeichnen will, sondern auch beim Thema Nummer eins mitmischen.

Die Verteidigungsministerin ordnet sich unter

Genauso wie Verteidigungsministerin Klaudia Tanner, die ihrem Parteifreund Nehammer nicht nur die Kulisse für gemeinsame Inszenierungen im militärischen Umfeld bietet, sondern das Heer immer mehr den polizeilichen Anforderungen anzupassen scheint. Die Zahlen zum Budget 2020 und der Folgejahre sprechen Bände. Sie wurden nach einem Eklat im Verteidigungsministerium an die Öffentlichkeit gespielt – die Ministerin soll mit den Zahlen in die wöchentliche Leiterbesprechung gegangen sein und diese nach Kritik der Generäle wutentbrannt verlassen haben, wie Die Presse schreibt. Eine einmalige Budgetsteigerung heuer und dann wieder weniger: damit wird sich der Konkurs, den Tanners Vorgänger Thomas Starlinger vorausgesagt hat, nicht aufhalten lassen.

Die Zeit des Schlechtredens soll vorbei sein

Es sei denn, das Heer wird zum Assistenzleister und Katastrophenhelfer umfunktioniert, und man schickt den militärischen Teil in Konkurs. Dazu passen Formulierungen und Aussagen aus einer Rede, die der Sprecher von Klaudia Tanner, Herbert Kullnig, vor den Militärkommandanten der Bundesländer und den Brigadekommandanten gehalten hat. Das Manuskript ist dann bundesheer-weit an alle PR-Verantwortlichen gemailt worden. Darin ist neben dem Appell zur Vorsicht im Umgang mit Journalisten dieser Schlüsselsatz zu lesen: Ich möchte noch betonen, dass wir von der Linie wegkommen müssen, alles schlechtzureden. (…) Es wird mit dem Bundesheer wieder bergauf gehen, nur da müssen wir alle an einem Strang ziehen. Message Control vom Feinsten, würde sie funktionieren.

Pikanterweise ist das der einzige Punkt, der mit den Grünen als Koalitionspartner richtig gut funktionieren könnte. Die militärische Landesverteidigung war den Grünen noch nie ein Anliegen, bei der Umbenennung in Technisches Hilfswerk, wie Ex-Minister Starlinger kurz vor seinem Abgang geätzt hat, wären sie mit Sicherheit gleich dabei. Und Sebastian Kurz wäre wohl auch nicht abgeneigt. Sein Zitat:Vielleicht ist der Panzerkampf im Weinviertel nicht mehr das Zukunftsbedrohungsszenario – hat im Heer für Empörung gesorgt, weil es so tief blicken lässt. Aber so weit sind die Koalitionspartner noch nicht.

Wenn Horst Seehofer Strohhalm der Grünen ist

Vorerst muss der Grünen-Chef für inszenierte Situation-Room-Bilder des Kanzlerfotografen stillhalten und sich im ZIB2-Interview zu den Fragen winden, die der Innenminister und der Kanzler mit ihren Bildern vom Grenzsturm á la 2015 in den Raum gestellt haben. Man darf sich der drei Millionen Euro aus dem Auslandskatastrophenfonds für Syrien und der einen Million für Griechenland rühmen und jubelt das auch noch zu Rekordauszahlungen hoch, obwohl es in den vergangenen Jahren immer wieder auch höhere Tranchen gegeben hat. Und dass einer der Architekten der schwarz-grünen Regierung, der Vorarlberger Johannes Rauch, ausgerechnet den CSU-Mann Horst Seehofer als Vorbild und Hüter der Humanität in all der Ordnung beschwören muss, ist ein Treppenwitz der Post-Ibiza-Zeitrechnung.

Situation Boom

Fast schon vergessen das ans Grüne Eingemachte gehende Geplänkel um die  sogenannte Sicherungshaft, also Einsperren ohne Verbrechen. Und völlig an den Rand gedrängt auch der Angriff des Kanzlers und ÖVP-Chefs gegen angebliche rote Netzwerke in der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft, die in der Casinos-Affäre gegen ÖVP-Leute ermittelt, aber nicht weniger entschlossen auch gegen ehemalige SPÖ-Granden wie den Gewerkschafter Wilhelm Haberzettl. Jetzt ist die schwarz-grüne Regierung im Krisenmodus. Der funktioniert. Der Boom im Situation-Room sagt aber auch viel darüber aus, wie die Koalition funktioniert.

Es ist nachvollziehbar, dass viele Politiker Angst vor hässlichen Bildern bei der Grenzsicherung haben. Es kann aber nicht sein, dass wir diesen Job an die Türkei übertragen, weil wir uns die Hände nicht schmutzig machen wollen. Es wird nicht ohne hässliche Bilder gehen. Das hat Sebastian Kurz im Jänner 2016 als Außenminister gesagt, im Februar begründete er mit einer Westbalkankonferenz in Wien den Mythos um sich und die Balkanroutenschließung, im März folgte dann der Deal der EU mit der Türkei. Der hat dann die Lage entspannt, freilich nie auf den griechischen Inseln. Den Job hat also großteils doch die Türkei erledigt. Gut 3,5 Millionen Flüchtlinge aus Syrien aufgenommen, hunderttausende Kinder ins Bildungssystem integriert. EU-Milliarden helfen dabei.

Am Ende hat der Hegemon und Kriegsherr Recep Tayyip Erdogan jetzt doch noch für die hässlichen Bilder sorgen lassen. Mit staatlicher Propaganda hat er Tausende Flüchtlinge und Migranten an die türkisch-griechische Grenze gelockt. Den Rest erledigten für ihn die griechische Polizei und die Armee sowie die EU-Truppe Frontex mit österreichischer Beteiligung. Bilder von wütenden Menschen, die von der Politik an der Nase herumgeführt und dafür dann auch noch von Wasserwerfern und mit Tränengas- und Nebelgranaten beschossen werden, gingen um die Welt. Die bemerkenswerte Reaktion von Sebastian Kurz darauf: Unser Ziel muss es sein, die EU-Außengrenzen ordentlich zu schützen, illegale Migranten dort zu stoppen und nicht weiterzuwinken.

Kanzler scheut die hässlichen Bilder nicht

Auf Facebook verlinkte der Kanzler dazu – noch bemerkenswerter – einen Artikel der Kronenzeitung mit eben einem dieser hässlichen Bilder, ohne die es nicht gehen wird. Es war genau genommen eine manipulative Fotomontage, mit der die Krone den Kurz-Artikel illustriert hat. Aber dem Kanzler scheint das nichts ausgemacht zu haben. Seine Botschaft: kein Durchwinken wie 2015, notfalls machen wir unsere nationalen Grenzen dicht: (…) wird Österreich seine eigenen Grenzen schützen. Und Innenminister Karl Nehammer assistiert seinem Parteiobmann, der den früheren ÖVP-Generalsekretär für treue Dienste in der Spenden- und Schredderaffäre mit dem Ministeramt belohnt hat.

Kickl spricht aus, was Nehammer andeutet

Nehammer spricht gar von einem dreifachen Sicherheitsnetz gegen das Durchwinken: mehr Polizisten für Frontex, die neuerliche Schließung der Balkanroute – und: Wer zu uns kommt und versucht, unsere Grenze mit Gewalt zu durchbrechen, ist anzuhalten. Wie genau, sagt der Innenminister nicht. Sein Vorgänger in der schwarz-blauen Koalition,  der freiheitliche Klubobmann Herbert Kickl, ist da weniger zurückhaltend: Das heißt, dass man gegebenenfalls einen Warnschuss abgeben muss, dass es Wasserwerfer gibt, dass es Gummimunition geben muss, die einen solchen Ansturm zurückhalten. (…) Wir brauchen nicht nur Grenzkontrollen, sondern Grenzsicherungsmaßnahmen. (…) Wir sind aber in der glücklichen Lage, dass die Griechen eine der stärksten Armeen haben. Ich kann mir vorstellen, dass wir auf freiwilliger Basis auch österreichische Soldaten schicken.

Grüne positionieren sich einmal anders

Der Unterschied zu Schwarz-Grün: hier deutet die ÖVP nur noch an und wird nicht mehr so deutlich wie Kickl, dem man in der gemeinsamen Regierung auch sprachlich durchaus noch gefolgt ist. Die jetzige ÖVP-Kanzleramtsministerin Karoline Edtstadler hat damals auch brav von Ausreisezentren gesprochen, in die Kickl die Asyl-Erstaufnahmestellen umbenannt hatte. Und noch ein Unterschied: die Grünen positionieren sich in dieser Frage von Asyl- und Menschenrechten selbstständig. Klubobfrau Sigrid Maurer etwa im Tweet oben und der Nationalratsabgeordnete Michel Reimon hier. Der Grüne Bundessprecher und Vizekanzler Werner Kogler hat sich zudem dafür ausgesprochen, Kranke und Kinder mit Begleitpersonen aus dem Lagerelend auf den griechischen Inseln herauszuholen, wenn die Situation dort nicht rasch verbessert wird.

Die Sichtbarkeit und ihre Verhinderung

Eine klare Positionierung des Grünen-Chefs im Sinne einer Sichtbarmachung, wie das die Expertin für visuelle politische Kommunikation, Petra Bernhardt, in einer Analyse im Falter-Think-Tank nennt. Sie schreibt: Sichtbarkeit ist in der Politik ein wichtiger Faktor. Sie ist nicht gegeben, sondern wird – unter den Bedingungen bestehender Machtverhältnisse – hergestellt. Gerade in Krisensituationen versuchen Politiker immer wieder, sich als Krisenmanager und Macher zu inszenieren. Die Botschaft: Wir haben die Lage im Griff! Dieser Eindruck soll unter anderem durch den gezielten Einsatz von Bildern entstehen, die Politiker und ihre Teams über Social Media in Umlauf bringen. Bernhardt spielt hier vor allem auf die Bilder an, die die Kurz-ÖVP von den Lagebesprechungen im Krisenstab zum Corona-Virus verbreitet hat. Eine Kopie des Situation Room, das Motto: Sebastian first!

Die ruhige Hand des grünen Ministers

Anders als die Erzählung vom – eins, zwei, drei – Dichtmachen der Grenzen zählt die Virus-Bekämpfung nicht zum Markenkern der ÖVP und auch nicht zur Kernkompetenz des ÖVP-Obmanns, da hat ihm sogar die SPÖ-Vorsitzende als Ärztin mit Fachgebiet Impfprävention und Tropenmedizin viel voraus. Pamela Rendi-Wagners jüngster Auftritt im ORF-Talk Im Zentrum hat gezeigt, wo ihre eigentliche Stärke liegt. Ob ihr das bei der Mitgliederbefragung hilft, wo es um politische Führung geht, ist eine andere Frage. Die Führung in Sachen Virus-Krisenmanagement hatte jedenfalls von Anfang an einer für alle sichtbar in ruhiger und besonnener Hand: Gesundheitsminister Rudolf Anschober von den Grünen. Was für die ÖVP-Kommunikationsstrategen einen Reflex auslöste: Unsichtbar machen!

Die Inszenierung der Virus-Controller

Der Kanzler wurde nicht nur auf den Bildern als oberster Krisenmanager in Virus-Fragen inszeniert, er war auch bei Pressestatements zur Lage dabei und gab serienweise Interviews. Der Innenminister wich überhaupt nie von Anschobers Seite, was auch einen positiven Effekt hatte: Die Regierung signalisierte Zusammenstehen in schwierigen Phasen, damit kann sie bei der Bevölkerung punkten, die in Phasen der Verunsicherung nicht auch noch Parteienstreit ertragen will. Für die Grünen als Regierungspartei macht es das nicht leichter. Sie sind mit eingespielten Kommunikationsroutinen konfrontiert, denen sie sich mangels Erfahrung in der Regierung (und vermutlich auch Ressourcen) schwer entziehen können, so die Politologin Petra Bernhardt. Sie erinnert auch an die Bilder von der Fahrt zur Regierungsklausur, die man von schwarz-blauen Inszenierungen kannte.

Im Schatten der Marketing-Maschinerie

Mit Alma Zadic, die im Sturmlauf der ÖVP gegen die Korruptionsermittler Standfestigkeit bewiesen hat, und mit dem krisenfesten Rudolf Anschober haben die Grünen jetzt schon zwei heimliche Stars in ihrem kleinen Regierungsteam. Plus einen Vizekanzler, der sich anschickt, der ÖVP in ihrem Markenkern lästig zu werden. Das ist bedeutend mehr als man den Grünen in den Wochen nach dem Anlaufen der Marketing-Maschinerie des übermächtigen Koalitionspartners zugetraut hätte. Aber sichtbar im oben beschriebenen Sinn sind sie immer noch nicht. Auch selbstverschuldet. Wenn es der Justizministerin etwa gelingt, die zu Recht kritisierte Übertragung der Rechtsberatung für Asylwerber an die neue staatliche Betreuungsagentur zu entschärfen, dann reicht es nicht, das in langen Threads auf Twitter hier zu erklären. Da muss man auch einmal in den Situation Room.

Kurzlessness

Machen wir uns doch nicht zu schlecht, sagte Sebastian Kurz bei der Münchner Sicherheitskonferenz, wo über die Erosion des Westens debattiert worden ist. Das Wort Westlessness haben sie extra dafür erfunden, und dem Kanzler hat das gut gefallen. Das mit dem Schlechtmachen war Kurzens Antwort auf die Frage, ob der Westen seine Werte glaubwürdig in der Welt vertreten könne, wenn man an die Entwicklungen in Ungarn und den USA denke. Die wahren Autokraten säßen doch nicht in Budapest oder Washington, so Kurz. Sondern in China. Und Viktor Orbán dankte es ihm mit einer wahrhaft autokratischen Rede zur Lage seiner Nation.

Revisionistische Töne mit dem historisch belasteten Spruch: Ich glaube an eine Heimat! Die bekannten antisemitischen Töne gegen George Soros, nationalistische Ausfälle gegen das Feinbild Brüssel mit seinem euroblabla. Und dann noch dieser Sager: Der Liberale ist nichts anderes als ein diplomierter Kommunist. Viktor Orbán war am Sonntag in seinem Element, sein Sprecher veranstaltete parallel dazu einen Tweet-Hagel .

Sebastian Kurz, der Orbán und den anderen Visegrád-Premiers gleich nach dem Antritt seiner zweiten Amtszeit als Kanzler seine  Aufwartung gemacht hat, hält dem Freund der illiberalen Demokratie weiter die Stange. Die Frankfurter Allgemeine berichtet über jenen Auftritt bei der Münchner Sicherheitskonferenz, wo Kurz unter anderem gesagt habe: Es störe ihn, dass man „täglich“ von undemokratischen Tendenzen in Ländern wie Ungarn, Polen oder den Vereinigten Staaten höre, aber den Autoritarismus in anderen Teilen der Welt eher teilnahmslos hinnehme. Immerhin genössen die Menschen in Europa oder Nordamerika „das Privileg“, in Demokratien zu leben. Warum also unhaltbare Zustände in der EU kritisieren, wo es doch genug totalitäre Regime zum Kritisieren gibt?

Gewagte Logik jenseits von Augenhöhe

Die Logik des ÖVP-Chefs ist gewagt. Kurzless möchte man dazu fast sagen. Und man könnte den Eindruck gewinnen, der Kanzler will nicht nur sein unvergessenes Diktum von der Augenhöhe, die man Orbán & Co. bitte zugestehen möge, bekräftigen. Sondern auch seinen eigenen Stil und seine Auffassung von Politik damit rechtfertigen. In München ist Kurz von Kanadas Premierminister Justin Trudeau in die Schranken gewiesen worden, wie man im YouTube-Video unten sehen kann. In seiner zweiten Kanzlerschaft wirkt Kurz abgehobener und scheint sich für unangreifbar zu halten. Das ist der Sukkus einer ausgezeichneten Analyse von Gernot Bauer im aktuellen profil, die von den Angriffen der ÖVP gegen die Korruptionsstaatsanwaltschaft ausgeht. Gezündet wurde die bei einem Hintergrundgespräch in der Parteiakademie, und der Zusammenhang mit für die ÖVP höchst unangenehmen Ermittlungen in der Casinos-Affäre ist greifbar.

Auch Orbán legt sich mit der Justiz an

Es ist natürlich Zufall, dass auch Viktor Orbán gerade wieder eine Attacke gegen die Justiz reitet. Der Anlass sind Entschädigungszahlungen für diskriminierte Roma, die ein Gericht dem ungarischen Staat aufgetragen hat. Es geht um 300.000 Euro für ein Dorf – und der Premier sagt dazu nur: Leute, die zu einer ethnischen Minderheit gehören und nichts tun, sollen Geld bekommen, einfach so? Während ich jeden Tag hart arbeite? Mit einer seiner berüchtigten pseudo-direktdemokratischen nationalen Konsultationen will Orbán dazu jetzt im Volk Stimmung machen. Dafür werden Fragebögen mit suggestiv formulierten Fragen ausgegeben. So ähnlich wie bei der SPÖ, die auf diese Art ihre Mitgliederbefragung durchführt. Auch das natürlich reiner Zufall und mit dem großen Unterschied, dass die Aktion hier auf die zentrale Frage der Rendilessness hinausläuft.

Schach- und Winkelzüge in der SPÖ

Ein für Außen- und Innenstehende überraschender Zug der SPÖ-Vorsitzenden, von dem man halten kann, was man will. Er zeigt jedenfalls eines: Der Leidensdruck von Pamela Rendi-Wagner muss schon ziemlich groß sein, wenn sie jetzt die mächtigen Männer in der SPÖ gegen die Basis ausspielen will. Vielleicht geht der Plan ja besser auf als der demokratiepolitisch fragwürdige Versuch des alleinregierenden SPÖ-Landeshauptmanns von Burgenland, Hans-Peter Doskozil, seine Verlobte als Referentin in seinem Büro unterzubringen. Kaum bekannt geworden, musste Doskozil das Vorhaben abblasen, weil der politische Schaden größer als der private Nutzen gewesen wäre. Und es bleibt die Frage, wie einem politischen Kopf wie Doskozil so etwas einfallen konnte.

Großes Kino im ORF-Talk über Eurofighter

Was er drauf hätte, hat Doskozil nicht nur mit dem Wahlerfolg im Burgenland gezeigt, sondern auch mit der Eurofighter-Anzeige, die er gegen Ende seiner Amtszeit als Verteidigungsminister in der Regierung Kern in den USA hat einbringen lassen. Wie Doskozil im ORF-Talk Im Zentrum die klandestinen Vorbereitungen für diese Anzeige an der eigenen Partei und am damaligen Koalitionspartner ÖVP vorbei geschildert hat, das war sehenswert. Wie die Eurofighter-Lobbyisten ab seinem absehbaren Abgang wieder im Ministerium aus- und eingegangen seien, und du als Minister da nichts machen kannst. Und sehr schön auch, wie der grüne Vizekanzler Werner Kogler seinem Koalitionspartner und Eurofighter-Besteller den größten Schmiergeld-Skandal der Republik um die Ohren geschlenkert hat. Die eingelernten Statements von ÖVP-Verteidigungsministerin Klaudia Tanner hatten auch was. Sie sollten restless wirken, aber sie waren mehr Doskoless.

Some Insects

Vielleicht ist Grünen-Chef Werner Kogler dem FDP-Mann Thomas Kemmerich ja insgeheim dankbar. Der hat sich gestern mit den Stimmen der AfD zum neuen Ministerpräsidenten von Thüringen wählen lassen, Deutschland ist schockiert über die Allianz von Liberalen und Konservativen mit der extremen Rechten. Und aus Österreich tönt es so: Alles schon gehabt, wir kennen das, viel Spaß. Der Vizekanzler mag sich in seinem zentralen Argument für den Regierungseintritt der Grünen bestätigt fühlen: Wir haben Schlimmeres verhindert! Indessen steht Kogler im Flutlicht, und um ihn herum knistern sterbende Insekten.

And crawling on the planet’s face / Some insects called the human race / Lost in time, and lost in space / And meaning. Berühmte Zeilen aus dem Song Super Heroes aus dem Musical Rocky Horror Picture Show. Und sie haben auf den ersten Blick nichts mit Werner Kogler zu tun – außer dass der Grünen-Chef in den ersten größeren Umfragen nach der Regierungsbildung mit der ÖVP des Sebastian Kurz seinen im vergangenen Jahr erworbenen Status als Super Hero festigen hat können. Im Polit-Barometer von Heute schwebt Kogler sogar in Kurz-Sphären, wie das Gratisblatt titelt, und im APA/OGM-Vertrauensindex das gleiche Bild: Der Bundespräsident thront unangefochten hoch oben auf seiner Popularitätswolke, gefolgt von Kogler und Kurz, beide gleichauf.

Wenn ein Kanzler im Sat1-Frühstücksfernsehen durch den Kaiserschmarrn gezogen wird.

Die Verzweiflungstat im Privatfernsehen

Das ist der Kanzler nicht gewohnt, aber es wäre ein Trugschluss anzunehmen, dass es dieses Ranking war, das ihn zu seiner jüngsten Verzweiflungstat getrieben hat. Kurz ist im Sat1-Frühstücksfernsehen aufgetreten und hat sich dort durch den Kakao bzw. den Kaiserschmarrn ziehen lassen. Christian Nusser hat das hier schön zusammengefasst, aber auch Videoclips von diesem in Österreichs Medien vielbeachteten Null-Ereignis sind online. Kurz hat zweimal Schleichwerbung für den Tourismus untergebracht, das wird ihm seine Klientel danken – und es wird die dümmst-möglichen Fragen, die ihm in der Sendung – eher nicht zufällig – gestellt worden sind, erträglicher gemacht haben.

Großer und kleiner Superheld der Umfragen

So wie eine weitere aktuelle Umfrage, die die ÖVP schon bei 40 Prozent sieht. Und Kurz selbst in der Kanzlerfrage bei 47 Prozent. Pamela Rendi-Wagner, Norbert Hofer und auch Werner Kogler unter ferner liefen. Die Hälfte der Befragten ist mit der Arbeit der Regierung zufrieden, obwohl sie noch gar nicht richtig zu arbeiten begonnen hat. Man könnte es auch so interpretieren: Diese zweite Regierung Kurz bekommt wie der ÖVP-Chef und Kanzler einen Vertrauensvorschuss, weil er so weitermacht wie in der ersten Regierung Kurz, die angeblich die beliebteste Regierung fast aller Zeiten war. Nur eben ohne Freiheitliche. Und die Grünen fallen nicht wirklich auf – außer vielleicht damit, dass ihnen im Fall des Falles der Außenminister ausrichtet, dass sie dem Kanzler gefälligst nicht die Performance auf dem Berliner Parkett zusammenhauen sollen.

Klare Kante in Berlin gegenüber FPÖ-Spezis

Apropos Berlin. Dort zeigen die Bürgerlichen durch deutliche Ansagen nach dem FDP-Kemmerich-Eklat, dass sie in Deutschland keine Grünen brauchen, um sie aus einem Eck herauszuholen, in dem die CDU – anders als die Kurz-ÖVP – nie war. Es ist nebenbei bemerkt nur so folgerichtig wie erschreckend, dass die Freiheitlichen unter Führung von Herbert Kickl der AfD neuerdings ihre ganz besondere Aufwartung machen.

Der Sportminister nimmt alles sportlich

Some Insects. Schon während der Regierungsverhandlungen ist den Grünen ja ausgerichtet worden, dass sie es mit den eigenen Positionierungen nicht übertreiben sollen. Stadionsperren ab acht oder neun am Abend, damit die Insekten nicht unnötig im Flutlicht gegrillt werden. Selten waren die schwarzen Spins subtiler. Werner Kogler hat seine heutige Linie damals schon geprägt: Nichts liege ihm ferner, als Stadien zu sperren wegen der Insekten, sitze er am Abend doch selber gern im Stadion. Dann ist Kogler auch noch Sportminister geworden, was von der Popularität her kein Schaden ist. Und seither nimmt Kogler nicht nur den Insekten-Spin sportlich, sondern auch das Beharren der ÖVP auf der Sicherungshaft, das Kopftuchverbot, das strikte Nein des Kanzlers zu Mission Sophia und Seenotrettung und vieles andere mehr.

Eine klar definierte Blasenentzündung

Alles völlig übertrieben, sagt der Vizekanzler im profil-Interview. Und vielleicht ein bisschen geblendet von den Popularitätswerten in Kurzens Schlepptau, fügt er hinzu: Da muss man locker bleiben. In der Twitterblase entzünden sich viele Diskussionen. Für mich hat der Begriff Blasenentzündung eine ganz neue Bedeutung bekommen. Aber wenn man einen Schritt vor die Tür auf den Gehsteig setzt, ist das gleich ganz anders. Die ÖVP habe doch nur Leuchtraketen abgeschossen, sagt Werner Kogler, was natürlich noch einmal ein Blendfaktor sein könnte. Und Koglers Stellvertreter als grüner Bundessprecher, Landesrat Stefan Kaineder aus Oberösterreich, sagt im Standard-Interview auf die Frage nach den roten Linien der Grünen bemerkenswerterweise das: Rote Linie, Bünde, Lager – mit diesem Denken kann ich und kann meine Politikergeneration nichts anfangen. Es gibt ein 300-Seiten-Regierungsprogramm. Und da ist alles klar definiert.

Mit der Veto-Keule zu Besuch bei Merkel

Lost in time, and lost in space. Klar definiert ist ein mutiger Ausdruck, der von August Wöginger stammen könnte. Denn klar definiert sind die Dinge vorerst nur für die ÖVP-Fraktion. Wenn es etwa um Österreichs Beitrag zum EU-Budget geht, wo Sebastian Kurz als für Europafragen zuständiger Kanzler die Veto-Keule schwingt. Die Grünen haben in der Frage immer eine andere Linie vertreten, aber egal. Oder die EU-Mission Sophia, wo Kurz der deutschen Kanzlerin Angela Merkel beim Besuch in Berlin gleich einmal klarmachte, dass er in Sachen Seenotrettung keinen Millimeter nachzugeben gedenke. Das alles natürlich vor den Kameras, öffentlichkeitswirksam für zu Hause.

Mit diesem Plakat hat sich Thomas Kemmerich im Wahlkampf präsentiert, dann hat er sich von der extremen Rechten zum Ministerpräsidenten wählen lassen.

Die feine Klinge der Kanzlerin mit ihrer kurzen Replik, die prallte an seinem Panzer ab. Und Sozialminister Rudolf Anschober, der im Sinne der Grünen-Position widersprach, den ließ Kurz, wie gesagt, zurecht- und auf seine Unzuständigkeit hinweisen. Und zwar ganz unverdächtig durch den  parteifreien Außenminister, der sich aber paradoxerweise als Teil der Bewegung von Sebastian Kurz sieht, wie er in einem Interview verraten hat.

Die Grünen, verloren in der neuen Bedeutung

And lost in meaning. Man kann sich all diese Dinge schönreden und wie Kogler darauf verweisen, dass im wirklichen Leben alles ganz anders wahrgenommen werde als im polit-medialen Komplex, den er mit der Blase gemeint hat. Dazu müsste man als Grüne aber erst einmal mehr liefern und nicht von der ersten Regierungsklausur nur mit einem Zeitplan für die Umsetzung ökologischer Maßnahmen – sprich mit leeren Händen – heimfahren. Das logische Aus für die Tempo-140-Versuchsstrecken des früheren FPÖ-Verkehrsministers hat die Klimaschutz-Ministerin an die Fellner-Zeitung verschenkt. Mit der Ankündigung, dass die Verordnung jetzt vorbereitet und in den nächsten Monaten umgesetzt werde. Man fragt sich, warum eine Verordnung für das Abmontieren von ein paar Verkehrsschildern so lange braucht.

Mitgehangen, wenn der Kanzler im Off plaudert

Es ist halt symptomatisch. Und es nagt an der Bedeutung der Grünen, die ja laut Kogler nicht nur wegen des Kemmerich-Effekts, sondern auch wegen des Sozialen, wegen des Umweltschutzes und für mehr Transparenz in diese Regierung eingetreten sind. Wenn sie sich aber hier schnelle Erfolge selber nehmen, der Kanzler & Koalitionschef ihnen auch keine lässt – und sich dann überdies in einem Hintergrundgespräch mit Journalisten hinstellt und die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft angreift, dann wird es kritisch. Denn da sind die Grünen mitgehangen und mitgefangen, da geht es um ihre Kernkompetenz, die ihnen längst die NEOS streitig machen. Justizministerin Alma Zadic, die für solche Fälle die Hoffnungsträgerin der Grün-Pragmatiker ist, versucht, dem gerecht zu werden. Aber das ist kein leichter Spagat, wie man auch am Fall Pilnacek sieht.

Some Greens, crawling on the planet’s face?

Dazu kommt, dass die Grünen eben auch für ein anderes Menschenbild im Allgemeinen sowie eine andere Europapolitik, eine andere Flüchtlingspolitik, eine andere Postenpolitik, eine andere Bildungspolitik gewählt worden sind, wie Johannes Huber in seinem Blog schreibt. Sein Befund an die Adresse Koglers: Kante zeigen, sonst bleibe die Regierung mehr so der türkise Planet. Mit ein paar Grünen. Crawling on the planet’s face.

Green Submarine

Die grüne Klubchefin Sigrid Maurer könnte einem fast leidtun, wenn sie im x-ten Interview seit der gerade einmal zwei Wochen zurückliegenden Angelobung dieser Regierung in der ZIB2 beim Thema Sicherungshaft schwimmt. Sie würde das nicht wollen. Jeden Tag unter Wasser und noch Spaß dabei – ein Bild, das die Kult-Band Element of Crime in einem Song über eine unglückliche Liebe geprägt hat. Wenn das zwischen ÖVP und Grünen eine Art Liebe sein sollte – und diesen Eindruck vermitteln die Newcomer bisweilen – dann ist sie verunglückt.

Den Eindruck gewinnt man dann, wenn Sigrid Maurer ihr ÖVP-Gegenüber August Wöginger öffentlich liebevoll Gust nennt und wenn Werner Kogler um vier Uhr in der Früh aufsteht, um mit Sebastian Kurz eine Stunde später in einer Backstube mit der Belegschaft für Fotos zu posieren. Keep your eyes open, eine schwierige Übung. Aber es ist natürlich ein wenig differenzierter. Johannes Huber nennt es in seinem Blog sehr treffend gelebte Koalitionspartnerschaft. Und er fügt nicht weniger treffend hinzu: Die Grünen praktizieren sie bis zur Selbstaufgabe. Das könnte naturgemäß fatal enden.

Paradoxe Intervention der Ex-Aufdecker

Ob das die gemeinsame paradoxe Intervention mit der Volkspartei in Sachen Ibiza-Untersuchungsausschuss ohne Ibiza ist, die sich die Grünen als Oppositionspartei zwar auch bieten hätten lassen müssen, aber unter mindestens so lautem Aufschrei wie er jetzt von SPÖ und NEOS kommt. Eine Partei in der Tradition des Hypo-Kogler und des unter anderem Eurofighter-Pilz, die sich Zudecker schimpfen lassen muss – das ist so ungerecht wie logisch. Denn natürlich hat die SPÖ gemeinsam mit der ÖVP auch den einen oder anderen Untersuchungsausschuss abgedreht, als sie auf dem Spielfeld war. Aber jetzt darf sie vom Spielfeld-Rand aus krakeelen.

Milde für sprachverwirrten Innenminister

Oder ob das das Thema Migration und Asyl ist. In Sachen Rückführungszentren hat sich der ÖVP-Innenminister dermaßen in die Nesseln gesetzt, dass er alles, was er im ZIB2-Interview am Vorabend dazu gesagt hatte, am nächsten Tag als Vollholler wieder zurücknehmen musste. Ein ziemlich peinlicher Einstand auch insofern, als er dem roten Landeshauptmann von Pannonien damit den roten Teppich im Wahlkampf-Finish ausgelegt hat. Der Grüne Vizekanzler hingegen ließ Milde walten, nachdem Klubobfrau Maurer zuvor noch eine Spitze gegen Karl Nehammer ausgekommen war. Werner Kogler sprach in vollendeter Koalitionspartnerschaft von Sprachverwirrung, so als ob nichts gewesen und Nehammer im ZIB2-Interview nicht nahe dran gewesen wäre zu beschreiben, wie die grenznahen Asylzentren innen ausgestattet sein werden.

Grenzgang bei umstrittener Sicherungshaft

Keine Rede natürlich auch davon, dass solche Lager in den Regierungsverhandlungen schon ein wichtiges Thema waren. Fliegende Richter-Senate zum Beispiel. So etwas fällt einem wie Nehammer ja nicht einfach während einer Sendung ein, was noch dazu sträflich unprofessionell wäre. Aber auf die Grünen Mitstreiter kann sich die Regierung Kurz verlassen. Genau so wie bei der Sicherungshaft genannten Haft ohne konkreten Verdacht, die ausschließlich für als gefährlich definierte Ausländer gelten soll, jedoch nicht zum Beispiel für prügelnde inländische Ehemänner, wenn man dem Innenminister folgt. Karl Nehammer hat zu diesem Widerspruch in stupender Ignoranz diesen Satz gesagt: Die totale Sicherheit wird es nie geben.

Honeymoon mit den relativ besten Feinden

Der Grün-Abgeordnete Michel Reimon ist wie Sigrid Maurer einer jener Grünen, vor denen August Wöginger seine Innviertler Jugend, die nach Wien zum Studieren geht, so eindringlich gewarnt hat. Aber Reimon ist zum Pragmatiker mutiert, was er auf Facebook so begründet hat: „Alles besser als Türkis-Blau“ hatte mich nicht überzeugt, bis ich das aus der Nähe erlebt habe. Jede Provokation, die die VP jetzt rauslässt – Sicherungshaft, Migrationspakt, Lager in Grenznähe, Kampf gegen Arbeitslose -, ist nur mit den Grünen als Partner*in eine Provokation. Sonst wär das alles nämlich eine g’mahte Wiesn. Sprich: die Grünen opfern sich auf, um die Republik zu retten. Notabene vor jenen, mit denen sie gerade den Honeymoon proben.

Wenn frühmorgens klingelt der Kanzler-Wecker, muss der Vizekanzler müde mit zum Bäcker. Inszenierung Nummer drei nach Pflegeheim und Polizeiwache.  (Twitter/Kogler)

Grüne ermöglichen erst Diskursverschiebung

Widerspruch ist nicht ausgeblieben. Der Kommentar von Gerhild Salzer unter diesem Posting von Reimon zur Sicherungshaft hat es in sich: Eine Verfassungsmehrheit hatten (und haben) ÖVP/FPÖ nicht, niemand anderer war bereit mitzugehen oder auch nur ernsthaft darüber zu diskutieren, die Umsetzung war daher nicht möglich. Aber seitdem es im türkisgrünen Koalitionspakt steht, wird nun täglich darüber diskutiert, als wäre es eine normale und legitime Forderung. Die Grünen haben sie salonfähig gemacht, die Grünen haben hier diese Diskursverschiebung ermöglicht. Erst jetzt wird ernsthaft drüber nachgedacht, wie die Sicherungshaft (zumindest teilweise) umgesetzt werden könnte – und das auch innerhalb der Grünen. Mit den Grünen als Partnerin ist diese Forderung daher wesentlich gefährlicher als sie es mit der FPÖ war.

Auch Generalsekretäre salonfähig gemacht

Die Grünen haben Forderungen der FPÖ salonfähig gemacht. Einen ärgeren Vorwurf kannst du der eigenen Partei kaum machen. Und das setzt sich fort: Die grüne Superministerin Leonore Gewessler hat sich so wie Vizekanzler Werner Kogler einen Generalsekretär bzw. eine Generalsekretärin geholt. Das sind Funktionen, die Kogler vor nicht allzu langer Zeit noch als Polit-Kommissare abgetan hat. Jetzt macht er auch diese schwarz-blaue Erfindung salonfähig. Die Selbstherrlichkeit der Generalsekretäre ist im neuen Bundesministerien-Gesetz zwar etwas eingeschränkt worden, aber es bleibt ein Faktum, dass auch die jetzt von den Grünen eingesetzten Sub-Chefs allen Beamten vom Sektionsleiter abwärts Weisungen erteilen können.

Besser auftauchen (und auftauchen lassen)

Kogler hat eine erfahrene Gruppenleiterin aus dem Haus bestellt, Gewessler einen Sektionsleiter, der unter den MinisterInnen Doris Bures, Werner Faymann, Alois Stöger und Jörg Leichtfried Karriere gemacht hat. Aber auch Koglers Generalsekretärin hat einen SPÖ-Hintergrund. Die rot-grüne Achse soll offenbar dabei helfen, im schwarz-grünen Dickicht zu überleben. Denn dieser Überlebenskampf, der hat erst begonnen. Die Grünen als U-Boot in einer vom Kurz-Marketing dominierten Bundesregierung, das ist eine sub-marin-optimale Lösung. Es hieße durchtauchen und unter Wasser atmen, wie sie es in den ersten vierzehn Tagen probiert haben. Sonderlich erfolgreich war das nicht. Auftauchen (und auftauchen lassen) wäre einen Versuch wert.