Star Wars

I could stand in the middle of Fifth Avenue and shoot somebody. And I wouldn’t lose any voters, ok? Das hat Donald Trump im Wahlkampf um die US-Präsidentschaft gesagt. Er hat gewonnen und niemanden erschossen. Der Filmemacher Michael Moore hat daher den Spruch in Anspielung auf die Rücknahme von Obamas Gesundheitsreform an die Lage angepasst: I could stand in the middle of 5th Ave and take away the health care of 23 million people and nothing would happen to me! Man fühlt sich an das Österreich des Sebastian Kurz erinnert, dem auch die Herzen zufliegen. Das Trump-Ass des Wahlkampfs.

Kurz kann eine gewaltige Steuersenkung ankündigen und lapidare Vorschläge zur Finanzierung machen. Es schadet ihm nicht. Kurz kann auch Forderungen zur Reform von Gesundheitswesen und Pflegesystem stellen, ohne konkrete Lösungsvorschläge mitzuliefern. Schadet ihm auch nicht. Der Mann, der für sich in Anspruch nimmt, die Balkanroute für Asylwerber quasi im Alleingang geschlossen zu haben, ist der Star dieses Wahlkampfs. Schließlich fordert Kurz jetzt die Sperre der Mittelmeer-Route und das Volk jubelt ihm zu. We will build a great wall at the southern border. And Mexico will pay for the wall. Trump will seine Mauer neuerdings mit Solarpaneelen finanzieren. Wer die Mauer im Mittelmeer finanzieren wird, hat Sebastian Kurz offen gelassen.

Das Trump-Ass und ein Schuss Astrologie

Dafür hat Kurz uns seinen neuen Bewegungssprecher vorgestellt, als wäre der ein Schlüsselminister in der künftigen Regierung unter seiner Kanzlerschaft. Peter Eppinger ist jedenfalls die Starbesetzung für diesen Job, hat er doch bisher unter anderem die Sternstunden mit Gerda Rogers auf Ö3 moderiert. Ein Schuss Astrologie ist das, was uns in diesem Wahlkampf gerade noch gefehlt hat. Und ein Video, das einmal nicht den Spitzenkandidaten, sondern eben seinen Bewegungssprecher in den Mittelpunkt stellt.

Gerda Rogers kommt darin übrigens nicht vor. Aber ein Schmetterling, der dem Medienprofi am Schluss des Videos zufällig von der Schulter flattert. Die Medien sind voll davon. Kurz weiß, wie sie ticken. Und angebliche 60.000 Unterstützer seiner Bewegung, deren Mail-Adressen man auch durch das Umfunktionieren der ÖVP-Homepage zu einer Sebastian-Kurz-Fansite gesammelt hat, die können nicht irren.

Lieber Düsseldorf als Küniglberg

Die SPÖ tut sich schwer mit dem ÖVP-Star, der oft einfach nicht da ist, auch wenn es genau um sein Thema geht. Im Zentrum wurde am Sonntag über die Schließung der Mittelmeer-Route diskutiert, mit dabei Gerald Knaus, Erfinder des Türkei-Abkommens, welches die Balkanroute geschlossen hält. Hier hat Kurz mit Widerspruch rechnen müssen. Da diskutiert er lieber in Deutschland, etwa Montag Abend im Düsseldorfer Ständehaus und auf Einladung der Rheinischen Post – wo sie ihm alle zu Füßen liegen. Wer ist dieser gerade mal 30-jährige Sebastian Kurz, der offenbar nichts falsch machen kann auf dem Weg ganz nach oben? Solche Sachen kann man auf der RP-Homepage lesen, und auch das Kurz-Video dort ist durchaus interessant.

Ermöglicher versus Verunmöglicher

Das Kalkül geht auf, die SPÖ zeigt längst Wirkung. Negative Campaigning, das man als vergleichende Werbung verharmlost, läuft schon auf Hochtouren. Kanzler Christian Kern steht in der zentralen Migrationsfrage mittlerweile eher als Verunmöglicher und Verhinderer da, während sich Kurz mit der Mittelmeerroutenschließung als Ermöglicher positioniert hat. Argumente zählen nicht viel, wenn es um Emotionen und Instinkte geht. Sie sind manchmal sogar kontraproduktiv. SPÖ-Star Kern hat dann zwischenzeitlich versucht, dem Dilemma mittels Home-Storys zu entkommen, wie man sie hierzulande schon lange nicht mehr von einem Spitzenkandidaten gewöhnt war. Ö3 und Krone zum Vatertag, dann News und auch noch die UschiFellner-Zeitung. Zum Drüberstreuen ein Video über ein hartes Leben in Simmering mit viel privatem Touch.

Die Leute müssen Kern nur noch glauben

Auf puls4 am Montag Abend dann das erste Sommergespräch mit Corinna Milborn. Neue Akzente hat Christian Kern da nicht gesetzt, aber seine Linie hat er doch sehr klar herausgearbeitet: Er, der verlässliche Verantwortungsträger, der für die Österreicher und nicht für irgendwelche Lobbys arbeiten wolle. Er, für den in der Migrationsfrage die Menschlichkeit im Vordergrund stehe und der beim Gedanken an das Mittelmeer immer das Bild des ertrunkenen Aylan Kurdi vor Augen habe. Die Steuerpläne von Kurz rückte Kern in die Nähe von Schüssel und Grasser, die ja keine besonders gute Nachrede haben. Und die FPÖ sei ihm völlig powidl. Jetzt muss Kern das nur noch eine relative Mehrheit glauben, damit er Erster wird und das Heft des Handelns in der Hand hat.

Schützenhilfe durch das grüne Pilz-Desaster

Die Grünen könnten dem SPÖ-Chef dabei helfen. Die haben unter lautem Getöse ihren Star-Aufdecker Peter Pilz in Polit-Pension geschickt, was auf Twitter und Facebook zu Beileidsbekundungen sonder Zahl geführt hat. Den Kommentaren folgend, müssten die Grünen jetzt hochkant aus dem Parlament fliegen. Das werden sie nicht. Hier haben die Seilschaften des gewieften Machtspielers Pilz ihren Unmut kundgetan. Wer mögliche Star-Allüren des grünen Urgesteins thematisiert, muss weiterhin mit einem Shitstorm rechnen. Aber selbstverständlich darf man das. Die Unprofessionalität ist eine geteilte. Pilz nicht zu halten, war dumm von der Grünen Spitze. Und von Pilz war es ebenso dumm, sich partout nicht halten lassen zu wollen.

Und Strache hat gerade alle Zeit der Welt

Unter den Ersten, die Peter Pilz Tränen nachweinten, war übrigens Heinz-Christian Strache. Der FPÖ-Obmann würdigte den Ausnahme-Parlamentarier ausgiebig.

Strache hat für so etwas Zeit. Während Kern und Kurz im Wahlkampffieber sind und versuchen, sich das nicht anmerken zu lassen, bleibt die FPÖ bei der bekannten Schmied-Schmiedl-Masche in der Migrationsfrage, mit dem Wirtschaftsprogramm haben sie es nicht mehr eilig. Strache weiß: Er wird nach der Nationalratswahl so oder so  eine entscheidende Rolle spielen. Und ist der heimliche Star.

Sie reden Lavendel

Alfred Gusenbauer war der King. Einmal hat er im vermeintlichen Off als amtierender Parteivorsitzender vom üblichen Gesudere der SPÖ-Funktionäre gesprochen. Und 2002 hat er Wolfgang Schüssel in einer TV-Konfrontation entgegengeschleudert: Erzählen Sie keinen Lavendel! Jetzt hat sich Gusenbauers Nach-Nachfolger Christian Kern mit einem Sager in den Holler gesetzt, der auf seinen Kontrahenten Sebastian Kurz gemünzt war: Dessen Mantra von der Schließung der Mittelmeer-Route sei populistischer Vollholler, so Kern im vermeintlichen Off. Als ob nicht schon genug Lavendel geredet würde.

Von der Kronenzeitung zum Beispiel. Die stellt nach dem Vollholler-Sager des SPÖ-Chefs messerscharf fest, dass die Flüchtlinge jetzt zentrales Wahlkampfthema werden. Als würde die Krone nicht am laufenden Band Artikel wie etwa diesen bringen, wonach Heimatreisen von Flüchtlingen immer häufiger werden. Urlaub trotz Angst? Das steht  über dem Titel. Das macht natürlich Stimmung in Wahlkampfzeiten. Rechte Plattformen greifen das im Netz ebenso auf wie Heinz-Christian Strache auf Facebook. Der FPÖ-Obmann hat dort einen Artikel der Kleinen Zeitung geteilt. Der ist einen Tag nach dem Krone-Artikel erschienen – offenbar inspiriert davon und mit einem Suggestivfoto.

Vollholler-Populismus & der Medien Beitrag

Dabei gibt es keine Zahlen, keine konkreten Fälle. Quelle ist eine Meldung der dpa, der Deutschen Presseagentur, die einen Bericht des Springer-Blattes Die Welt vom Herbst 2016 aufkocht. Schon damals wurde das nach dem Motto abgehandelt: Es gibt solche Fälle. Und es gibt keinerlei neue Erkenntnisse über einen Trend zum Heimaturlaub unter Asylwerbern, wie Krone und Kleine uns weismachen wollen. Erstere vermutet zusätzlich: In Österreich dürfte die Situation ähnlich aussehen. Zweitere hat immerhin den Sprecher des österreichischen Innenministeriums angerufen, der ihr bestätigt hat, dass er diese Geschichten kennt. Lavendel vom Feinsten. Und wirkt.

Nächster Halt gescheitertes Sicherheitspaket

Demnächst wird wohl das sogenannte Sicherheitspaket scheitern, das der Polizei strengere Überwachungsmethoden in die Hand geben soll. Der raschere Zugriff auf Videokameras und die Erfassung von Autokennzeichen sind in den Augen von Innenminister Wolfgang Sobotka die wichtigsten darunter. Wenn es nach dem ÖVP-Mann geht, wären diese Maßnahmen schon längst in Kraft. Weil die SPÖ aber auf einer ausführlichen Begutachtung dieser datenschutzrechtlich sehr sensiblen Materie besteht, wird vor der Wahl nichts mehr daraus werden. Sobotka hat für den Fall schon angekündigt, dass der Kampf gegen den Terror und die angebliche Behinderung der Ermittler dann ein Wahlkampfthema werde. Die Kronenzeitung darf schon titeln.

Wahlkampf-Hit Mittelmeerroutenschließung

Natürlich ist wichtig, wie wir in Europa und in Österreich mit der Migration umgehen. Die Schließung der Mittelmeer-Route könnte das Ertrinken von Menschen  verhindern und die absehbare Überforderung Italiens hintanhalten. Das ist eine europäische Aufgabe – mit Schlagworten, in denen die gefeierte Westbalkanroutenschließung anklingen soll, ist keinem  gedient. Außer man will damit im Wahlkampf punkten. Der Boden dafür ist, wie gesagt, schon aufbereitet. Dabei müssten jetzt endlich Antworten gegeben werden, die überfällige Entscheidungen in Österreich möglich machen, die auch nur in Österreich zu treffen sind. Denn ohne diese Antworten wird das Neue, das da nach dem 15. Oktober in welcher Form auch immer kommen wird, schnell alt aussehen.

Viel wichtiger, die Veto-Spieler einzufangen

Josef Urschitz hat es in einem Leitartikel so formuliert: Spart euch doch einfach die traditionellen Wahlprogramme. Wir wollen wissen, wie die kommende Regierung die Blockadestrukturen ändern will. Bloße Überschriftensammlungen interessieren uns nicht mehr. Genau das ist der Punkt. Der Plan A von Christian Kern liegt vor, der Plan B von Sebastian Kurz kommt im September, der Plan C von Heinz-Christian Strache vielleicht sogar früher – aber alles, was diese Politiker versprechen, ist nur etwas wert, wenn sie es auch umsetzen können. In Österreich sind zu viele Veto-Spieler auf dem Feld. Wenn man die einfängt, dann klappt es vielleicht auch mit den Plänen.

Schulreform als das abschreckende Beispiel

Bei der Schulreform haben die Länder erzwungen, dass das Zuständigkeits-Chaos im Bildungsbereich nicht nur nicht entwirrt, sondern in Form einer gemischten Bund-Land-Behörde namens Bildungsdirektion so richtig festgeschrieben wird. Der Aufschrei des früheren Rechnungshof-Präsidenten Josef Moser hat nichts bewirkt. Die Pläne für mehr Autonomie der einzelnen Schulen sind auf Druck der Lehrergewerkschaft verwässert worden. Um die Gewerkschaft zu befrieden, soll sogar eine durchschnittliche Klassen-Schülerhöchstzahl in die Verfassung geschrieben werden. Aber das reicht ihnen nicht, die Lehrervertreter drohen schon mit Maßnahmen zu Schulbeginn, also vor der Wahl.

Der Vorhang fällt und alle Fragen offen

Von dem Trauerspiel um die Ermöglichung von Modellregionen für die gemeinsame Schule – ohnehin nur in kleinen Bundesländern – ganz zu schweigen. Fast möchte man sich wünschen, dass dieser Reformkompromiss scheitert. Obwohl es natürlich eine Verbesserung gegenüber dem Status quo wäre. Die Gefahr ist, dass es dann heißt: Nach dieser Jahrhundertreform lassen wir es jetzt einmal gut sein. Obwohl alle wissen, dass nichts gut ist. Von den Brennpunkt-Schulen und zu wenig Unterstützung für die Lehrer dort bis hin zu einem modernen Lehrerdienstrecht mit Anwesenheit in den Schulen samt menschenwürdigen Lehrer-Arbeitsplätzen. Und viel mehr.

Volksabstimmungen als Blockaden-Ausweg?

Jeder weiß, dass das gemacht werden müsste, aber SPÖ & ÖVP haben sich über vieles einfach nicht drüber getraut. Da sind Länder, Gewerkschaften und Kammern vor. FPÖ-Obmann Strache hat deshalb als Koalitionsbedingung Volksabstimmungen über die Pflichtmitgliedschaft bei den Kammern, die Zusammenlegung von Kassen und über eine ORF-Reform genannt. Auch SPÖ-Chef Kern will den Hebel Volksabstimmung nützen, aber um den Bundesstaat zu reformieren. Die Sozialpartnerschaft und damit indirekt den Kammerzwang sowie die Sozialversicherung in der bestehenden Form der Selbstverwaltung hat die SPÖ gleichzeitig in ihrem Wertekatalog einzementiert.

Vollmachten von Kurz werden nicht ausreichen

Und Sebastian Kurz? Der gibt der Bundes-ÖVP ein neues Design, lässt an einem neuen Web-Auftritt basteln und sammelt Likes auf seiner Facebook-Seite. Nicht zuletzt mit der kompletten Mittelmeerroutenschließung. Wie Kurz die Veto-Spieler in den Griff kriegen will, die in seiner Partei besonders zahlreich vertreten sind, wissen wir nicht. Wir wissen nur, dass seine Vollmachten, die ihm der Parteitag am 1. Juli ins Statut schreiben wird, dafür nicht ausreichen werden.

Es dämmert blau

Wer mit Franz Vranitzky politisch groß geworden ist, der geht mit besonderen Gefühlen in diesen Tag. Die SPÖ-Gremien schicken sich also an, die sogenannte Vranitzky-Doktrin zu Grabe zu tragen. Keine Koalition mit den Freiheitlichen, zumindest auf Bundesebene. Ein No-Go, als es diesen Begriff noch nicht einmal gegeben hat. Und so wurde es dreißig Jahre lang gehalten. Die Doktrin hat sich überlebt. Gut, dass die SPÖ diesen Schritt setzt. Entscheidend wird sein, was sie daraus macht. Und was die Freiheitlichen zulassen, dass daraus wird.

SPÖ-Vorsitzender Christian Kern ist nicht zu beneiden. Der Kanzler hat erkannt, dass im Verhältnis zu den Freiheitlichen ein Qualitätssprung notwendig ist, der nur lauten kann: Die Tabuisierung einer Regierungszusammenarbeit mit einer Partei, die in etwa gleich stark ist wie SPÖ und ÖVP, die muss beendet werden. Zumal das rot-schwarze Ausgeistern dieser Tage und Wochen beweist, dass zwischen diesen beiden Parteien eine Neuauflage der Koalition praktisch unmöglich ist. Und zumal sich mit Grünen und NEOS die rote Wunschkoalition schlicht und einfach nicht ausgehen wird.

Kern bleibt de facto nur die FPÖ zum Regieren

Also bleibt Christian Kern streng genommen nur die Option FPÖ zum Regieren. Die Parteifreunde von Hans Niessl bis Michael Häupl machen es ihm nicht leicht: Der eine mit seiner Light-Variante von Rot-Blau, die keinen kümmert. Das Burgenland einfach too small for big politics. Der andere in seiner Wiener Trutzburg – entschlossen, noch einmal den Abwehrkampf gegen Schwarz-Blau zu führen. Wissend, dass der Feind die Burgmauern längst schon überwunden hat. Und dazwischen die Medien, allen voran die Kronenzeitung, die genussvoll im Dilemma des SPÖ-Chefs baden.

Kronenzeitung mit dem Hainfelder Sanktus

Bisheriger Höhepunkt: das angeblich positive Ergebnis einer angeblichen Funktionärsbefragung über Rot-Blau im niederösterreichischen Hainfeld, Bezirk Lilienfeld. Eine beschauliche, SPÖ-regierte Stadtgemeinde mit 3800 Einwohnern, die historisch für die Sozialdemokratie eine wichtige Rolle gespielt hat. Dort hat 1889 der Einigungsparteitag der Arbeiterbewegung stattgefunden, weil die lokalen Behörden beim Versammlungsrecht liberaler getickt haben als jene in Wien. Wenn Hainfeld also mit großer Mehrheit für Rot-Blau ist, dann muss das was heißen, sagt uns die Krone.

Sogar Hans Sallmutter bricht Lanze für Blaue

Dabei wären wir auf kryptische Abstimmungsergebnisse, die dem Boulevard zugespielt werden, in der Frage gar nicht angewiesen. Wenn sogar Hans Sallmutter, streitbarer früherer Chef der Privatangestellten-Gewerkschaft GPA, eine Lanze für die FPÖ bricht und sagt, diese habe sich stark gewandelt und sei nicht mehr so unkonstruktiv wie einst – dann weiß man, was es geschlagen hat. Sallmutter war ab 2000 eine ganz zentrale Zielperson für die damalige schwarz-blaue Regierung, ÖVP und FPÖ haben Gesetze geändert, um ihn als Chef des Hauptverbandes der Sozialversicherung loszuwerden.

Die weniger unappetitliche Koalition

Unter Rot-Blau würde es so etwas natürlich nicht geben. Das schwingt auch immer mit, wenn sich Sozialdemokraten zu der Frage äußern. Der Publizist Robert Misik, der eben ein Buch über Christian Kern geschrieben hat, hat es auf den Punkt gebracht und ist damit auch schon oft zitiert worden: Rot-Blau sei weniger unappetitlich als Schwarz-Blau und als letzte Option daher durchaus in Erwägung zu ziehen. Was genau das weniger Unappetitliche ist, darüber kann man nur spekulieren. Aus SPÖ-Sicht geht es zweifellos darum, befürchtete neoliberale Auswüchse und sozialpolitischen Kahlschlag zu verhindern. Das wird Schwarz-Blau von den Roten zugetraut und propagandistisch verwertet. Negative Campaigning läuft.

So ist Wahlkampf eben. Und Sebastian Kurz fordert es geradezu heraus, wenn er eine Mega-Steuersenkung ankündigt und die Anleitung dazu erst im September nachliefern will. Das öffnet Spekulationen und Unterstellungen Tür und Tor. Doch der neue ÖVP-Chef und Außenminister profiliert sich lieber wieder mit dem Asylwerber-Thema. Nach der Westbalkanroute will Kurz jetzt die Mittelmeerroute komplett schließen, indem er nordafrikanische Länder mit EU-Geldern überschüttet. Die deutschen Medien hängen wieder sehr gebannt an seinen Lippen, die österreichischen auch.

Rote Inhalte über blaue Bande spielen

Für SPÖ-Chef Christian Kern ist entscheidend, dass er nach all den Pannen im Gefolge des Koalitionsbruchs wieder mit seinen Inhalten ins Gespräch kommt. Kern hat den berühmten Plan A, der immer schon ein Wahlprogramm war, verkümmern lassen. Mit dem Kriterienkatalog für Koalitionen, der neben allgemeinen Grundsätzen auch konkrete Bedingungen enthalten dürfte, kann sich der SPÖ-Vorsitzende wieder ins Spiel zurückkämpfen. Etwa mit der Bedingung einer Substanzsteuer auf Vermögen und mit einer Erbschaftssteuer, die die SPÖ bisher nie durchsetzen hat können. Solche Koalitionsbedingungen wären für die ÖVP wie für die FPÖ eine Herausforderung.

Wie offen ist FPÖ in Koalitionsfrage wirklich?

FPÖ-Parteiomann Heinz-Christian Strache hat sogar schon klargestellt, dass mit ihm & seiner Partei des Kleinen Mannes eine Vermögensteuer nicht zu machen sei. Die SPÖ muss dennoch draufbleiben: Um sich selbst treu zu bleiben und um die Freiheitlichen auf die Probe zu stellen. Dann wird sich zeigen, wie offen die FPÖ wirklich in beide Richtungen ist, also zur ÖVP und zur SPÖ. Wahltaktisch ist das für Christian Kern auch der einzig mögliche Weg – und an dessen Ende wird vielleicht die Opposition stehen. Weil ÖVP und FPÖ schneller handelseins sind, als er schauen kann. Oder weil die SPÖ-Mitglieder einen schlechten Koalitionspakt mit den Blauen ablehnen. Einem guten Pakt würde die Partei letztlich wohl zustimmen. Es dämmert nämlich blau.

How do you tweet

Nicht Armin Wolf sei das Problem, sondern dass es hierzulande zu wenige Seinesgleichen gibt. Das hat Johannes Huber zur laufenden Diskussion geschrieben, wie hart denn Journalisten – speziell ORF-Mitarbeiter – in diesem Land fragen dürfen sollen. Und in dieser Zeit, die von Wahlkampf erfüllt ist. Man muss nur nach Großbritannien schauen, das mit Terrorangriffen geschlagen und wunderbaren Antworten wie dieser darauf gesegnet ist: Dort wird diese Woche gewählt, und der Ton in den TV-Studios ist so rau, dass Armin Wolf dagegen wie ein Weichei wirkt. Aber die Diskussion läuft schon auf einer anderen Ebene.

Tweetest du noch oder postest du schon Katzenbilder? Ein Running Gag über ORF-ler, der eigentlich nicht zum Lachen ist. Aufgekommen ist das, nachdem der neue Leiter des SPÖ-Freundeskreises im ORF-Stiftungsrat, Heinz Lederer, die Interviews von Armin Wolf als hart, aber fair bezeichnet hat. Und im selben Atemzug die Social-Media-Aktivitäten von ORF-Mitarbeitern in Frage gestellt hat. Die Tweets sind ein Problem, hat Lederer gesagt. Bei seinem Gegenüber im ÖVP-Freundeskreis ist er damit offene Türen eingerannt. Nach der jüngsten Stiftungsratssitzung kam dann die Ankündigung des ORF-Generaldirektors: Tweets seien so zu formulieren, dass keine Präferenz, aber auch keine Ablehnung bestimmter politischer Inhalte herauszulesen sind.

Social Media: Maulkorb statt Guidelines?

Dagegen ist nichts einzuwenden. Als ORF-Journalist hat man da tatsächlich eine besondere Verantwortung, der muss man sich bewusst sein. Deshalb gibt es auch die Social-Media-Guidelines und das schon lang. Über die Einhaltung der Regeln wacht ein Ethikrat. Wenn Alexander Wrabetz jetzt eine Interne Mitteilung in Aussicht stellt, die Verhaltensregeln für die Zeit bis zur Nationalratswahl am 15. Oktober beinhalten soll, dann muss dies fast zwangsläufig als Maulkorberlass verstanden werden. Und wurde von manchen Medien auch bereitwillig so verstanden. Der prominente Sozialdemokrat Max Kothbauer hat seine Sorge auf Twitter so ausgedrückt:

Christian Kern als selbstironischer Zensor

Szenenwechsel. Stermann & Grissemann feiern mit einer Jubelsendung zehn Jahre Willkommen Österreich. Ein Satireformat, das sich großer Beliebtheit erfreut und von Wrabetz als ORF-Chef möglich gemacht worden ist. Das ist nicht selbstverständlich, denn die Comedians nehmen sich bei ihren Gags, Gags, Gags kein Blatt vor den Mund. Die wissen nicht einmal, wie man Maulkorb schreibt. Bei der Jubiläumsausgabe sitzt SPÖ-Prominenz im Publikum, darunter auch der Freundeskreisleiter. Und der SPÖ-Chef und Kanzler höchstpersönlich spielt bei einem Gag mit: Christian Kern gibt den roten Zensor, der die Witzchen von Stermann & Grissemann abnimmt.

Am Ende hätten die Verhör-Kritiker gewonnen

Das Lachen über diese Selbstironie bleibt einem freilich im Hals stecken, wenn man bedenkt, dass es via Medienminister Thomas Drozda ja eben der Kanzler gewesen ist, der den Lobbyisten und früheren Kommunikationschef der SPÖ in den 1990-er Jahren, Heinz Lederer, zum Sprecher der roten Fraktion im Stiftungsrat gemacht hat. Mit dem Ergebnis, dass ORF-Journalisten über Umwege an die Kandare genommen werden könnten, indem ihre Bewegungsfreiheit im Internet eingeschränkt wird. Damit hätten dann jene, die sich über Verhörmethoden beklagt und gelenkten Journalismus unterstellt haben, am Ende vielleicht doch noch gewonnen.

Die Im-Kreis-Fahrer

Neulich im oe24-Bewegtbild. Wolfgang Fellner interviewt Niki Lauda, und dessen Botschaft ist: Die Politiker sind schlecht. Alle außer Sebastian Kurz. Der ist super. Das hat Lauda schon bei früheren Gelegenheiten kundgetan. Bemerkenswert ist, dass er das immer im Fernsehen von Wolfgang Fellner tun darf, der im Wahlkampf angeblich Äquidistanz zu den Parteien halten will.  Im #doublecheck-Interview hat Fellner das sogar garantiert. Als Weltmeister im Im-Kreis-Fahren hat Lauda allerdings auch eine hervorragende Analyse zum aktuellen Zustand der Innenpolitik abgeliefert. Fokussierte Unintelligenz könnte er gemeint haben.

Dass Niki Lauda der Richtige ist, um das Taktieren von Rot und Schwarz in diesen Tagen einzuordnen, das hat niemand Geringerer als Altbundespräsident Heinz Fischer bestätigt: Man spürt, wie sehr nur noch auf Startvorteile wie bei einem Formel1-Rennen geachtet wird, hat Fischer am Mittwoch im ZIB2-Interview gesagt. Gemeint hat er damit den offenen Streit und die Abgründe zwischen den allerbesten Feinden SPÖ und ÖVP. Sie fahren einfach nur noch im Kreis. Und damit muss einmal Schluss sein, wer wüsste das besser als Niki Lauda. Der hat das schon 1979 verstanden – als er als Rennfahrer zurücktrat, um dann freilich zwei Jahre später zurückzukommen und fünf Jahre später ein drittes Mal Weltmeister zu werden.

Lauda findet Kurz super und die Politik öd

Beim vorläufigen Rücktritt 1979, da war Lauda ein junger Mann. Dreißig. So wie Sebastian Kurz heute. In der Jugend kann man schon sprunghaft sein. Umso klarer ist die Sicht auf die unerträgliche Ödheit des Im-Kreis-Fahrens aus der Weisheit des Alters. Also sprach die Sport-Ikone: Das erträgt ja kein vernünftiger Mensch mehr. Das ist langweilig und interessiert niemanden. Weil es ja zu keiner vernünftigen Lösung führt. Wenn man glaubt, dass diese Koalition nichts zustandebringt – warum sollen die jetzt was zustandebringen? Diese Illusion uns zu verkaufen, wir arbeiten weiter bis zum letzten Tag – das wird alles nicht passieren. Nicht nur Heinz Fischer hat dem wenig hinzuzufügen. Eine zutreffende Analyse.

Weltmeister unter sich: Niki Lauda (Formel 1) und Sebastian Kurz (Ankündigen).

Die Koalition will auch im Nachspiel nicht mehr, und die Opposition tut auch nur so, als wollte sie. In der Ö1-Sendung Klartext haben Vertreter aller vier Oppositionsparteien über das freie Spiel der Kräfte räsoniert. Etwa für eine echte Liberalisierung der Gewerbeordnung gemeinsam mit der SPÖ, gegen die ÖVP. Man lässt sich ja gern eines Besseren belehren, aber der Eindruck war eher so, dass jede, auch noch die kleinste Fraktion in diesen Tagen und Wochen ihr eigenes taktisches Spielchen spielt. Die Frage ist auch für die Opposition nicht, ob etwas Vernünftiges herauskommt, sondern: Haue ich mir die Ausgangsposition für die Herbstwahl zusammen?

Christian Kern mit gröberen Motorproblemen

Die SPÖ hat gleich zwei ernsthafte Probleme. Sie hat nach der Aufkündigung der Koalition durch die Kurz-ÖVP nicht das geringste Drohpotenzial. Christian Kern ist voll in die Falle gelaufen, die Sebastian Kurz aufgestellt hat – wobei die Frage ist, ob Kern überhaupt ausweichen hätte können. Kurz hat die Devise ausgegeben: Wir arbeiten weiter. Kern hat auch die Devise ausgegeben: Wir arbeiten weiter. Aber der Kanzler hat den Fehler gemacht, das freie Spiel der Kräfte ins Spiel zu bringen. Ohne logische, geschweige denn sichere Mehrheiten jenseits der ÖVP für was auch immer. Und die ÖVP sagt, wir überstimmen die SPÖ nicht, solange sie uns nicht überstimmt. Deshalb steht Kern jetzt wie ein Zauderer da. Fairness ist momentan keine Kategorie.

Rot-Blau-Kritik tönt nicht mehr im Konjunktiv

Gleichzeitig ist die SPÖ dabei, die Vranitzky-Doktrin endgültig über Bord zu werfen und die Tür zur FPÖ auch auf Bundesebene aufzustoßen. Das Ganze geht ziemlich holprig vor sich, aber der SPÖ-Parteivorstand wird Mitte Juni wohl die Option Rot-Blau für Kern und Doskozil aufmachen. Alles andere wäre widersinnig. Der Schlüssel dazu heißt Kriterienkatalog, den der Kärntner SPÖ-Chef und Landeshauptmann Peter Kaiser federführend erstellt hat. Und Kaiser hat schon im April zum Tabu FPÖ gesagt: Ich halte es für falsch, auf immer und ewig an einem Dogmatismus festzuhalten, das ist für mich nur eine besondere Form des Konservativismus.

Mittlerweile spricht ja sogar Juso-Chefin Julia Herr schon in der Wirklichkeitsform von der ihr verhassten rot-blauen Koalition. Im ORF-Report. Und auch Heinz Fischer hat sein Plazet gegeben. Für ihn, den Wissenschaftsminister der rot-blauen Regierung Sinowatz, wird hier gewissermaßen ein Kreis zu Ende gefahren.

FPÖ weiß nicht, in welche Richtung starten

Die Freiheitlichen wiederum stehen auf der Rennstrecke und wissen nicht, in welche Richtung sie losfahren sollen. Wie sonst ist zu erklären, dass diese Partei bis heute keine klaren Positionen in jenen Fragen auf den Tisch gelegt hat, auf die man in Regierungsverantwortung Antworten geben muss? Das Wirtschaftsprogramm ist seit Wochen überfällig – so als würde man es weniger nach Grundsätzen ausrichten als nach Kompatibilität mit möglichen Koalitionspartnern nach der Wahl. Und da gibt es eben bei allem Pragmatismus von Christian Kern doch erhebliche Unterschiede zwischen SPÖ und ÖVP. Vermögensbesteuerung, Gewerbeordnung, Soziales: die Freiheitlichen werden sich entscheiden müssen. Aber nicht nur sie.

Der neue ÖVP-Chef weiß sich zu verstecken

Denn Niki Lauda hat noch etwas Wahres gesagt. Über Sebastian Kurz, den er so super findet: Die Art und Weise, wie er kommuniziert, verstehen wir Menschen. Ich auch. Ich bin kein hochintelligenter Mensch. Der redet so, dass ich es verstehe. Das ist das Wichtigste für einen Politiker, dass man ihn versteht. Da trifft die Rennfahrer-Legende mit der roten Kappe einen Punkt. Kurz dringt zu den Menschen durch, ja. Aber vor allem deshalb, weil er es verstanden hat, sich in der Zuwanderungs-Frage zur ihrem Anwalt zu stilisieren. Der der unfähigen Bundesregierung, der er angehört, und der hilflosen Europäischen Union zeigt, wie es gehen würde. Betonung auf würde.

Botschaften möglichst ungefiltert unters Volk

Gelungen ist das durch professionelle Medienarbeit mit dem Ziel, die Botschaften möglichst ungefiltert unter das Volk zu bringen. Das möchte Kurz jetzt als ÖVP-Obmann und ÖVP-Spitzenkandidat bei der Wahl wieder so halten. Da und dort ein Statement, gerne auch via Facebook, keine lästigen Fragen, keine mühsamen Diskussionen. Den Rücken hält ihm der gute Mensch Wolfgang Brandstetter frei, der sich als Vizekanzler tagtäglich im Verbiegen üben muss und zum Glück einen Wurlitzer im Büro stehen hat, wo er sich dann zur Entspannung die 70-er-Jahre-Hits seiner geliebten The Sweet reinziehen kann. Auf Dauer wird das für den ÖVP-Superstar so nicht funktionieren.

Sebastian Kurz lebt nicht in einem Paralleluniversum. Er wird sich auch auf die Rennstrecke begeben müssen und dort zeigen, was er kann. In allen Situationen und nicht nur bei Schönwetter. Niki Lauda ist, wie gesagt, im Alter von Kurz das erste Mal aus dem Formel1-Zirkus ausgestiegen. Doch da war er schon zweimal Weltmeister. Kurz ist vorerst nur Weltmeister im Ankündigen.

Sisters Act

Ein Bundespräsident, der elf lange Jahre Parteichef der Grünen war. Sein Kopftuch-Sager erinnert daran. Sechs hübsche Länder-Koalitionen, bevor der schwarz-blaue Machthunger die in Linz gefrühstückt hat. Manche weniger hübschen Vorkommnisse,  zuletzt auch auf Bundesebene, wo der Hinauswurf der Jungen Grünen durch die Parteispitze nur den Gipfelpunkt darstellte. Quertreiber, die ihre Gründe und Namen haben, wie Peter Pilz und Efgani Dönmez. Und Eva Glawischnig, erfolgreichste Grünen-Chefin aller Zeiten, die nicht mehr konnte und wollte. Die auch vor einer Doppelspitze gewarnt hat. Jetzt gibt es eine.

Wann hat es das schon gegeben: Als die zurückgetretene Bundessprecherin der Grünen diese Woche beim Bundespräsidenten auftauchte, der mit den Chefs der Oppositionsparteien die Lage besprechen wollte, da begrüßten sich Eva Glawischnig und Alexander van der Bellen freundschaftlich-innig. Bussi-Bussi mit dem Präsidenten. Warum auch nicht. Schließlich waren die beiden WeggefährtInnen, über Jahrzehnte an der Spitze die Grünen Partei, haben gemeinsam Wahlerfolge gefeiert. Am Ende auch den Einzug in die Hofburg. Das war Glawischnigs Werk – und das Polit-Establishment leistete am Ende seinen Beitrag. Nolens volens. Nachdem Norbert Gerwald Hofer den ersten Durchgang der Bundespräsidenten-Wahl krachend gewonnen hatte.

Der Preis für den Erhalt der Hegemonie

Die Vorherrschaft der Etablierten – Hofer hat sie Schickeria geschimpft – war plötzlich ernsthaft in Gefahr, und die Grünen mit Glawischnig an der Spitze und dem attraktiven Kandidaten Van der Bellen an der Hand halfen entscheidend mit, sie zu verteidigen. Jetzt zahlen sie den Preis für die Hegemonie, die sie mit-erhalten haben. Ein Jahr lang haben die Grünen stillgehalten und sich selbst verleugnet, um das Projekt Hofburg nicht zu gefährden. Der Kommunikationsprofi Lothar Lockl und der Spitzenwerber Martin Radjaby haben Van der Bellen in die Hofburg getragen, die Partei stand im Schatten. Bald nach der erfolgreichen Mission hat sich Bundesgeschäftsführer Stefan Wallner verabschiedet, der den Grünen eine Corporate Identity verpasst hatte.

Die Grünen können auch Populismus: ein Sujet zur Europawahl 2014, bei der Ulrike Lunacek als Spitzenkandidatin 14,5 Prozent gemacht hat. Grünes All-time-High bundesweit.

Professionalisiert, aber im Bund Ziel verfehlt

In Glawischnigs Zeit haben sich die Grünen professionalisiert. Die Wahlerfolge im Bund und auch in den Ländern – 20 Prozent in Salzburg, 17 Prozent in Vorarlberg – sprechen eine deutliche Sprache, auch wenn Sondereffekte wie der finanzskandal-bedingte Absturz der SPÖ in Salzburg eine Rolle gespielt haben. Und die Grünen sind auch zur Regierungspartei geworden, allerdings nur in den Ländern. Viermal mit der ÖVP, einmal mit der SPÖ, einmal mit SPÖ & ÖVP. Sechsmal also Regierungsbeteiligungen der FPÖ verhindert, in Oberösterreich war es 2015 damit vorbei. Dort regiert heute Schwarz-Blau, FPÖ-Landesvize Manfred Haimbuchner ist eine Edelreserve für höhere Aufgaben. Und im Burgenland werkt seit 2015 Rot-Blau – Grün ist ein Nullum im Machtspiel.

Leben lassen & nicht aufmucken in den Ländern

Auch in den Landesregierungen haben die Grünen also vor allem zur Erhaltung der Hegemonie beigetragen. Die designierte Bundessprecherin Ingrid Felipe etwa ist in Tirol Stellvertreterin von ÖVP-Landeshauptmann Günther Platter. Sie hat dem früheren Verteidigungs- und Innenminister geholfen, sich im schönen, aber erzkonservativen Land Tirol neu zu erfinden. Kein Mensch hätte vor 2013 geglaubt, dass die ÖVP dort mit den Grünen koalieren könnte. Jetzt regieren sie vier Jahre nach dem Motto leben & leben lassen. Die Grünen setzen tolle Sachen beim Ausbau des öffentlichen Verkehrs durch, machen aber keine großen Wellen, wenn es für die ÖVP unangenehm wäre.

Lunacek holt für Felipe Kastanien aus dem Feuer

Die Fortsetzung von Schwarz-Grün über 2018 hinaus ist Felipes erklärtes Ziel. Das war auch einer der Gründe, die sie nach ihren Angaben bewogen haben, nicht Parteichefin und zugleich Spitzenkandidatin zu werden. Maßgeblicher wird wohl gewesen sein, dass die Partei Felipe nicht ins Feuer schicken wollte, weil sie Gefahr gelaufen wäre, darin zu verbrennen. Das wird ein extrem heißer Wahlkampf, und da können die einschlägigen Erfahrungen der Ulrike Lunacek nicht schaden – sie hat immerhin bei der Europawahl 2014 das historisch beste Ergebnis der Grünen bundesweit geholt, mit 14,5 Prozent. Ein Sisters Act also. Aber um den Preis, dass alles ausfransen könnte.

Klare Führung und klare Ansagen wären gefragt

Dass die Basisdemokratie mit ihren Checks & Balances, dem Aufteilen von Verantwortung auf viele bis hin zur Undurchsichtigkeit (hier die Struktur des Vorstands der Tiroler Grünen zur Veranschaulichung), auch in der Bundespartei wieder fröhliche Urstände feiern könnte. Eva Glawischnig hat nicht von ungefähr vor diesem Rückfall in alte Zeiten gewarnt. Gerade jetzt bräuchten die Grünen eine klare Führung mit klaren inhaltlichen Ansagen. Auch mit klaren Vorstellungen, wie breit man sich aufstellen und welcher Lebensrealitäten man sich annehmen will. Und warum nicht einmal ernsthaft mit den intern isolierten Querköpfen Peter Pilz und Efgani Dönmez (bevor der wirklich zu Sebastian Kurz wechselt) reden?

Oder sich ernsthaft mit Kritikern wie dem bekannten Wiener Anwalt Alfred Noll auseinandersetzen, damit der seine Charakteristik der Grünen aus diesem Standard-Posting vielleicht doch einmal revidieren muss:

Hier kommt Kurz

Man muss nicht alles, was an sich grundvernünftige Menschen wie Finanzminister Hans Jörg Schelling in diesen Stunden sagen, ernst nehmen. Schelling war Dienstag Abend im Fellner-Fernsehen und erklärte dort allen Ernstes, dass es der zukünftige Kanzler Sebastian Kurz in der Hand habe, ob er nach geschlagener Wahl Finanzminister bleiben werde oder nicht. Der zukünftige Kanzler Kurz, der vom Fellner-Blatt mit Appetit auf Medienförderung schon als Kaiser Kurz gefeiert wird. Immer langsam mit den jungen Burschen. Der Weg ins Kanzleramt, der ist steinig. Und auch ein Kurzzug kann entgleisen.

Noch so ein Beispiel: der Landesgeschäftsführer der nicht unbedeutenden ÖVP Oberösterreich, Wolfgang Hattmannsdorfer, hat am Sonntag, nach der Kür von Kurz zum neuen ÖVP-Bundesparteiobmann, euphorisch getwittert:

Christian Kern hat also schon als Kanzler ausgedient, denn der 15. Oktober 2017 steht als Termin für die Nationalratswahl fest. Und Heinz-Christian Strache ist ein Fall für die Geschichtsbücher. Hier. Kommt. Kurz. Wolfgang Hattmannsdorfer hat ja für seinen Chef, den neuen Landeshauptmann von Oberösterreich, Thomas Stelzer, das pipifeine OÖVP.tv entwickelt. Ein sogenanntes Info-Format, das immer am Freitag Abend frisch im Internet abgerufen werden kann. Von verlässlichen Mitarbeitern der Partei  gestaltet, von keinerlei journalistischer Attitüde angekränkelt. Die Zukunft des Fernsehens. So wie oe24.TV, wo sich Wolfgang Fellner selbst zum Hauptabendprogramm macht und dem staunenden Publikum live SMS-Nachrichten von seinem Handy vorliest.

Von Fellner-TV eingelullt & die ZIB gekapert

Im richtigen Fernsehen – und das sind nun einmal die ZIB2, der Report und Im Zentrum, die in Tagen wie diesen Quotenerfolge feiern – ist auch etwas passiert. Sebastian Kurz ist mit seiner Kür zum ÖVP-Obmann im Parteivorstand zufällig knapp nach 19.30 Uhr fertig geworden, sodass den Kollegen von der Zeit im Bild nichts anderes geblieben ist, als die ersten Minuten des Kurz-Statements vor Millionenpublikum live zu übernehmen. Ein schweres Foul des jungen ÖVP-Chefs. Man könnte auch milder urteilen und sagen, Kurz hat vielleicht zu viel OÖVP.tv gesehen. Das richtige Fernsehen wird sich jedenfalls auf alle Eventualitäten einstellen müssen. Denn wir sind mitten im Wahlkampf.

Ein Hauch von Staatskrise über dem Ganzen

Und das nicht erst seit Dienstag, als die Frage geklärt werden musste, ob die SPÖ den neuen ÖVP-Obmann dazu bringt, sich als Vizekanzler auch in die Niederungen der  Koalitionsarbeit zu begeben. Ein Hauch von Staatskrise hing über der Szenerie. Am Ende gab Christian Kern nach und akzeptierte Wolfgang Brandstetter als Vizekanzler für die Abwicklung dieser gescheiterten Bundesregierung. Brandstetter, unumstrittener Justizminister und vor allem guter Mensch, der noch mit keinem von den SPÖ-Ministern einen Streit gehabt hat: das ist die Qualifikation, die ihm Sebastian Kurz zugeschrieben hat. Traurig eigentlich. Aber so läuft das im Wahlkampf. Tarnen und Täuschen, Sand in die Augen der Wähler streuen. Wir nützen die Zeit bis 15. Oktober sinnvoll.

Und jetzt der so lange erwartete Dreikampf

Seit der Ansage von Kurz nur zwei Tage nach dem Rücktritt von Reinhold Mitterlehner, dass es Zeit sei, die Wähler und Wählerinnen entscheiden zu lassen, wird die Zeit von den Parteien tatsächlich genützt. Nämlich um sich bestmöglich für den bevorstehenden Kampf dreier Giganten zu rüsten. Christian Kern gegen Sebastian Kurz gegen Heinz-Christian Strache. Die SPÖ hat ihre Linie schon vor dem High Noon in der Vizekanzler-Frage gefunden: Staatspolitische Verantwortung & Kanzlerbonus. Auf Österreich aufpassen! Den Blauen nicht den Schlüssel zum Kanzleramt überlassen! Dass diese Aufgabe in diesem Dreikampf vor allem dem neuen ÖVP-Chef Kurz zukommt, der weit in die bisherige FPÖ-Wählerschaft hineinstrahlt, das weiß die SPÖ natürlich. Aber warum sollte sie das dazusagen. Mitten im Wahlkampf.

Christian Kern und sein Team haben sich seit Monaten auf das vorbereitet, was da jetzt abgeht. Tal Silberstein, Plan A, das Video mit dem Pizzaboten. Sebastian Kurz hat dann ganz im Westbalkanroutenschließung-Stil kurzen Prozess gemacht, im Alleingang die Neuwahl ausgerufen und die SPÖ aus der Spur gebracht. Im Interview mit dem Gratis-Blatt Heute hat Kurz danach ernsthaft festgehalten: Ich habe mir nach dem Rücktritt von Reinhold Mitterlehner bewusst Zeit genommen, viel darüber nachgedacht, was richtig ist für das Land und wie die VP verändert werden muss. Dabei ist offensichtlich, dass Kurz die Übernahme der Volkspartei von langer Hand geplant und Gespräche mit Wirtschaftstreibenden auch über die Finanzierung einer Kurz-Bewegung geführt hat.

Geschützte Werkstätte ÖVP statt En Marche

Am Ende ist Kurz in der geschützten Werkstätte ÖVP geblieben, wie es Kollege Oliver Pink von der Presse treffend auf den Punkt gebracht hat.

Aber Bewegung, neue Wege gehen – da schwingt Emmanuel Macron mit. Ein Stück des Weges gemeinsam gehen, das hat schon Bruno Kreisky erfolgreich gemacht. Sebastian Kurz gibt den Modernisierer, sein Asset ist extrem hohe Glaubwürdigkeit. Das macht ihn zum Messias für die meisten in der ÖVP und führt dazu, dass viele in seiner Partei vor lauter Euphorie das Denken eingestellt haben. Selbstverständlich kann Kurz diese Wahl auch verlieren – und dann gnade ihm das Parteistatut, das jetzt vor der Wahl vom ÖVP-Parteitag noch extra auf ihn zugeschnitten werden wird. Aber natürlich hat Kurz keine schlechten Karten für diese Wahl. Unglaubliche Popularitätswerte & ein Star auf Facebook, wo er FPÖ-Chef Strache den Rang abläuft.

Entsprechend alarmiert sind Strache und sein Mastermind Herbert Kickl schon seit geraumer Zeit. Seit Freitag läuft aber jetzt die blaue Wahlkampfmaschine, wenn auch mit einem sperrigen Slogan, der das Dilemma der Freiheitlichen erahnen lässt. Denn die Rolle des Staatsmanns, die Heinz-Christian Strache auch außerhalb des Plakats zu spielen versucht – diese Rolle nimmt man ihm  nur schwer ab. Strache ist der Rabauke, der im Bierzelt laut wird. Dafür lieben sie ihn. Die Staatsmänner verkörpern Kern und Kurz authentischer, und sie haben auch die Bühnen dafür. Der Kanzler im EU-Rat, der Außenminister als OSZE-Vorsitzender. Strache bleibt nur Russland.

Schwarze und blaue Programme fehlen noch

Doch Kickl & Strache kommen nicht darum herum. Sie können diesmal nicht mehr nur attackieren. Sie müssen Antworten geben, etwa auf Wirtschaftsfragen. Denn die FPÖ ist definitiv im Spiel für die Regierungsbildung nach der Wahl. Das lange angekündigte Wirtschaftsprogramm gibt es immer noch nicht, dabei ist das mindestens so interessant wie die sozialpolitischen Pläne und die gesellschaftspolitischen Markierungen des Sebastian Kurz. Aus diesen Programmen wird man für die Kompatibilität der Parteien nach der Wahl mehr ableiten können als aus dem jetzt angesagten freien Spiel der Kräfte im Parlament, so es überhaupt stattfindet.

Plan A von Kern könnte am Ende aufgehen

Hier könnte die SPÖ etwa mit der Gleichstellung von Homosexuellen im Eherecht ein Zeichen setzen, die erste Gelegenheit hat sie bei einer Abstimmung am Dienstag schon verpasst. Aber da ginge noch was. Und der Plan A von Christian Kern ist ohnehin ein Wahlprogramm par excellence. Von Anfang an so gedacht und auch so inszeniert. Das ist jetzt ein Vorteil und ein Grund, warum man den SPÖ-Spitzenkandidaten – auch wenn viel von seinem Glanz verblasst ist – keinesfalls abschreiben sollte.