Higgs verhandelt nicht

Dreizehn Verhandler auf beiden Seiten. Die schiere Angst, diese letzte Chance für Rot-Schwarz zu vergeigen. Kein geschickter Schachzug, wie uns SPÖ und ÖVP nach diesem Startschuss für die Koalitionsverhandlungen weismachen wollen. Das Aufbieten von Vertretern aller möglichen und unmöglichen Parteiflügel ist das Eingeständnis, dass sich die Parteichefs die Koalition neu nicht zutrauen. Und das vermeintliche Unvermögen lieber gleichmäßig auf viele Köpfe verteilen. Das eigentliche Problem haben sie ohnehin übersehen. Dass nämlich Herr Higgs nicht mit am Verhandlungstisch sitzt.

Die Sache mit dem Higgs-Teilchen, für das sein Namensgeber Peter Higgs vorige Woche den Physik-Nobelpreis bekommen hat, die versteht ja kein Mensch. Aber es gibt eine sehr populärwissenschaftliche Definition dafür, was das Higgs-Teilchen bewirken soll.

Where’s the party?

Und die geht so: auf einer Party, sagen wir einmal von SPÖ und ÖVP, wo die beiden Parteien in den Tagen knapp vor Weihnachten den erfolgreichen Abschluss der Verhandlungen über ihr Kabinett Faymann II feiern, betritt jemand den Raum. Und das muss per Definition jemand sein, von dem sich alle anderen im Raum angezogen fühlen. Sie strömen zu dem Neuankömmling hin, bilden einen Pulk, hindern den Neuen am Weiterkommen. Es entsteht quasi ein fest zusammengefügtes Feld. Materie. Und genau das bewirkt das Higgs-Teilchen.

Um wen würden sich die roten und schwarzen Politiker wohl scharen, wenn sie im Dezember ihre Verhandlungsabschluss-Party feierten? Um Erwin Pröll, der zwar mit dem SPÖ-Vorsitzenden einen gemischten Satz trinken geht, aber dann öffentlich und am Ende erfolgreich den Abzug der noch amtierenden Unterrichtsministerin vom Minoritenplatz verlangt? Gegen den sogar die eigenen Parteifreunde und Landeshauptmann-Kollegen im Westen eine Achse bilden, weil ihnen Pröll zu machtverliebt ist?

Die roten Gfrieser

Oder um  Michael Häupl, der – jedem anständigen Schwarzen suspekt, suspekt – in Wien mit den Grünen koaliert und die ÖVP-ler schon einmal als „mieselsüchtige Koffer“ abqualifiziert hat? Oder gar um Andreas Khol, den selbsternannten Kutscher von Schwarz-Blau, dem die „roten Gfrieser“ schon lang beim Hals heraushängen? Oder Reinhold Lopatka, den Scharfmacher gegen ÖBB und alles was sonst noch an roten Erbpachten verblieben ist? Oder um Josef Ackerl, den Alt-Linken aus Linz, der wahrscheinlich gar nicht an der Party teilnehmen würde?

Politik-Nobelpreis-Verdacht

Wer das Higgs-Teilchen für diese Koalition entdeckt, wäre ein sicherer Kandidat für den Politik-Nobelpreis. Es war einmal da, in der unmittelbaren Nachkriegszeit, wo es um Wiederaufbau und Staatsvertrag gegangen ist. Dann sind sich ÖVP und SPÖ mit ihren absoluten Mehrheiten aus dem Weg gegangen, sie haben ganz offiziell gestritten, wie es sich gehört. Die einen in der Regierung, die anderen in Opposition.

Bruno Kreisky war nach dem Verlust seiner Absoluten die FPÖ mit ihren Kellernazis (© Alt-FPÖ-Obmann Norbert Steger) lieber als die ÖVP. Und der damalige ÖVP-Obmann Alois Mock hätte 1986 auch mit den Freiheitlichen koaliert. Wenn ihn die Partei, vor allem der Wirtschaftsflügel, gelassen hätte. Später setzte dann Wolfgang Schüssel mit Jörg Haider diesen Plan um. Der Rest ist große Koalition alt.

Reblaus statt Higgs

Leider kein Higgs also, dafür ein sonderbarer Reblaus-Pakt. Notiert auf einer Serviette beim Heurigen in Wien Grinzing. Der gemischte Satz der Politik. Hat gemundet. Verlautbart wieder einmal über die Kronenzeitung. Hicks statt Higgs.

Ein Gedanke zu „Higgs verhandelt nicht

  1. Higgs-Teilchen, sehr gut. Vieleicht ist dazu noch erwähnenswert: „Es ist elektrisch neutral, hat Spin 0 und zerfällt nach sehr kurzer Zeit“ (Wikipedia)

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