Land der Zwerge

Österreich macht endlich wieder Schlagzeilen in der Welt. Nicht dass jemand glaubt, mit dem Rücktritt von Michael Spindelegger als Chef der Regierungspartei ÖVP und als Finanzminister. Und auch nicht wegen einer vorbildlichen und richtungsweisenden Reformagenda, die wir auf den Weg gebracht hätten – aber das glaubt hier eh niemand. Nein: Austria macht Schlagzeilen, weil im Ländle vor dem Arlberg 400 Wahlkampf-Gartenzwerge der SPÖ gestohlen worden sind.  Die Latte liegt weiterhin sehr tief. Aber jetzt tut sich wenigstens was.

Die SPÖ in Vorarlberg ist 2009 nur noch von 17.779 Leuten gewählt worden, das waren genau zehn Prozent der abgegebenen gültigen Stimmen. Und da haben sich die Genossen dort gedacht, uns bleibt immer noch die Selbstironie. Im Wahlkampfvideo tritt nicht der Landesparteichef auf, sondern ein Gartenzwerg. Statt Plakaten wurden leibhaftige Gartenzwerge in die Gegend gestellt, und gleich 400 Stück davon haben unbekannte Täter in einer Nacht- und Nebelaktion geklaut. Großes Medienecho bis in die Washington Post, auf Twitter gibt es mit #BringBackOurGnomes einen eigenen Hashtag. Und der Verdacht richtet sich natürlich gegen den politischen Gegner.

Schneewittchen-Gate köchelt

Ganz finstere Schreiberlinge nützen Gartenzwerg-Gate freilich, um der SPÖ selber am Zeug zu flicken. Und zwar gleich der Spitze der Bundespartei. Womöglich, spottet Kreisky-Preis-Träger Michael Amon in einem Gastkommentar in der Tageszeitung Die Presse, habe SPÖ-Chef Werner Faymann seine „wandelnde seidene Schnur“ Josef Ostermayer ins Ländle geschickt, um die Gartenzwerge zu entfernen. Damit keiner auf die Idee komme, unvorteilhafte politische Größenvergleiche vielleicht bis nach Wien zu tragen. Sehr böse. Der Schreiberling spielt damit natürlich auf den Umgang mit der Frauenquote in der SPÖ an, der einer gewissen Zwergenhaftigkeit nicht entbehrt. Schneewittchen-Gate köchelt weiter, auf kleiner Flamme zwar. Aber es köchelt.

Letzter Freundschafts-Dienst

Dabei ist die ÖVP dem Koalitionspartner rasch zur Seite gesprungen, um den Streit in der SPÖ um die Quote mit dem überraschenden Schachzug eines Obmannwechsels in der ausklingenden Alpbach- und Urlaubszeit zu überdecken. Fast ist es gelungen. Ein letzter Freundschafts-Dienst von Michael Spindelegger quasi, der sich endgültig entnervt entfesselt und die Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat. Nur zwölf Stunden später stand der Nachfolger fest: Django unchained vulgo Reinhold Mitterlehner. Der neue ÖVP-Obmann hat sich als CV-er einen Kneipnamen ausgesucht, über den sich die Journalisten freuen wie die Gartenzwerge. Mit ihren Sprachbildern sind sie noch gnadenloser als Franco Nero im berühmten Italo-Western von Sergio Corbucci.

Django mit seiner ÖVP im Sarg

Interessant ist ja, dass ein zentrales Django-Bild ausgelassen worden ist: Schließlich zieht der Held den ganzen Film hindurch einen Sarg hinter sich her – nichts leichter, als von hier eine direkte Brücke zur ÖVP zu schlagen. Django Mitterlehner, der die tote oder zumindest scheintote Volkspartei im Sarg hinter sich herzieht. Wieder sehr böse. Aber Mitterlehner als Django-Kenner könnte sofort darauf hinweisen, dass der Sarg ja vielmehr als origineller Aufbewahrungsort für eine Art Maschinengewehr gedient hat. Damit würde er eine gewisse Gefährlichkeit für sich in Anspruch nehmen.

Warten auf die Wunderwaffe

Wie gefährlich Mitterlehner den politischen Gegnern wirklich werden kann, das wird nicht zuletzt daran zu ermessen sein, wie weise oder nicht weise er den neuen Finanzminister auswählt. Sehr weise war schon einmal, es nicht selber zu machen. Sollte Django jetzt eine Wunderwaffe aus dem Sarg holen, dann würden wir sie nehmen. Doch eine mutige Wahl ohne große Rücksichten auf die Partei wäre auch sehr in Ordnung. Dann kann man sinnvoll beurteilen, ob ein Neustart der Regierung mit Taten statt mit Worten noch einmal eine unverhoffte Chance bekommt. Oder ob die Gartenzwerge wieder die innenpolitischen Schlagzeilen dominieren.

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