Ländle twelve points

Im Rummel um den Song Contest, den der ORF – das muss man den Kollegen auch einmal sagen – wirklich großartig ausgerichtet hat, ist ein anderes Großereignis in einem kleinen Bundesland fast untergegangen. Vorarlberg wird mittelfristig die gemeinsame Schule der 10- bis 14-Jährigen einführen. Nicht prüfen oder ausprobieren, sondern einführen. Und das in einem ÖVP-Kernland mit einer schwarz-grünen Regierung. Das hätte sich der sozialdemokratische Schulreformer Otto Glöckel, der die Idee der Gesamtschule schon vor fast hundert Jahren forciert hat, wohl nicht träumen lassen.

In acht bis zehn Jahren sollen die Rahmenbedingungen so weit entwickelt sein, dass im Ländle die gemeinsame Schule Wirklichkeit wird. Das bedeutet das Ende für zehn AHS in der langen Form, und das schmeckt natürlich auch in Vorarlberg nicht allen. Das wird noch viel Widerstand geben. Aber das Land hat sich gut vorbereitet. Vor mehr als zwei Jahren schon wurde eine umfassende Studie in Auftrag gegeben, die auch die Akzeptanz der gemeinsamen Schule bei Schülern, Lehrern und Eltern erhoben hat – fast 20.000 dieser Betroffenen wurden für das Forschungsprojekt befragt. Und die Wissenschafter sind zum Ergebnis gekommen: Machen.

Neue Schule in acht bis zehn Jahren

Für das Bundesland Vorarlberg wird mittelfristig landesweit die Einrichtung einer gemeinsamen Schule von der 5. bis zur 8. Schulstufe auf Basis von Individualisierung bzw. Personalisierung und innerer Differenzierung empfohlen. Das ist der Kernsatz aus der Studie, die in der Folge aber auch eine Reihe von unabdingbaren Voraussetzungen für das Gelingen des Vorhabens nennt. Bildungslandesrätin Bernadette Mennel von der ÖVP hat die Empfehlung ohne Wenn und Aber angenommen und macht sich an die Umsetzung. Schritt für Schritt, wie Mennel sagt. In spätestens zehn Jahren soll es so weit sein. Alle Kinder sollen dann unabhängig von Wohnregion und Bildungshintergrund des Elternhauses gute Voraussetzungen für Bildung haben.

Elternhaus & Wohnregion entscheiden

Dass das derzeit – auch außerhalb Vorarlbergs – nicht so ist, das untermauert auch diese Studie. Durch die Entscheidung über den weiteren Bildungsweg mit vierzehn und nicht schon mit zehn Jahren soll der Einfluss des sozioökonomischen Hintergrunds – also des Bildungsniveaus der Eltern – zurückgedrängt werden. Eltern mit Matura oder Studium schicken ihre Kinder eher ins Gymnasium als Eltern mit Pflichtschulabschluss. Eine alte Weisheit, die die Studie ebenso belegt wie die Tatsache, dass auf dem Land die meisten Kinder in die Neue Mittelschule geschickt werden, rund um AHS-Standorte entscheiden Eltern sich mehr fürs Gymnasium.

 Zweigleisig an der Schulrealität vorbei

In der vom Land Vorarlberg in Auftrag gegebenen Studie steht Klartext: Das zweigliedrige System passt nicht mehr zur Schulrealität. Leistungsstarke Kinder in der AHS, weniger leistungsstarke Kinder in der NMS – das stimme so nicht und führe das derzeitige System ad absurdum. Als Beispiel führen die Autoren einen Vergleich der Orientierungsarbeiten zu Beginn der 5. Schulstufe an, die gleich nach dem Wechsel aus der Volksschule gemacht werden. Die leistungsstärkeren Kinder ohne AHS-Reife in der Neuen Mittelschule brachten die selben Leistungen wie die leistungsschwächeren Kinder mit AHS-Reife in NMS und Gymnasien. Zitat aus der Studie: Diese Ergebnisse lassen den Schluss zu, dass Noten der Volksschule kein taugliches Mittel sind, um Schulweg-Entscheidungen im Alter von zehn Jahren zu treffen. Glöckel, schau oba.

Mitterlehner-ÖVP ist in Zugzwang

Douze points also für Vorarlberg, wenn es diesen Weg jetzt konsequent geht. Der Vorteil dort ist, dass nicht nur die Grünen in der Landesregierung, sondern auch maßgebliche Kräfte in der Landes-ÖVP die gemeinsame Schule forcieren. In der Bundes-ÖVP hält man immer noch an der AHS-Unterstufe fest, eben erst wurde das Bekenntnis zum Gymnasium ins Parteiprogramm geschrieben (auf Seite 38). Im alten Grundsatzprogramm findet sich das Wort Gymnasium nicht. Aber Bundesparteiobmann Reinhold Mitterlehner hat schon angekündigt, den Vorarlbergern keine Prügel vor die Füße werfen zu wollen. Die Zustimmung der ÖVP zur Änderung des Schulversuchsparagraphen – wonach immer Zwei-Drittel-Zustimmungen von Eltern und Lehrern  notwendig sind – die wird es wohl geben. Sonst kann Mitterlehner das Schild „Wir sind so modern“ gleich wieder abmontieren.

Schaut Bund zu & hinkt dann nach?

Und sonst? Wird der Bund dann zehn Jahre lang zuschauen, wie hinter dem Arlberg die Bildungslandschaft umgebaut und auf die Höhe der Zeit gebracht wird, um dann was zu tun? Zehn Jahre hinten sein? Noch ist das Gymnasium ja quasi in der Verfassung verankert, im Artikel 14 Abs. 6a B-VG wird eine weitere angemessene Differenzierung bei den Sekundarschulen gefordert. ÖVP und FPÖ als die Gymnasium-Fraktion im Parlament könnten das auf ewig zementieren. Reinhold Mitterlehner wird sich aber über kurz oder lang fragen lassen müssen, ob er nicht doch auch B sagen will, wenn er schon einmal A gesagt hat. Vielleicht machen es ihm ja die Tiroler und Salzburger leichter und folgen den Vorarlbergern, indem sie ganze statt halbe Sachen machen.

Glöckel-Dämmerung in Wiener SPÖ

Die Wiener SPÖ ist immerhin schon aufgewacht und erinnert sich daran, dass Otto Glöckel einer aus ihren Reihen war. Bildungsstadtrat Christian Oxonitsch ruft zum Schulterschluss der Länder auf, damit der Bund rasch die gesetzlichen Möglichkeiten für Modellregionen mit gemeinsamer Schule schafft. Am Ende sattelt die Häupl-SPÖ noch von wahlkampf-fokussierter Gratisnachhilfe auf Bildungsreform um.

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