Bubble Gum II

Da macht man es sich ein paar Tage in seiner Feiertagsblase gemütlich, und schon wird der Wahrnehmungsraum gefährlich eng. Man bekommt gar nicht mit, dass es ein Fleischhacker auf einen abgesehen hat. Der Chefredakteur von NZZ.at hat zeitverzögert auf einen Radioblog-Eintrag repliziert, der sich mit einer medienkritischen Rede des Philosophen Konrad Paul Liessmann beschäftigt hat. Fleischhacker, der Referent bei Liessmanns angesehenem Philosophicum Lech war, verteidigt den Professor gegen alles, was diesem hier nicht unterstellt worden ist. Und deshalb eine Replik auf die Replik, die man so nicht einmal in der überschaubaren Wiener Blase der Neuen Zürcher stehen lassen kann.

Es ist nämlich so: Die erste Assoziation in der Sache war ein Skilift. Da gibt es diese Sessellifte mit Wetterschutzhauben, die werden auch Bubbles genannt. Und Michael Fleischhacker war vergangenene Woche in Lech, aber nicht beim Philosophicum, das ist im September – sondern beim Mediengipfel. Und was eine ordentliche Twitterblase mit Medienleuten ist, die schwemmt dir auch Bilder von dort in die Timeline. Gegen Ende der Veranstaltung waren es vor allem Fotos vom Skifahren in herrlich verschneiter Bergwelt – und da war das Bild von Fleischhacker, auf dem Bubble-Lift sitzend und über die Filterblase sinnierend, dann ganz schnell da.

Blogger-Schelte nach Mediengipfel

Es muss ihn sehr beschäftigt haben. Zwei Wochen lang hat er es gewälzt, auch in der dünneren Luft beim Mediengipfel. Bis es dann am Nikolaustag endlich heraus durfte: Ein Redakteur des öffentlich-rechtlichen Rundfunks wirft einem ordentlichen Professor der Philosophie der Universität Wien vor, dass er in einer öffentlichen Rede einen Begriff, der der rechtsextremen Propaganda zugeschrieben wird, „intellektuell bemäntelt“, dass er also öffentlich rechtsextreme Propaganda betreibt. Und das noch dazu in einem fragwürdigen Blog! Fleischhacker stößt sich im Kern an dem Satz: Die  intellektuell bemäntelte Variante des Lügenpresse-Vorwurfs hat selber kurze Beine.

Liessmann-Analyse nicht schlüssig

Lügenpresse sei ein rechtsextremer Kampfbegriff, und Liessmann werde mit dem zitierten Satz wegen unbequemer Behauptungen als intellektuelles Feigenblatt des Rechtsextremismus denunziert. Schreibt einer, der das Unwort des Jahres 2014 auch selber verwendet hat und dem Polemik alles andere als fremd ist. Es ist nämlich auch so: Fleischhacker macht das, was er einem umgekehrt vorwirft. Er manipuliert. Zuerst räumt er ein, dass Liessmanns Analyse der Medienwelt tatsächlich nicht in allen Punkten schlüssig sei –  genau das sollte der Blog-Eintrag aufzeigen, allein deshalb ist er geschrieben worden. Doch der Kollege von NZZ.at weiß es besser: Es sei dem Blogger immer nur darum gegangen, den Philosophen in ein Eck zu rücken.

Wendekanzler als rotes Tuch

Der erste Beleg: der Verweis auf Wendekanzler Schüssel und dessen Versuch, im Sturm der EU-Sanktionen die Gunst der Intellektuellen zu gewinnen – die ihm manche wie eben Konrad Paul Liessmann nicht völlig versagt haben. Das zu erwähnen, heißt für Fleischhacker suggerieren, dass da jemand nicht redlich argumentiert und analysiert, sondern im Sinne einer vermuteten Weltanschauung manipuliert. Genauso gut könnte Fleischhacker in einer Replik auf diese Replik behaupten, sein Auftritt beim Philosophicum Lech sei in der Einleitung nur erwähnt worden, um zu suggerieren, er verteidige Liessmann deshalb so heftig, um wieder als Referent nach Lech eingeladen zu werden. Das ist lächerlich. Aber natürlich ist der Zusammenhang wichtig, und das gilt auch bei Liessmann & Schüssel.

Der Lügenpresse-Vorwurf

Der zweite Beleg ist besonders absurd. Liessmann habe den „Lügenpresse“-Vorwurf weder explizit vorgetragen noch hat er ihn „intellektuell bemäntelt“, sondern im Gegenteil das Kernargument der rechten Verschwörungstheoretiker, es gebe ein „Meinungskartell“ der Problemvertuscher, als „Unsinn“ bezeichnet, schreibt Fleischhacker und bezieht sich damit auf diesen Satz in der Rede: Das von Verschwörungstheoretikern gerne postulierte Medienkartell gibt es nicht. Vor und nach diesem Satz stehen zwei große Aber, die Fleischhacker unterschlägt: einmal ist es die homogene Meinungsführerschaft, das andere Mal das Zusammenspiel von Leitmedien und Leitmilieus – die politisch unliebsame und kontroversielle Positionen hemmen und verkümmern lassen würden, sagt Liessmann.

Echt jetzt, Herr Fleischhacker?

Intellektuell bemäntelte Variante des Lügenpresse-Vorwurfs trifft es nicht so schlecht. Zumal Fleischhacker selber bestätigt, dass es bei dem Vorwurf – legt man die Rechtsextremismus-Keule beiseite – im Kern darum gehe, dass die Medien nicht den Zweck der „objektiven“ Information verfolgen, sondern jenen der Meinungsproduktion im Dienst der eigenen Sache. Eben das war Liessmanns Botschaft: Moral ersetze die Recherche und Meinung die Analyse. Ein pauschaler Vorwurf an alle Medien. Und jetzt soll es der Blogger gewesen sein. Also wirklich, Herr Fleischhacker.

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