Posse mit Krone

Es gibt sicher originellere Ideen, als zwei Wochen nach dem Anne-Will-Talk der ARD mit Angela Merkel ein Pendant zu erfinden. Aber Journalismus ist manchmal auch Nachmachen. Warum nicht. Das Ergebnis heißt Werner Faymann allein bei Ingrid Thurnher – und die Innenpolitik bebt. Bestellfernsehen! Handlangerdienst! Die ÖVP schießt aus allen Rohren, Parteichef & Vizekanzler Reinhold Mitterlehner nützt sogar seinen Live-Auftritt in der ZIB2 dazu – und hinterlässt dabei den schalen Nachgeschmack, dass die ÖVP gern selber was bestellen würde. Eine Posse der Befindlichkeiten fünf Monate vor der Neuwahl der ORF-Spitze.

Selbstverständlich ist es journalistisch gerechtfertigt, den Bundeskanzler zu einem Solo-Auftritt in der Talk-Sendung Im Zentrum einzuladen. Das Flüchtlingsthema ist ein europäisches Thema, zu dem ein wichtiger Gipfel der Staats- und Regierungschefs hinter und ein weiterer vor uns liegt. Der Kanzler nimmt an den Gipfeln teil, denn er ist Mitglied des Europäischen Rates, der in der EU das Sagen hat. Man muss nicht so weit gehen, dem Kanzler eine Richtlinienkompetenz in europäischen Fragen zuzugestehen, wie dies manche Juristen tun. Aber Faymann ist ein Player und – bedenkt man die einstmals enge Abstimmung mit der deutschen Kanzlerin beim Durchwinken der Flüchtlinge –  kein unwichtiger obendrein. Da gibt es viel Stoff zum Talken.

ÖVP winkt Kanzler-Talk nicht durch

Durchwinken ist das Stichwort für die ÖVP. Was Mitterlehner uns in der ZIB2 sagen wollte, war: Während Faymann & die SPÖ noch gegen Obergrenzen und Zäune waren, haben wir als ÖVP zu Jahresbeginn den Schwenk vollzogen, und am Ende ist das zur Regierungslinie geworden. Das ist völlig richtig. Doch es ist kein Argument gegen eine Einladung des Kanzlers, der ja am Ende auch auf diese Linie eingeschwenkt ist – und sich nebenbei auf der jüngsten Klausur der Wiener SPÖ auspfeifen lassen musste. Für diesen angeblichen Verrat sozialdemokratischer Werte. Faymann vertritt die Linie auch mit Verve gegenüber seinen Kollegen im Rat, die nicht alle davon begeistert sind. Die ÖVP könnte sich freuen, dass sie sich inhaltlich durchgesetzt hat.

Faymann spricht nicht in jeder Sendung

Doch man neidet dem Kanzler die Sendezeit. Als ob Außenminister Sebastian Kurz, Innenministerin Johanna Mikl-Leitner und Vizekanzler Reinhold Mitterlehner selbst im ORF zu kurz kommen würden. Das ist schon deswegen unmöglich, weil die ÖVP die für die Flüchtlingsfrage relevanten Ressorts besetzt. Was man Werner Faymann vorhalten kann: Er lässt sich in manche Sendungen lieber einladen als in andere. Davon kann die ZIB2 ein Lied singen, deren von Faymann höflich abgelehnte Einladungen zahllos sind, aber auch die ORF-Radio-Innenpolitik ist in der Entgegennahme von Interview-Absagen aus dem Kanzlerbüro schon routiniert. Faymann wird seine Gründe dafür haben, an der Angst vor harten Fragen – wie manche meinen – wird es wohl nicht liegen.

Viele Fragen an den Kanzler offen

Denn harte Fragen wird dem Kanzler auch Ingrid Thurnher stellen. Und Faymann wird erklären müssen, warum er den Schwenk in der Flüchtlingspolitik verteidigt, aber immer noch so tut, als hätte er keinen Schwenk gemacht. Er wird auch sagen müssen, wie er es mit den unschönen Bildern von der griechisch-mazedonischen Grenze hält, mit dem türkischen Verhältnis zu Menschenrechten und Medienfreiheit und mit der Kritik seines griechischen Amtskollegen Alexis Tsipras, der ihm politische Panik vorgeworfen hat. Da liegt so manches auf dem Tisch, zu dem man den Kanzler ausführlich hören möchte. Entscheidend ist nicht, ob es den Talk mit Faymann gibt, sondern wie er geführt wird. Das meinen übrigens auch bekannt ORF-kritische Kommentatoren.

Abgesang auf den ÖVP-Parteiobmann

Die Kronenzeitung findet den Kanzler-Talk ebenfalls super. Konkret Innenpolitik-Chef Claus Pandi, der ein besonders inniges Verhältnis zu Faymann und Kanzlerminister Josef Ostermayer pflegt. Doch Pandi hat mit seinem Kommentar zum Auftritt des ÖVP-Chefs in der ZIB2 der Posse sozusagen die Krone aufgesetzt: Mitterlehner nach TV-Blamage am Ende. Kurz als Nachfolger – titelte Pandi aus heiterem Himmel. Man merkt die Absicht, und in der ÖVP sind einige noch verstimmter als zuvor (so sie nicht gerade Kurz heißen). Eine mediale Intrige, an der auch Faymanns Leibblatt beteiligt ist. Das passt wunderbar in das Bild, das die Schwarzen von den Roten haben.

Und es passt leider auch in das Bild, das viele Politiker vom ORF haben. Er gehört uns. Keiner hat das bisher so schön umschrieben wie Mitterlehner, als er das angebliche Bestellfernsehen kritisiert und gleichzeitig vom Bestellfernsehen geträumt hat.

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