Staatsunterhäupter

Wo früher die Fleischhacker ihre Arbeit verrichtet haben, im ehemaligen Viehmarkt in St. Marx, sind am Pfingstsonntag Alexander van der Bellen und Norbert Hofer aufeinandergetroffen. Und es wurde ein Gemetzel der besonderen Art. Die Präsidentschaftskandidaten hatten die Gelegenheit, wie weiland Bruno Kreisky und Josef Taus ohne Moderator miteinander zu diskutieren. Sie haben die Gelegenheit zu einer beispiellosen Selbstbeschädigung genutzt. Der eine zerhackte das Gespräch, der andere wusste nicht damit umzugehen.  

Es war ein vor allem in der Politik- und Medienbranche mit Spannung erwartetes Experiment des Privatsenders ATV: Ein Kandidatenduell ohne Schnickschnack, in puristischer Kulisse und vor allem: unmoderiert. Der Grüne und der Blaue zwischen zwei Gongschlägen 45 Minuten lang unter sich, und es hat sich schon zur Hälfte der Zeit unheimlich gezogen. Österreich oberpeinlich, findet die Süddeutsche Zeitung in ihrer Nachbetrachtung. Auch das Echo in den anderen großen deutschen Medien ist verheerend. Man muss sagen: zu Recht. Eine Woche vor der Stichwahl haben die Kandidaten den Riss sichtbar gemacht, der durch das Land geht.

Ein TV-Format macht den Riss sichtbar

Das Format aus den Anfängen der Ära Gerd Bacher im ORF, das ATV neu aufgelegt hat, kann da nichts dafür. Es mag ein Plädoyer für professionelle und gut vorbereitete Moderatorinnen & Moderatoren gewesen sein. Tatsächlich hat dieses Experiment  aber schonungslos offengelegt, was da war und von Kandidatenduell zu Kandidatenduell immer stärker spürbar wurde. Norbert Hofer hört nur bis zum nächsten Stichwort zu, das ihm wieder Gelegenheit gibt, Alexander van der Bellen als Vertreter eines dubiosen Establishments namens Hautevolee und Schickeria zu brandmarken. Da unterbricht er dann gnadenlos und bringt den Konkurrenten regelmäßig aus dem Konzept.

Der bedächtige Professor & die flinke Zunge

Der bedächtige Professor hat dieser flinken Zunge nichts entgegenzusetzen. Im Duell der Staatsunterhäupter am Viehmarkt hat er noch dazu den Fehler gemacht, sich auf das gleiche Niveau zu begeben. Damit ist er Hofer vollends auf den Leim gegangen, der sich als Opfer inszenierte und zugleich eine Breitseite nach der anderen auf den grünen Kandidaten abfeuerte. Nur zwei Beispiele aus dem ATV-Duell: Aus einem vereinzelten Pfui-Ruf beim Eintreffen vor dem Studio machte Hofer organisierten Terror der Entourage von Van der Bellen gegen sich, seine Frau und seine Tochter, die ihn begleitet haben. Das hat sich wie ein roter Faden durch das Duell gezogen.

Fassungslos ist keine Wahlkampf-Kategorie

Und dann versuchte Hofer, dem Wirtschaftsprofessor die Wirtschaftskompetenz abzusprechen, weil er nie in der Wirtschaft gearbeitet habe. Notabene: der Norbert Hofer, der als HTL-Absolvent gerade einmal vier Jahre als Flugzeugtechniker bei Lauda Air gearbeitet und dann bei der FPÖ als Berufspolitiker angeheuert hat. Van der Bellen ist das, was er mit einem Klick auf Hofers Website recherchieren hätte können, als Kontra nicht eingefallen. Wahrscheinlich war er einfach nur fassungslos, wie schon so oft in den vergangenen Wochen. Aber Fassungslosigkeit ist in einem Wahlkampf keine Kategorie. If you can’t stand the heat, get out of the kitchen.

Der Marsianer will kein Heinz Fischer sein

Sie sind nicht Heinz Fischer, hat Alexander van der Bellen dem FPÖ-Kandidaten  entgegen gehalten – eine Anspielung auf Senator, you’re no Jack Kennedy! Das ist ein geflügeltes Wort aus der US-Wahlkampfszene, um jemanden vom hohen Ross herunter zu holen. Es ist nicht gelungen. Ich bin nicht Heinz Fischer, und ich will auch nicht Heinz Fischer sein, war die logische Antwort von Norbert Hofer. Denn er lebt auf dem Mars und nicht auf der Venus. Auch ein Heinz Fischer hätte sich gegen ihn schwer getan.

6 Gedanken zu „Staatsunterhäupter

  1. Ich weiß, wen sie wählen, geht aus dem Kommentar klar hervor. Danke für diese „unparteiische“ Einschätzung und es ist auch enorm wichtig was die deutschen Medien schreiben. Werde die fragen, wen ich wählen darf.

  2. Pingback: Zwei Artikel: Talkshows in Deutschland und Russland | Blauer Bote Magazin

  3. Normalerweise sollte man die Stichwahl absagen und den Posten gleich mit entsorgen. Beide sind als Clowns aufgetreten. Und Staatsclowns braucht man wirklich nicht. Nachdem es das nicht spielt, MUSS man trotzdem zur Wahl gehen und das kleinere Übel wählen. Überzeugung und Begeisterung schaut anders aus.

  4. Pingback: Lesestoff am sonnigen Sonntag, 22. Mai 2016 mit 27 Artikeln - Der Webanhalter

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