Alles andere ist primär

Wir müssen gewinnen, alles andere ist primär. Ein Spruch, der von Sebastian Kurz sein könnte, aber Hans Krankl zugeschrieben wird. Keine Sorge, wir geben hier nicht bekannt, dass auch Krankl für die ÖVP kandidieren wird. Denn auf den Listen der Türkisen ist es vor lauter Promis eng geworden. Die Quereinsteigeritis grassiert. Es wird auch Mehmet Scholl nicht für die ÖVP kandidieren, obwohl der jetzt Zeit hätte, nachdem er seinen Job als Fußballkommentator bei der ARD los ist. Doch der Fall Scholl zeigt sehr schön, wie primär der Ösi-Wahlkampf ist.

Fast auf den Tag genau vor zehn Jahren fand in der Münchner Allianz Arena das Abschiedsspiel für Mehmet Scholl als Fußballprofi statt. Sein FC Bayern München verlor gegen den FC Barcelona mit 0:1 – aber das Ergebnis tut bei solchen Anlässen nichts zur Sache. Für Scholl war es der Auftakt zu einer neuen Karriere als Experte im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Die ARD engagierte den für seine Sprüche bekannten Ex-Kicker schon wenige Monate später als Kommentator, zunächst für die Fußball-EM 2008, dann wurde der Vertrag immer wieder verlängert. Bis die Redaktion vor wenigen Tagen mit Scholl über Doping im Fußball fachsimpeln wollte – und der sich weigerte.

Plaudertaschen auf allen möglichen Bühnen

„Ich möchte, dass diese Story für diesen schönen Tag draußen bleibt. Da haben die gesagt, die bleibt nicht draußen und ich darf mich nicht ins Programm einmischen. Da habe ich gesagt: Ich gehe. Und dann bin ich gegangen.“ So hat es sich aus der Sicht von Mehmet Scholl abgespielt, und die Sportseiten waren schnell voll davon. Einer der besten Beiträge dazu findet sich unter dem Titel Pool der Plaudertaschen aber auf der Medien-Seite der Süddeutschen Zeitung. Darin wird die Rolle von Fußball-Promis als Experten sehr kritisch beleuchtet. Und es ergeben sich auch erstaunliche Parallelen zu unserer innenpolitischen Showbühne dieses Sommers.

Unseren wöchentlichen Quereinsteiger gib uns heute: So geht Plaudertaschen-Politik.

Qualitätsansprüche sind auf einmal ziemlich egal

So schreibt die Süddeutsche ganz richtig: Im Fernsehen sind Ex-Fußballer Zeitfüller rund um die Spiele. Wenn sie reden, sind journalistische Qualitätsansprüche auf einmal ziemlich egal. Auch die Quereinsteiger eines Sebastian Kurz und eines Peter Pilz sind letztlich nur Zeitfüller rund um die Stars, die sie zu sich auf die Bühne geholt haben. Wenn die Greenhorns reden, dann spricht aus ihnen die Dankbarkeit gegenüber ihrem Erfinder, dann gelten keine politischen Qualitätsansprüche – denn die Quereinsteiger kommen ja nicht aus der Politik, und niemand kann sagen, ob und wie gut sie dieses Handwerk jemals lernen werden. Die empirische Erfahrung ist durchwachsen.

Fußball-Experten und andere Quereinsteiger

Zurück zu den Ex-Kickern: Die Zuschauer allerdings sollten sich auch was fragen: Welche Art von Erkenntnissen haben sie zu erwarten von jemandem, der all das, was er jetzt kritisieren soll, vor Kurzem selbst betrieben hat oder noch selbst betreibt? Bei politischen Quereinsteigern richtet sich eine andere Frage an die Wähler: Was haben sie von jemandem zu erwarten, der keine Ahnung hat von dem politischen Betrieb, der den Neuen oder die Neue bald auffressen wird? Wo ist der Mehrwert für die Politik, wenn die Bekanntheit einmal konsumiert ist? Für Kurz & Pilz macht es Sinn. Der eine will etwas aus dem Boden stampfen, der andere will alte Strukuren einstampfen.

„Die Liste Pilz ist komplett. Hier ein Foto unserer obersteirischen Kandidaten.“ Das schreibt Peter Pilz unter diesem Foto auf Twitter. Eine Prise Ironie zum gefährlichen Spiel.

Vertrauen in die Demokratie mit eingestampft

Dabei sind gerade die Bundeslisten, auf denen jetzt Attraktionen aller Schattierungen ausgestellt werden, traditionell eine Möglichkeit gewesen, politischen Sachverstand ins Parlament zu bringen. Also Personen, die keine Celebrities sind, aber deren politisches Know-how für die Knochenarbeit wichtig und unverzichtbar ist. Diese Plätze sind jetzt speziell bei der ÖVP anderweitig und zwar nach dem ausschließlichen Kriterium der Publikumswirksamkeit vergeben. Kritiker sehen darin ein gefährliches Spiel, das die Parteien weiter entwerte und das Vertrauen in die Demokratie insgesamt schwäche. Wenn nämlich unerfahrene Leute in verantwortungsvolle Positionen gespült werden und das ressourcenschwache Parlament weiter unterwandert wird.

Der unverbrauchte Blick der Ahnungslosen

Die Experten sind Unterhaltungselemente, sollen einen launigen Blick ins Innenleben ihrer Sportart bringen – dürfen aber schon aus Corpsgeist nicht zu viel verraten. Noch einmal die Süddeutsche Zeitung zu den Plaudertauschen aus den Sportsendungen. Auch die Quereinsteiger sind Unterhaltungselemente. Sie sollen einen unverbrauchten, neuen Blick auf die Politik eröffnen, können aber aus Ahnungslosigkeit leider nicht zu viel verraten. Gleichzeitig verstärken sie den Eindruck, dass jeder Politik kann und das Parteiensystem also ein Hort von Versagern sein muss. Um es noch einmal mit Hans Krankl zu sagen: Das ist irreregulär. Ende.

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