Sexiest Sexist

Man stelle sich vor, Peter Pilz wäre nicht Peter Pilz, sondern ein George Clooney im besten Alter gewesen. Einfach nur mal vorstellen. Das hat Marlene Svazek auf Twitter geschrieben. Die 25-Jährige ist Landesparteiobfrau der FPÖ in Salzburg, sie ist am 15. Oktober in den Nationalrat gewählt worden. Und sie gilt als eine Zukunftshoffnung jener Partei, die demnächst den Vizekanzler und wohl auch den Innenminister dieser Republik stellen wird. Zu Sexismus-Vorwürfen fällt Svazek nicht gerade Zukunftsträchtiges ein. Dabei markiert der Fall Pilz einen Wendepunkt in der politischen Kultur dieses Landes. Mit der ganzen Wucht des Schicksals, das ihn jetzt zu den Grünen ins politische Off befördert hat.

Peter Pilz hat am Ende nach den Maßstäben gehandelt, die er in unzähligen politischen Fällen an andere angelegt hat. Er wird der sexuellen Belästigung in mehreren Fällen beschuldigt und hat als Konsequenz daraus auf sein Nationalratsmandat verzichtet. Dass die Vorwürfe erst öffentlich werden mussten und der politische Druck einfach zu groß war, das mag man Pilz vorwerfen. Diejenigen, die die Vorgänge im Grünen Klub und die Erfahrungen der betroffenen Ex-Mitarbeiterin von Pilz aus der Nähe kennen, sind über seine Verteidigungsrede in diesem von der Gleichbehandlungsanwaltschaft dokumentierten Fall entrüstet. Victim Blaming. Möglicherweise sind sie das zu Recht, wir wissen es nicht. Die Betroffene wollte und will nicht damit an die Öffentlichkeit.

Ein umstritten inszenierter Rücktritt

Pilz ist jedenfalls nicht das Opfer, sondern Täter. Das beweist jener Fall, den die Freiheitliche Svazek in ihrem Tweet angesprochen hat. Sexuelle Übergriffe gegen eine Frau 2013 in Alpbach, und es waren Zeugen dabei, die sich bei Falter-Chefredakteur Florian Klenk gemeldet haben. Klenk schildert den Ablauf hier detailliert. Am Ende stand der Rücktritt des Silberrückens, dem es offenbar irgendwie sehr wichtig war zu vermitteln, dass es der Mann Klenk mit seinen Recherchen gewesen ist, der ihm die Unhaltbarkeit seiner politischen Position vor Augen geführt hat. Viele Sympathien beim Publikum hat er auch damit nicht gewinnen können.

Das dicke Ende für 223.544 Wählerstimmen

Mit dem Rücktritt verliert die Liste Pilz ihre Galionsfigur, noch bevor sich der neugewählte Nationalrat am 9. November konstituiert. Das ist vor allem für jene 223.544 Wählerinnen und Wähler bitter, die Pilz ihre Stimmen gegeben und geglaubt haben, dass er es besser machen wird als andere. Da waren gewiss auch die etwas mehr als 10.000 Stimmen dabei, die den Grünen auf den Einzug in den Nationalrat gefehlt haben. Was die Liste Pilz ohne Pilz sein wird, das kann man sich anhand dieses Statements zum Rücktritt des Listengründers ausmalen: Wir werden alles in unserer Macht Stehende tun, um die politische Urheberschaft der Angriffe auf Peter Pilz aufzudecken. Das kommt schon an den Tweet von Marlene Svazek heran.

Zwei Brüder im Geiste: Krone-Kolumnist Michael Jeannée ist mit einer sexistischen Kolumne aus dem Blatt geflogen, Peter Pilz fliegt am Ende doch aus dem Parlament. (Richard Schmitt/Twitter)

Ältere, mächtige Männer müssen dazulernen

Pilz selber hat am Schluss seines Statements in der Rücktrittspressekonferenz anklingen lassen, was er politisch auch in so einer Situation drauf hat. Vor allem viele Frauen haben das ganz und gar nicht so empfunden, sie legen die Latte höher. Das muss man respektieren. Aber auch Peter Pilz verdient Respekt – für solche Worte: Ich bin einer dieser älteren, mächtigen Männer, die zum Teil noch aus anderen politischen Kulturen kommen. Ich bin politisch kein besonders korrekter Mensch und ich werde es wahrscheinlich auch nimmer. Ich habe eine bestimmte Lebensart. Die finden die einen ganz OK und andere sagen: Nein, so tut man das nicht. Wir älteren und in meinem Fall noch – gerade noch – mächtigen Männer müssen bereit sein auch etwas dazuzulernen.

Heroisierung unter den Old Boys als Kalkül?

Das seien keine Frauenfragen, um die es in diesen Fragen der politischen Kultur geht, so Pilz weiter: Das sind Frauen- und Männerfragen. Und wenn ich mich nicht angeloben lasse, dann hat das auch mit dem Wahrnehmen dieser Verantwortung zu tun. Dann ist es auch ein Signal an meine Geschlechtsgenossen in ähnlicher Position: Lernen wir was draus. Wir können besseres. Und wenn ich nicht gut war, dann zahle ich jetzt meinen persönlichen politischen Preis dafür. Und dann werden es andere besser machen. Man kann Pilz jetzt auch noch Kalkül im Abgang vorhalten. Dass er das nur gesagt hat, um zu seiner späten Heroisierung unter den Old Boys im Politik- und Medienbetrieb beizutragen. Aber man kann es auch übertreiben.

Pilz als Maßstab & sogar Krone zeigt Wirkung

Der Sexismus-Fall Pilz ist sexy. Aufstieg und Fall, Sieg und Niederlage so eng beieinander. Die Mutterpartei ins Verderben gestürzt, jetzt unfreiwillig Vorarbeit für ihre Wiederauferstehung geleistet. Und den etablierten Männern, die in diesem brüchigen Patriarchat immer noch durch sexuelle Übergriffe gegen Frauen ihre Macht ausspielen wollen, auch noch ein klares Zeichen gegeben. Ich bin einer von euch, und wir haben verloren. Sogar die Kronenzeitung hat dieses Zeichen schon erkannt und eine sexistische Kolumne von Michael Jeannée aus der Freitagausgabe gekippt. Schön wäre, wenn der Herausgeber diese Maßstäbe künftig immer anlegen würde. Schön wäre auch, wenn ein anderer Herausgeber überhaupt Maßstäbe hätte.

Für die Politik ist jetzt der Fall Pilz der Maßstab. Dafür muss man den Ausnahmepolitiker aber nicht loben und schon gar nicht heroisieren.

6 Gedanken zu „Sexiest Sexist

  1. Sorry, aber die Grünen wurden von Glawischnig und Vasillakou an die Wand gefahren. Die eigene Jugend und seine erfahrensten Leute rausschmeißen hat nicht mal die SPÖ geschafft. Wenn kann man da noch wählen? Was man jetzt noch von dem seltsamen Gebaren der Grünen Parteispitze im Umgang mit dem Umgang seiner ehemaligen Mitarbeiterin hört zeugt auch von offensichtlich nicht demokratischen und rechtsstaatlichen Mechanismen. Die Partei ist einfach am Ende. Punkt. Und um gleich was vorwegzunehmen: es werden noch mehr Anpatzereien kommen. Bewusst oder unbewusst von Mitarbeitern, ihren ehemaligen Festplatten aus dem Parlamentskub, ihren emails und vielleicht sogar von ähnlichen Leuten die schon viel Erfahrung mit Dirty Campaining haben. prepare for more rain, there is thunder.

  2. Ich bin eine Frau von 67 Jahren, die mehr als einmal sexistischen Übergriffen ausgesetzt war. Allerdings hätte ich als Mitarbeiterin im Büro der Grünen nicht 39 x Buch geführt um mich dann erst beim 40 igsten Mal an eine Vertrauensperson zu wenden. Das hätte ich spätestens bei 5 Mal getan, wenn ich selbst diese angeblichen Anzüglichkeiten und Berührungen nicht hätte stoppen können! Gerade bei den Grünen, wo Frauenrechte so hoch gehalten werden, hätte sich die besagte Frau wehren können! Betreffend Alpbach frage ich mich, warum man nicht am nächsten Tag sich Herrn Pilz „zur Brust genommen hat“ um ihm nahezulegen seinen Alkoholkonsum zu bremsen, da er sich in angetrunkenem Zustand beleidigend, frauenverachtend und sexistisch benimmt! Für Frauen in der Privatwirtschaft ist es viel schwieriger, oft sogar existenzbedrohend sich zur Wehr zu setzen, aber bei einer Mitarbeiterin bei den Grünen, oder einer Angehörigen einer anderen Partei sehe ich keinen Grund umgehend Grenzen zu setzen und wenn notwendig sogar Anzeige zu erstatten. Sich nach Jahren zu melden ist verständlich wenn es zu gewaltsamen Übergriffen kam, wenn ein Abhängigkeitsverhältnis bestand. Aber in diesen Fällen kann wohl kaum eine Traumatisierung stattgefunden haben. Ich finde es auch für Frauen, die wirklich sehr schlimmen Übergriffen, bis hin zu Vergewaltigungen ausgeliefert waren, eher kontraproduktiv. Viele Frauen waren nach solchen Vorgängen nochmals Opfer der Justiz und es erfolgten Freisprüche für Täter. Mit derartigen Geschichten werden Frauen unglaubwürdiger und weniger ernst genommen. Es schreiben bereits viele Männer, dass sie keine Frauen mehr beschäftigen wollen um nicht mit ähnlichen Anschuldigungen konfrontiert zu werden. Ich halte es für einen Bärendienst der hier den wirklichen Opfern von schweren Belästigungen, Missbrauch, sex. Gewalt erwiesen wurde.

    • Ich verstehe einfach nicht, wie sich Menschen anmaßen können, über die Betroffene zu urteilen. Wir wissen alle nicht, was die Frau tatsächlich mit PP erlebt hat. Leid gegen Leid aufzuwiegen finde ich total unpassend! Ab wann ist es denn Ihrer Meinung nach in Ordnung, sich gegen Übergriffe zu wehren? Ab Vergewaltigung?
      Es sagt sich sehr einfach, sie hätte sich locker gegen PP wehren können. Aber vielleicht sollte man bedenken, dass er einen hervorragenden Ruf und eine blütenweiße Weste hatte. Sein Bekanntheitsgrad, seine Verbindungen, sein Image – glauben Sie, da ist es wirklich so einfach? Hätte ihr überhaupt jemand geglaubt?
      Und wer gibt Ihnen denn das Recht, zu beurteilen, ob die Frau traumatisiert ist oder nicht? Das ist unfassbar überheblich und arrogant.

      Wissen Sie, genau Frauen wie Sie sind Teil des eigentlichen Problems. Anstatt den Täter für seine Taten verantwortlich zu sehen, beschuldigen Sie das Opfer für angebliche Verfehlungen und verharmlosen das Geschehen.

      Klar, wir wissen wie gesagt alle nicht, was tatsächlich passiert ist und vielleicht war das ganze auch ein Lügenmärchen der betreffenden Person. Aber auf eine Frau loszugehen, die sowieso schon versucht hat, ihre Geschichte nicht in die Öffentlichkeit zu tragen, ist wirklich das Letzte.

  3. Mit den zeitlich gesteuerten Angriffen gegen Pilz haben die Grünen sich entgültig – auch für einen Neustart – jede Chance genommen.
    Chaos pur, kann man da nur den Kopf schütteln.
    Kompliment an die realitätsnahen Kommentare von Renate Rose. Danke

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