Das Kind in ihm

NEOS-Gründer Matthias Strolz ist auch als Ex-Politiker für Überraschungen gut. Auftritt bei Barbara Stöckl im ORF-Fernsehen, ihm gegenüber saß der linke politische Liedermacher Konstantin Wecker – und es ging unter anderem um den Vizekanzler der Republik. Strolz erzählte, dass er auch FPÖ-Politiker zu seinem Abschied aus der Politik eingeladen und sich auf menschlicher Ebene darüber gefreut habe, dass Johann Gudenus – für manche der Inbegriff von irgendwas – gekommen sei. Und Strolz outete sich: Er mag Strache. Ich seh das Kind, das ist so groß in ihm. Das berührt mich menschlich zutiefst. Wie geh ich damit um?

Die Frage ist berechtigt. Die politische Stimmung unter Schwarz-Blau ist aufgeheizt, und bei manchen geht die Gegnerschaft so weit, dass sie einem Gudenus oder einem Heinz-Christian Strache nicht einmal die Hand geben wollen. Das ist natürlich Unsinn, und nicht nur für einen wie Matthias Strolz, der bekanntlich sogar Bäume umarmt. Der Linke Konstantin Wecker hat einmal einen Neonazi umarmt, und es war für ihn ein berührendes Erlebnis, wie Wecker bei Stöckl geschildert hat. Strache kennt die Szene von früher, eine Jugendsünde, wie er immer sagt. Dennoch muss er sich bis heute mit dem Thema herumschlagen. Ein Foto zeigt Strache mit einem Neonazi-Gruß, und er verteidigt und verharmlost es bis heute immer wieder aufs Neue.

Das beredte Schweigen des Kanzlers

Der Staat Israel und die jüdischen Organisationen haben ihre Entscheidung bezüglich Strache & Co. unmissverständlich getroffen. Sie wollen mit den Freiheitlichen nichts zu tun haben. Der Bundeskanzler ist in der gemeinsamen Pressekonferenz mit Strache anlässlich des ersten Jahrestags der Regierung auf die Titelgeschichte des Time Magazine angesprochen worden, das ihm nicht mehr und nicht weniger vorhält, als die extreme Rechte salonfähig zu machen. Sebastian Kurz hat darauf geantwortet, er könne verstehen, dass die Amerikaner an der Geschichte Österreichs interessiert sind,  und begonnen, von seinem guten Einvernehmen mit Israel und Benjamin Netanyahu zu berichten. Kein Wort über die Ächtung der Freiheitlichen von jüdischer Seite.

Seite an Seite mit jeweils eigener Agenda: Heinz-Christian Strache und Sebastian Kurz.

Es war einmal eine Rede auf einem Ball

Ariel Muzicant hat die anhaltende Distanz zur FPÖ damit begründet, dass die Absage an den Antisemitismus – wie sie Strache in seiner Rede auf dem Akademikerball im Jänner getätigt hat – nicht glaubwürdig, weil nicht konsistent sei. Und der Vizekanzler höchstselbst hat Muzicants Argumentation – ausgerechnet in der Pressekonferenz mit Kurz, neben dem Bundeskanzler stehend – eindrucksvoll bestätigt. Strache hat die von George Soros gegründete Central European University, die nach Wien übersiedelt, weil sie Viktor Orbán nicht mehr in Budapest haben will, als Wanderuniversität bezeichnet. Kein Mensch kennt dieses Wort, aber jeder weiß, dass CEU-Gründer Soros im Netz als antisemitischer Blitzableiter dient, wie das Sascha Lobo im Spiegel Online nennt.

Stichhaltige Gerüchte sind hartnäckig

Dessen hat sich Orbán bedient, und auch FPÖ-Klubobmann Johann Gudenus hat in Bezug auf den Philanthropen und Milliardär George Soros von stichhaltigen Gerüchten gesprochen, menschliche Ebene hin oder her. Und wenn Strache jetzt von der CEU als einer Wanderuniversität spricht, dann darf er sich nicht darüber beschweren, wenn ihm eine Anlehnung an den Begriff Wanderjude unterstellt wird – ein uraltes und tiefes antisemitisches Klischee, das hier sehr gut erklärt wird. Im Interview mit dem Standard hat der FPÖ-Chef und Vizekanzler betont, dass ihm der Begriff nichts sage. Ich weise jeden Zusammenhang und solche an den Haaren herbeigezogenen Unterstellungen, alles, was in die Richtung Antisemitismus geht, vehement zurück.

Strache und die Briefkastenuniversität

In Sachen Central European University hat Strache dann noch eins draufgesetzt: Faktum ist: Diese Universität ist eine Briefkastenuniversität. Sie hat keinen Campus, und sie wandert von Tschechien nach Ungarn und jetzt von Ungarn offensichtlich nach Österreich, und so gesehen ist es eine Wanderuniversität ohne Referenzstandort, die kritisch zu hinterfragen ist. Eine Briefkastenuniversität mit 1400 Studenten und 370 Fakultätsmitgliedern aus 130 Ländern. Kenner der Universität – deren Grundsätze übrigens The pursuit of truth wherever it leads und Respect for the diversity of cultures and peoples sind – schütteln nur noch den Kopf.

Grönländischen Wein einschenken

Ich seh das Kind, das ist so groß in ihm. Im Standard-Interview hat Strache auch zur Klimakrise Stellung genommen. Dass er diese Problematik gern relativiert, hat er schon als Oppositionschef unter Beweis gestellt. Grönland war einmal ein grünes Land, mit Weinanbau, hat Strache im Ö1-Interview zum Beispiel gesagt. Die Aussage hat dem Faktencheck nicht standgehalten. Im Wahlkampf 2013 hat er die These vertreten, dass die Wüste Sahara vor 2000 Jahren die Kornkammer des Römischen Reichs gewesen sei – und momentan ist es dort halt gerade wieder ein bisschen trockener.

Der Vizekanzler und die Klimakrise

Die selbe Geschichte tischt Strache als Vizekanzler jetzt wieder auf: Inwieweit der Mensch das Klima beeinflussen kann, ist eine offene Frage. Klimaveränderungen gibt es seit Jahrtausenden. Die Sahara war einmal die Kornkammer Roms und ist dann zur Wüste geworden. Die Fakten kann man leicht googeln: Die Sahara ist viel früher zur Wüste geworden, und die Kornkammer Roms war Ägypten mit dem fruchtbaren Niltal.  Octavian hat auch dafür gesorgt, dass der Reichtum nachhaltig blieb. Dafür hat er seine Armee die versumpften Nilkanäle säubern lassen. (…) Zudem achteten die Beamten des Kaisers sehr genau darauf, dass die Nilkanäle frei und das Land fruchtbar blieb.  Und so oder so lässt sich damit die drohende Klimakatastrophe nicht leugnen.

Tschicken, Wanzen, Posten & Vorbild Orbán

Der Vizekanzler ist immer wieder für abenteuerliche Geschichten gut. Das Kippen des fix beschlossenen Rauchverbots in Lokalen als absolute Koalitionsbedingung. Die angebliche Abhöranlage in Vizekanzler-Büro am Minoritenplatz, die Strache mit Hilfe der Kronenzeitung zur Staatsaffäre aufgeblasen hat – dabei war es laut Endbericht der Staatsanwaltschaft nur die Direktleitung zum Parlament zum Mithören der Debatten in den Plenarsitzungen. Und natürlich die SMS mit dem internen Schlachtplan für die neue Postenverteilung in der Nationalbank, die Strache an den Falschen geschickt und damit öffentlich gemacht hat. Hauptsache die FPÖ würde es wie der Orbán machen, wenn sie die absolute Mehrheit hätte. Auch diese Geschichte hat Strache erzählt.

Ich seh das Kind, das ist so groß in ihm. Andere sehen in ihm ja den Herkules, der die FPÖ dereinst von allem Zwielicht befreit haben wird. Beides eine Frage der Naivität.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.