I am Legend

Das kommt in den besten Familien vor.  Eine ORF-Unterhaltungs-Legende outet sich in aller Offenheit als Sebastian-Kurz-Groupie und lässt sich wenige Monate später von der FPÖ-Sozialministerin für deren Zwecke einspannen. Da ist natürlich nichts Politisches dran wie bei der früheren ORF-Vorabend-Legende Wolfram Pirchner, der für ÖVP-Chef Kurz gleich den Senioren-Abstauber bei der Europawahl macht. Dazu kommen: eine weibliche Ski-Legende, die sich mit der Feminismus-Legende anlegt, um ins Zwielicht geratene männliche Ski-Legenden zu verteidigen. Und eine Grünen-Legende, die es Jetzt noch einmal wissen will.

I am Legend, das ist ein ziemlich cooler Film mit Will Smith. Und für sich schon eine Legende. Ein gentechnisch erzeugtes Virus hat alles menschliche Leben hinweggerafft, übrig nur noch der Wissenschafter Robert Neville und um ihn herum ein paar Mutanten. Neville versucht, aus seinem Blut, das (warum auch immer) gegen das Virus immun ist, ein Gegenmittel zu gewinnen. Es geht nicht gut aus. Und man weiß auch nicht, wie das mit dem Legenden-Virus enden wird, das gerade in der Politik und den angrenzenden Bereichen des öffentlichen Lebens grassiert. Neville, schau oba.

Die Kurz’sche Wunderwaffe trägt Blau

Vera Russwurm hatte ein Mikrofon mit türkisem Windschutz in der Hand und einen selig lächelnden Peter Eppinger vor sich, als sie bei einer ÖVP-Veranstaltung anhob, ein gar nicht zurückhaltendes Loblied auf Sebastian Kurz zu singen. Mit dem sei alles frischer und schneller geworden in der österreichischen Politik. Das war im Oktober. Dann kam der Advent, und Russwurm schaute mit Bewegungssprecher Eppinger (früher übrigens auch beim ORF, aber noch keine Legende) aus Türchen Nummer sieben des türkisen Adventkalenders. Am Sonntag hat FPÖ-Sozialministerin Beate Hartinger-Klein jetzt die Legende Russwurm als ihre neue Wunderwaffe gegen Übergewicht bei Jugendlichen geoutet. Auch den Anfängen des Rauchens soll das Aushängeschild wehren – wenn die FPÖ schon verhindert hat, dass dem bösen Ende des Passivrauchens gewehrt wird.

Vera Russwurm bei einer ÖVP-Veranstaltung im Oktober 2018.  (Screenshot Facebook)

Ein bisserl kreativ sein wie Hartinger-Klein

Die FPÖ hat ja das Rauchverbot in Lokalen 2018 kurz vor dem Inkrafttreten gekippt, das war eine Koaltitionsbedingung, vor der die ÖVP in die Knie gegangen ist. Die Gesundheitsministerin Beate Hartinger-Klein hat in der ORF-Pressestunde endlich klargestellt, wie es wirklich war: Die Vor-Vorgängerregierung sei schuld daran, weil sie das Rauchverbot schlicht nicht früh genug beschlossen habe. Deshalb habe man es einfach kippen müssen. Bestechende Argumentation. Beim Kipp-Beschluss im Parlament hatte Hartinger-Klein dem jetzigen Koalitionspartner ÖVP und der SPÖ noch zugerufen: Sie haben den Gastwirten ihre Gastfreundlichkeit verboten!  Das Engagement Vera Russwurms hat die FPÖ-Ministerin übrigens so angekündigt: Sie ist Ärztin, und sie hat Vorbildfunktion. Nur: Russwurm hat Medizin studiert, war aber nie Ärztin.

Die Nicht-Ärztin & der Stimmenmaximierer

Auch andere Ankündigungen Hartinger-Kleins haben den Montag nicht überdauert. Aber das macht nichts. Marketing ist alles, und ein Bild sagt mehr als tausend Fakten, wie der Mister Message Control der Bundesregierung, Ferdinand Stürgkh, im Interview mit #doublecheck sehr offenherzig erklärt hat. Diesmal eben ein Aushängeschild. Oder auch ein Fernsehbild: Der ORF-Moderator aus dem Vorabendprogramm mit viel älterem Publikum dient der Kurz-ÖVP als Stimmenmaximierer. Dass Wolfram Pirchner bisher mit Europapolitik wenig am Hut gehabt hat, tut nichts zur Sache. Wichtiger ist: Ich bin eigentlich seit meinem 18. Lebensjahr ein Schwarzerwie er der Kronenzeitung erzählt hat. Pirchner verzerrt dank ORF-Prominenz die ÖVP-interne Vorzugsstimmenregelung für die Vergabe der EU-Mandate natürlich gewaltig. Das mag die eine oder der andere intern als ungerecht empfinden, das kommt aber in den besten Familien vor.

Zwei Frauen-Ikonen auf einer eisigen Piste

Schwarzer ist ein gutes Stichwort. Die Ikone der Frauenbewegung hat sich ein Match mit einer Ikone des alpinen Skisports geliefert. Alice Schwarzer gegen Annemarie Moser-Pröll, das hat was. Auslöser war eine Medienoffensive, die Moser-Pröll mit Weggefährtinnen wie Monika Kaserer von der ZIB2 bis zum kleinen Lokalsender in Tirol gestartet hat, mit dem Ziel: die vielfach bezeugten Missbrauchsvorwürfe selbst gegen Ski-Legenden wie Toni Sailer zu diskreditieren. Schwarzer wirft Moser-Pröll nicht mehr und nicht weniger als Lüge vor, weil die Ex-Rennläuferin behauptet hat, sie sei zu ihren Glanzzeiten von der Feministin mit Briefen bombardiert worden. Es wird nicht mehr lange dauern, bis sich der Sportminister auf die Seite Moser-Prölls stellt. Heinz-Christian Strache hat ja auch sofort für die Ski-Legende Sailer Partei ergriffen, als die Vorwürfe gegen den verstorbenen Jahrhundertsportler laut wurden.

Der Sportminister & der Volks-Rock’n’Roller

Der Sportminister hat sich zuletzt auch auf die Seite von Andreas Gabalier gestellt, dem selbsternannten und überaus erfolgreichen Volks-Rock’n’Roller, dem ausgerechnet der Karl-Valentin-Orden verliehen worden ist, die Auszeichnung für feinsinnigen Humor, wie man dachte. Das geschah unter Protest vieler, denen Gabalier zu einfach gestrickt, zu frauenfeindlich und zu rechts ist. Strache dazu auf Facebook: Ein toller österreichischer Künstler, der hinter seiner Meinung steht und sich nicht verbiegen lässt. Herzliche Gratulation! Gabalier ist auch eine Legende. Eine Legende der Empörung, wie man hier sehr schön nachlesen kann. Und er lebt sehr gut damit. Ein bisschen so wie die FPÖ, deshalb versteht man sich wahrscheinlich auch so gut.

Die Burschenschafter & die Ostmark

Das jüngste Beispiel dafür: die schlagende Burschenschaft Teutonia, wo der FPÖ-Abgeordnete und Vorsitzende des Landesverteidigungs-Ausschusses im Parlament, Reinhard Bösch, Mitglied ist. In einem Posting der Burschenschaft vom 2. Februar wird Österreich als Ostmark bezeichnet, wo schneidig gefochten wird. Ostmark, das ist ein Begriff, den bekanntlich die Nazis vereinnahmt haben. Doch die erste Reaktion von Bösch war: Das ist ein historischer Begriff, den ich nicht kommentiere. Einen Anruf aus dem Büro des Parteichefs oder des Generalsekretärs später kam dann wohl die Korrektur. In einer Aussendung des FPÖ-Parlamentsklubs heißt es: Der Abgeordnete Bösch stelle erklärend klar, dass dieser Begriff im betreffenden Zusammenhang vollkommen inakzeptabel sei, weil er zu Missinterpretationen Anlass geben kann. Provokation, Empörung, Empörung über die Empörung, Zurückrudern. Legendär.

Dämonischer als die beschworenen Dämonen

Mit aller Wucht – nachzuhören hier – tritt auch noch eine Legende der Grün-Bewegung auf: Johannes Voggenhuber, von den Grünen vor zehn Jahren als EU-Abgeordneter abserviert, steigt mit dem Geld der Liste Jetzt der Aufdecker-Legende Peter Pilz noch einmal in den Ring. Weil er ja überhaupt keine Rechnungen begleichen will, macht Voggenhuber den Grünen gleich einmal ein großzügiges Angebot. Sie könnten, wenn sie wollten, den zweiten Platz auf seiner Liste haben, sagt der alte Haudegen. Und: Ich bleibe in Zeiten, wo alte Dämonen wieder aufziehen, nicht zu Hause. Das klingt für die Grünen vermutlich dämonischer als für die Dämonen. Denn es heißt: I am Legend.

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