Ausgeronnen

In diesem Wahlkampf war am Ende dann wirklich alles möglich. Auf dem einen Info-Sender interviewte Wolfgang Fellner eine die Spesenaffäre negierende Philippa Strache, die tiefgehendste Frage war: Und wie muss man sich das vorstellen, der Heinz-Christian ist jetzt primär zu Hause oder? Auf dem anderen, neuen Info-Sender durfte Strache-Erzfeind Ewald Stadler auftreten und sagen, die Straches erinnerten ihn an diktatorische Kaliber wie Nicolae & Elena Ceausescu, bei ihr ist auch noch ein bisserl Imelda Marcos dabei. Der Diskurs ist ausgefranst, eine Partei ist ausgeronnen und der ÖVP als Option davongeronzt.

Seine ordentliche Mitte-Rechts-Politik, die Sebastian Kurz durchaus mit einer Hofer-FPÖ ohne die grauslichen Einzelfälle fortsetzen würde, die kann er sich in die Haare groomen. Das weiß der ÖVP-Obmann und Ex-Kanzler inzwischen wohl schon selbst. Wenn nicht, dann ist sein Lieblings-Biograf Paul Ronzheimer zur Stelle, zu dem Kurz einen guten Draht hat. Wann immer er eine Botschaft über Österreich hinaus verbreiten will – wie zuletzt die Einschätzung, dass sich am Migrationshorizont wieder mal etwas zusammengebraut hat -, dann ruft Kurz Ronzheimer an. Der ist praktischerweise auch als Reporter bei der deutschen Bild-Zeitung tätig und hat Reichweite.

Opferrolle funktioniert da draußen nicht

Jetzt kommt von Ronzheimer die klare Botschaft zurück: Der jüngste Altkanzler der Welt, der schon bald wieder Kanzler sein will, hält sich alle Optionen offen – auch ein Bündnis mit der FPÖ. Aber zum zweiten Mal darf er diesen Riesen-Fehler nicht machen! Und das auch noch unter der Titelzeile: Ein neues Bündnis mit der FPÖ schadet Österreich! Sebastian Kurz, dem auch die verlässliche Gegenkampagne der Kronenzeitung wurscht wäre, wenn er sich die Neuauflage von Schwarz-Blau in den Kopf gesetzt hat, ist genau das nicht wurscht. Wenn mächtige Meinungsmacher im Ausland befinden, er mache keine gute Figur mehr. Das wäre bitter. Denn die Rolle des Opfers, missverstanden und angegriffen, die funktioniert da draußen nicht.

Grooming FPÖ-Style wird für Kurz teuer

Das Hair-Grooming FPÖ-Style wird für die ÖVP freilich noch teurer werden als jenes aus den Spesenbelegen, die man in den Falter-Veröffentlichungen studieren kann. Denn eine ordentliche Mitte-Rechts-Politik, wie sie Kurz sich vorstellt, die geht sich mit den anderen Parteien auf keinen Fall aus. Wer auch immer wie zusammenfindet nach der Wahl, Kurz wird Kompromisse schließen müssen, die bitterer für ihn sein werden, als sich und das Gros der ÖVP-Abgeordneten der Lächerlichkeit preiszugeben. Wie er es mit der Rücknahme des Rauchverbots in Lokalen – inzwischen wieder korrigiert – getan hat. Kompromisse etwa mit der SPÖ in einer Stillstandskoalition, wie sie der ÖVP-Chef genannt hat, die ihm vom großen Boulevard unverhohlen nahegelegt und von den Sozialpartner-Akteuren immer freundlich gesehen wird.

Der Krone-Chefredakteur als Blicke-Interpretator. Das Koalitionsspiel hat begonnen.

Ein Boulevard-Auge auf Schwarz-Rot

Krone-Chefredakteur Klaus Herrmann schrieb in seinem Newsletter nach der großen ORF-Wahl-Konfrontation am Donnerstag von einem neuen Blick des ÖVP-Chefs auf die SPÖ-Vorsitzende, den er beobachtet haben will. Keine Stahl-Miene mehr und keine Eismauer. Ein No-Go für eine schwarz-rote Koalition, solche Blicke. Herrmann weiter: Und gestern? Wollte oder konnte es Sebastian Kurz nicht mehr ganz so frostig anlegen. Jedenfalls fiel der Blick um einige Nuancen milder aus. Die neuen Strache-Turbulenzen seien sicher ein guter Anlass für den Altkanzler, einen neuen Blick auf Pamela Rendi-Wagner und die SPÖ zu werfen. Den Segen der Kronenzeitung für eine Rückkehr zur ungeliebten großen Koalition, den hätte Kurz also schon mal.

Eine Mauer alias Zaun, Modell Norbert

Die SPÖ wird es ihm wohl nicht ganz so leicht machen, wie Rendi-Wagner immer wieder den Eindruck erweckt. Zuletzt in der Elefantenrunde, als FPÖ-Obmann Norbert Hofer ihr mit einer Frage gleich zwei Elfmeter aufgelegt hatte und die SPÖ-Chefin die Bälle nicht einmal verschoss, sondern sie erst gar nicht zu treten versuchte. Hofer hatte vom millionenteuren Bauzaun des Krankenhauses Nord gesprochen und an den AKH-Skandal erinnert, Rendi-Wagner hat weder mit dem Ibiza-Skandal noch mit dem aus Parteigeldern finanzierten Zaun um Hofers Privathaus in Pinkafeld zurückgeschossen – der eigentlich eine hohe Mauer und selbst in den Augen des burgenländischen FPÖ-Chefs Johann Tschürtz nichts ist, was die Partei zahlen sollte.

Mauer alias Zaun, Modell Norbert, wie Herbert Kickl wohl sagen würde. (ORF)

Von den Erschütterungen erschütterte Blaue

Er sei über die Situation innerlich schon erschüttert, sagt Tschürtz. Im Burgenland gebe es jedenfalls kein FPÖ-Spesenkonto. Das wird in der Partei von allen Seiten betont – und man sagt auch gern dazu, dass man nichts Genaues gewusst habe. Gemunkelt sei über den Lebensstil der Straches und über unsaubere Geldverwendung freilich immer schon worden, so der steirische dritte Landtagspräsident Gerhard Kurzmann, er war früher Rechnungsprüfer der Bundespartei. Kurzmann sagt, die FPÖ sei zum Teil ein Selbstbedienungsladen gewesen. Der eingangs erwähnte Ewald Stadler hat sich über Jahre mit Strache vor Gericht bekriegt, da ging es um Fotos von Wehrsportübungen mit dem im Neonazi-Milieu umtriebigen jungen Strache drauf – und auch um den lockeren Umgang des älteren Strache mit Parteigeld. Alle hätten das gewusst, sagt Stadler.

Mit Eisenbesen & Bulldozer durch die Partei

So wie sein Kompagnon Herbert Kickl mit Eisenbesen und Bulldozer durchs Bundesamt für Verfassungsschutz und das ganze Innenministerium gefahren ist, wie er am Freitag beim spärlich besuchten Wahlkampfabschluss in Wien-Favoriten tönte, so will Norbert Hofer nach der Wahl gnadenlos durch die Partei fahren. In Favoriten, da hat der Wiener FPÖ-Parteiobmann und Vizebürgermeister Dominik Nepp übrigens den unfassbaren Satz gesagt: Was halte ich eher es aus – 0,1 Grad mehr im Sommer oder einen Bauchstich von einem syrischen Asylanten?

Straches Stunden sind wohl gezählt – gut möglich, dass das politische Family-Business, sprich: das fixeTicket seiner Frau Philippa in den Nationalrat (im Tausch für sein fixes EU-Direktmandat) dazu führt, dass sie die zweite wilde Abgeordnete schon mit der Angelobung  sein wird. Die Straches sind für Hofer die perfekten Sündenböcke, aber über den Wahltag wollte er noch den Schein und damit auch die Rest-Chance auf einen relativen Achtungserfolg wahren.

Paartherapie wird sich nicht ausgezahlt haben

Gelingt ihm der nicht und fällt die FPÖ deutlich unter die 20 Prozent, dann hat sich die Paartherapie nicht ausgezahlt. Hofer hat diese Marke auch als seinen eigenen Maßstab für eine neuerliche Regierungsbeteiligung oder eben Opposition genannt. Andererseits hätten viele Leute in der Partei gern wieder ihre Jobs in den Ministerbüros und anderen Staatskanzleien, da kann ein verantwortlicher Parteichef durchaus situations-elastisch werden. Doch auch wenn die mögliche Verlockung in Form einer extrem geschwächten FPÖ für Kurz groß sein mag: die Ronzheimer-Botschaft an den Ex-Kanzler, der wieder Kanzler werden will, wird nachhallen. Und dann wird es richtig spannend.

Wer wird das Türkis im Masterplan verpatzen?

Die Frage ist, ob die SPÖ die Selbstzerfleischung hintanhalten kann, die je nach Ausmaß ihres zu erwartenden historisch schlechtesten Ergebnisses droht. Die Grünen müssen beweisen, wie gut sie Regierungsverhandlungen auf der großen Bühne können und ob sie die Leute dafür haben – Werner Kogler hat einen gewissen Personalmangel für das Szenario Regierungsbeteiligung eingeräumt, man kommt ja beim Wiedereinzug in den Nationalrat ein bisschen aus dem Nichts. Und Grüne wie NEOS werden zeigen müssen, wie inhalts-elastisch sie sein können, ohne sich komplett zu verbiegen. Vor allem aber müssen sie eins draufhaben: dem Kanzler der Message Control und Meister der Inszenierung das penetranteTürkis seines Masterplans zu verpatzen, den Kurz am allerliebsten zweifellos in einer Alleinregierung umsetzen möchte.

Update: Strache könnte sein EU-Vorzugsstimmen-Mandat auch dann nicht ausüben, wenn er das nach einem Bruch mit der Partei wollen würde, wie der Politikwissenschafter Hubert Sickinger erläutert. Ist der Mandatsverzicht bereits erfolgt, dann ist das auch rechtlich bindend. Der entsprechende Satz („Strache könnte dann ja auch sein EU-Mandat ausüben, das ihm rechtlich zusteht.“) wurde aus dem Text gelöscht.

Philippa Strache wäre nach einem Bruch mit der Partei bereits die zweite fraktionslose Abgeordnete ab der Angelobung. Vorgezeigt wie das geht, hat Monika Lindner, die Ex-ORF-Chefin auf der Stronach-Liste. Danke für den Hinweis Alexander Huber!

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