Bergamo calling

Kuba schickt 52 Ärzte und Krankenpfleger nach Italien, um in kollabierenden Spitälern wie in Bergamo auszuhelfen. Beim Foto-Termin darf neben Wimpeln mit den italienischen Farben auch ein gerahmtes Bild von Fidel Castro nicht fehlen. Propaganda gehört dort zum System. Bei uns nimmt das – nennen wir es Polit-Marketing in der Krise – teils groteske Formen an. Der Kanzler kommuniziert in Sozialen Netzwerken in der türkisen Parteifarbe, auch der Innenminister tut das. Und vor einer der Botschaften, die jetzt wie schon 2016 von Soldaten bewacht werden, inszeniert er sich mit der Verteidigungsministerin so, dass es wehtut. Was hingegen guttut: die Bundesregierung handelt rasch und konsequent.

The greatest error is not to move. The greatest error is to be paralyzed by the fear of failure. If you need to be right before you move, you will never win. Das hat WHO-Direktor Michael Ryan, ein erfahrener Experte im Kampf gegen das Ebola-Virus, am 13. März gesagt. An diesem Tag, ein schwarzer Freitag, hat die Bundesregierung die Schließung von Schulen sowie Restaurants und Geschäften verkündet, zwei Tage darauf dann die umfassende Ausgangsbeschränkung, die vorerst bis nach Ostern in Kraft bleiben wird. Plus ein nie dagewesenes 38-Milliarden-Euro-Paket als Rettungsschirm für Jobs und Standort. Die Regierung hat durchgegriffen, und das war keine leichte Entscheidung.

Die Leistung von Kurz & Anschober

Mit der katastrophalen Entwicklung der Corona-Fälle in Italien und besonders der so nahen Lombardei vor Augen war es wohl eine logische Entscheidung. Aber es braucht politischen Mut, sie auch zu treffen. Und dafür muss man den Verantwortlichen den größten Respekt zollen. Die übergroße Akzeptanz der Maßnahmen in der Bevölkerung gibt der Regierung recht, und sie ist das Verdienst der zwei zentralen Kommunikatoren dieser Tage: Bundeskanzler Sebastian Kurz von der ÖVP und Gesundheitsminister Rudolf Anschober von den Grünen. Der Kanzler bereitet uns auf alles vor und sagt mit großer  Überzeugungskraft, dass auch die Regierung auf alles vorbereitet ist. Und Anschober vermittelt uns mit seiner sachlichen und ruhigen Art das Gefühl, dass wir das schaffen werden. Von solchen Leuten geführt zu werden, wenn globale Player wie USA und Großbritannen Corona-mäßig merkbar dilettieren, das beruhigt.

Das Irrlichtern der großen Player

Es ist nämlich so: Der renommierte New Yorker Journalismus-Professor Jay Rosen hat auf seinem Blog die US-Medien dazu aufgerufen, in den Notfall-Modus zu gehen und Aussagen des Präsidenten nicht mehr ungeprüft zu verbreiten: Today we are switching our coverage of Donald Trump to an emergency setting. This means our journalism will work in a different way, as we try to prevent the President from misinforming you through us. Rosen zitiert hier einen fiktiven Herausgeber. Tatsächlich irrlichtern Trump und seine befreundeten Medien seit Wochen, was den Kampf gegen das Chinese Virus betrifft, wie er es mit seinem Spin immer noch nennt. Die New York Times hat indessen drei Szenarien über die Ausbreitung von Corona in den USA auf die Titelseite gehoben. Ein Aufmacher, der einem – Obiges und das hier bedenkend – das Grauen lehrt.

Erfolg im Schatten der Inszenierung

Im Licht der Trump’schen Kraftmeiereien und seines Asiaten-Shamings schrumpfen die kubanische Propaganda wie das grenzpeinliche Polit-Marketing der Kanzlerpartei sogar noch während der Krise auf eine vernachlässigbare Größe. Doch auch in Zeiten des Virus gilt: Inszenierung ist immer auch Irreführung, und sie dient allzu oft auch der Ablenkung, gegen die sich mündige Bürger wehren müssen. Dabei laufen manch großartige Dinge ganz unspektakulär im Hintergrund ab: Wie an diesem Wochenende zum Beispiel zwei Maschinen der Austrian nach China geflogen sind, um 130 Tonnen Schutzausrüstung für Tirol und Südtirol nach Österreich zu bringen, die so dringend gebraucht werden. So dringend wie sie China im Februar gebraucht hat, und Österreich hat damals geliefert.

Guter Draht & Flugverbindung nach China

Der Kurier schreibt und der Südtiroler Landeshauptmann Arno Kompatscher hat es Sonntag Abend bestätigt: Die Flugverbindung nach China soll dauerhaft eingerichtet werden, um mögliche Engpässe in allen Bundesländern zu verhindern. Dem Vernehmen nach behandelt China Anfragen und Bitten Österreichs prioritär. Das liegt unter anderem daran, dass Österreich zu den ersten Staaten gehört, die Peking bei Ausbruch der Corona-Krise direkt mit Hilfsgütern unterstützt haben. Diplomatie hat ihr Gutes. Sie gebietet Fingerspitzengefühl und verbietet Inszenierungen wie die unten.

Polit-Marketing mit Fidel in Kuba (oben) und vor einer Botschaft in Wien.

Der Appell der Ärzte von Bergamo

Hört man auf die Ärzte in der rote Zone Norditaliens, dann wird für solche Auftritte ohnehin bald keine Zeit mehr sein. In einem am Samstag veröffentlichten dramatischen Appell der Ärzte des Spitals von Bergamo, dem Epizentrum der Corona-Infektionen, heißt es unter anderem: Coronavirus is the Ebola of the rich and requires a coordinated transnational effort. It is not particularly lethal, but it is very contagious. The more medicalized and centralized the society, the more widespread the virus. Sprich: der Kampf gegen das Virus müsse dezentral geführt werden, Krankenhäuser wie jenes in Bergamo würden durch das hoch ansteckende Corona-Virus komplett verseucht und gerieten somit außer Kontrolle. Gesundheitsminister Rudolf Anschober hat Sonntag Abend im ORF-Talk Im Zentrum erkennen lassen, dass ihm die Problematik durchaus bewusst ist.

To stop the chain of transmission

You need to go after the virus. You need to stop the chains of transmission. Auch das hat der WHO-Manager Michael Ryan am 13. März gesagt. An jenem Tag, als in Tirol – das mittlerweile komplett zu ist – die ersten Quarantäne-Verordnungen erlassen wurden und zwar für das Paznauntal und St. Anton am Arlberg. Après-Ski-Bars dort und zuerst in Ischgl im Paznaun, die sind zu Virenschleudern geworden, die halb Europa mit Corona verseucht haben. Nicht unwesentlich dazu beigetragen hat die völlig chaotische Abreise der Touristen, die man an diesem Freitag den 13. aus den Quarantäne-Gebieten quasi geworfen hat. You need to stop the chains of transmission. Oder auch nicht.

In Tirol regiert nach dem Geld das Virus

Sölden im Ötztal ist erst vier Tage später, nämlich am Dienstag Abend, unter Quarantäne gekommen, obwohl Bürgermeister Ernst Schöpf schon am Samstag den 14. von einem positiv getesteten Barmann im Hotel Liebe Sonne gewusst hat. Warum er da nicht sofort den Ort zugemacht hat? Die unfassbare Antwort von Schöpf: Und dann vielleicht noch die 6000 bis 7000 Gäste alle da lassen? Geld hat bisher die Tiroler Bergwelt regiert. Jetzt regiert dort das Virus. Und die Behörden reagieren immer noch extrem zeitverzögert. Erst diesen Samstag, den 21. März, hat das Land eine Warnung an Touristen hinausgegeben, die in einer von neun Bars im Zillertal beim Après-Ski waren. Coronavirus is the Ebola of the rich and requires a coordinated transnational effort, das haben die Ärzte in Bergamo geschrieben. Alles falsch gemacht haben die in Tirol.

Es war ein zentrales Politikversagen

Die Hotspots dort und der Umgang damit, das war nicht einer von vielen Wegen zur Verbreitung des Virus, sondern ein ganz zentraler. Da hilft es nichts, auf Après-Ski-Irrsinn in Schweden hinzuweisen oder zu erkennen, dass es in Berlin Clubs gibt, von denen aus sogenannte Super-Spreader das Virus in die deutsche Bundeshauptstadt hinausgetragen haben. Das muss Konsequenzen haben, wenn auch derzeit nicht einmal die Grünen Spitzen den Mut haben, das zweifelsfrei auszusprechen.

Krisengewinnler Orbán und Netanjahu

Wir erleben mit und durch diese Pandemie eine Zeitenwende, die alle Menschen fordert. Aber Politiker fordert sie ganz besonders – so wie Menschen, die in Krankenhäusern und Ordinationen, in der Grundversorgung der Österreicher und für die Aufrechterhaltung der Sicherheit in dieser Ausnahmezeit arbeiten. Und Wissenschafter. Das muss man anerkennen. Doch die Einschränkung unserer Grund- und Freiheitsrechte, mit der wir derzeit notgedrungen leben, darf kein Freibrief für Demokratieabbau sein. Viktor Orbán, immer noch ein Freund unseres Bundeskanzlers, schwebt genau das vor. Und auch Israels Benjamin Netanjahu, dessen Freundschaft sich Sebastian Kurz ebenfalls rühmt, macht sich daran, die Corona-Krise für sich zu instrumentalisieren, das sagt niemand Geringerer als der berühmte Historiker Yuval Noah Harari.

Auslaufklausel für Ausnahmegesetze

In Österreich werden die Einschränkungen von allen Parlamentsfraktionen mitgetragen und von wachsamen Beobachtern kontrolliert. Justizministerin Alma Zadic verwies am Sonntag in der ZIB2 auf eine Sunset Clause in den COVID19-Gesetzen, wonach diese automatisch auslaufen, wenn die Corona-Krise dann überstanden ist. Bis dahin ist es noch ein harter Weg. Wie hart, das hat Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka nach der Plenarsitzung am Freitag erkennen lassen. Nachdem bekannt geworden war, dass ein Abgeordneter durch das Virus krank geworden ist, hat Sobotka die Durchtestung aller Abgeordneten vor künftigen Sitzungen nicht mehr ausgeschlossen. Und er hat von sich aus das Notverordnungsrecht des Bundespräsidenten ins Spiel gebracht.

Das würde greifen, wenn weniger als ein Drittel der 183 Abgeordneten einsatzfähig wären, dann wäre der Nationalrat nicht mehr beschlussfähig. Dann müsste der Bundespräsident auf Vorschlag der Bundesregierung Notverordnungen – vorläufige Gesetze – erlassen. Und wir können einmal mehr froh sein, dass der Mann, der das zu tun hätte, Alexander Van der Bellen heißt. Stay safe VdB. Und bitte alle anderen auch.

2 Gedanken zu „Bergamo calling

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