Kommt der Komet

Als die Kometensonde Rosetta am 2. März 2004 von einer Ariane-Rakete in den Weltraum befördert wurde, regierte Wolfgang Schüssel als Kanzler das Land. Elisabeth Gehrer verwaltete bleiern das Bildungssystem. Vizekanzler war Hubert Gorbach von der FPÖ, und Jörg Haider stand wenige Tage vor einem neuerlichen Wahlsieg als Nummer eins in Kärnten. Während Rosetta ihre Mission bravourös erfüllt und sich auf dem Kometen zur ewigen Ruhe gebettet hat, geistern die politischen Akteure von damals immer noch herum. Die politischen Akteure von heute machen es der Sonde nach und proben den kontrollierten Absturz.

Wäre Jörg Haider nicht schwer alkoholisiert in den Tod gerast, dann würde er heute wahrscheinlich das Schicksal seines getreuen Finanzlandesrats Harald Dobernig teilen. Der ist am Freitag in Klagenfurt wegen Untreue zu acht Monaten unbedingt verurteilt worden. Es ging um die berühmten Birnbacher-Millionen, die Haider zu verantworten hatte. Dobernig war nur sein Vasall, wie er am Ende des Prozesses gestanden hat. Hubert Gorbach – einst Vizekanzler aus dieser sauberen Partei – macht heute von sich reden, weil er mit dem Land Vorarlberg um eine fette Politiker-Frühpension streitet. Und der Spirit von Elisabeth Gehrer ist spürbar, wenn wieder einmal ein Trippelschritt im Rahmen der sogenannten Bildungsreform zum Stolperschritt wird.

Schüssel als Role Model für schwarze Falken

Wolfgang Schüssel wiederum, der Wendekanzler, ist das Role Model der Falken in der ÖVP. Und von denen gibt es gerade nicht wenige. 1995 hat Schüssel Wahlen vom Zaun gebrochen. Vier Jahre später trickste er sich als Dritter ins Kanzleramt. Von dem träumen sie in der ÖVP umso heftiger, seit der Instagram-Kanzler von der SPÖ dort Einzug gehalten hat und mit jeder Nuance seiner durchinszenierten Auftritte signalisiert: Ich bin gekommen, um zu bleiben. Der neue ÖVP-Generalsekretär sagt: Wir bereiten uns auf alles vor, auch auf eine vorzeitige Nationalratswahl. Als die Sonde Rosetta auf ihre Milliarden Kilometer lange Reise zum Kometen geschickt wurde, war Werner Amon bereits seit zehn Jahren Abgeordneter. Heute sind es 22 Jahre: das sind gefühlte Milliarden Kilometer. Eine kosmische Ochsentour.

Grasser & Kurz nur ein Sondenleben entfernt

Aber Amon hat wie seinerzeit Schüssel eine Trumpfkarte, die nur noch ausgespielt werden muss. Sebastian Kurz würde sich freilich entschieden dagegen wehren, als Karl-Heinz Grasser von heute bezeichnet zu werden. Grasser hat Probleme mit der Justiz, auch wenn für ihn die Unschuldsvermutung gilt. Beim Start von Rosetta im Jahr 2004 war für den Jungstar und Finanzminister noch alles in Ordnung, und er hat nicht viel anders agiert als Kurz heute. Strahlend, gewinnend, eloquent – und schnell einmal angerührt, wenn sein Handeln ernsthaft in Zweifel gezogen wurde. Fast hätten sie ihn ja auch zum Vizekanzler gemacht, die ÖVP-Granden. Der von der politischen Bühne abgetretene Andreas Khol kann das bezeugen. Doch das ist Kometenstaub von gestern. Sieben Jahre hat die Justiz für die Anklage gegen Grasser gebraucht. Auch das wohl gefühlte Milliarden Kilometer.

Das Match lautet eher Kern gegen Amon

Warum man derzeit innenpolitisch den Eindruck gewinnen könnte, dass der Komet kommt, das hängt auch mit den völlig falschen Bildern zusammen, die gezeichnet werden. Kern & Kurz machen Party in New York. Kern & Kurz mischen die EU auf. Kern & Kurz geben den neuen Kurs in der europäischen Migrationspolitik vor. Kern & Kurz werden den Freiheitlichen bei der Nationalratswahl das Wasser abgraben. Wenn sich zwei so Gute matchen, dann wird Heinz-Christian Strache alt aussehen. Das Problem ist, dass das Match eher Kern gegen Amon lautet. Nicht dass sich der SPÖ-Chef und Kanzler auf eine Stufe mit dem ÖVP-Generalsekretär stellen würde – er wollte ja nicht einmal mehr neben dem ÖVP-Obmann und Vizekanzler im Pressefoyer stehen.

Kreiskys Büro & Faymanns Brunnen in Liesing

Aber Kern und Amon stehen für die Verfasstheit ihrer jeweiligen Parteien. Der eine ein Meister der Symbolpolitik, der die Sozialdemokratie mit sich selbst versöhnen will und dafür den Noch-Koalitionspartner ÖVP nachhaltig vor den Kopf zu stoßen bereit ist. Es überwiegt freilich die Symbolpolitik und eine Überdosis Populismus, die Kern wohl für gerechtfertigt hält, um enttäuschte Parteigänger und andere Enttäuschte ein Stück des Weges mitzunehmen. Apropos Kreisky: Christian Kern wird künftig jeden Montag in der SPÖ-Zentrale in der Wiener Löwelstraße arbeiten und dort das Zimmer beziehen, in dem auch der Sonnenkönig residiert hat. Geradezu putzig ist, dass diese Ankündigung am selben Tag verbreitet wurde wie die Meldung, dass Ex-Kanzler Werner Faymann in seinem Heimatbezirk Liesing einen Brunnen in einem Einkaufszentrum eröffnet hat.

Strache & Doskozil im Markenkern der ÖVP

Werner Amon wiederum steht für die ideologischen Gräben, die Schwarz und Rot seit Jahrzehnten trennen. Für die Unzufriedenheit, die sich beim ewigen Zweiten in der so ungeliebten Großen Koalition aufgestaut hat. Für den Hass auf die Sozis. Aber auch für die Verunsicherung einer Partei, die in den Umfragen bei 20 Prozent herumgrundelt, ihren Markenkern beim Thema Sicherheit statt beim Thema Wirtschaft sieht und sich  dort nicht nur mit der FPÖ als Platzhirsch, sondern auch mit dem immer begehrlicher werdenden Doskozil-Flügel in der SPÖ herumschlagen muss. Eine Partei, die ein Trumpf-Ass im Ärmel hat, wo aber auch jeder weiß, dass selbst ein Sebastian Kurz schnell verheizt ist, wenn Strukturen und Machtzentren so bleiben wie sie sind.

Die Koalition, die aus der Kälte kam

Sie bleibt in der Kälte, für immer und ewig. So Paolo Ferri, Chef der Rosetta-Mission, nachdem die Sonde auf dem Kometen aufgesetzt und sich abgeschaltet hatte. Das Pathos eines Wissenschafters, für den ein achtzehn Jahre dauerndes Projekt ein Ende gefunden hat. Das programmierte Sterben eines Raumfahrzeugs als Sinnbild für eine Koalition, die schon lang jedes Feuer verloren hat.

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