Servus Wahrheit

Quo Vadis Veritas. Ein Medienprojekt, das die Wahrheit im Namen trägt. Das hat die Prawda auch getan. Aber keine Sorge, das hier wird kein Mateschitz-Bashing. Der Red-Bull-Milliardär hat sich entschlossen, einen Teil seines Vermögens zu stiften, um Menschen zu ermöglichen, näher an die Wahrheit heranzukommen. Was sollte man daran verdammen? Wenn Leute wie Judith Denkmayr, Rainer Fleckl & Michael Fleischhacker dieses Projekt aufbauen, dann muss man sich darauf freuen. Dieses Land hat guten Journalismus dringend nötig. Aber!

Dietrich Mateschitz hat schon ein Medienprojekt, und das heißt Servus-TV. Das hat er schon einmal kurzzeitig abgedreht gehabt. Aber nicht, weil  Mateschitz sich den Sender nicht mehr leisten wollte – wie der Münchner Medienunternehmer Herbert Kloiber sich seinen Fernsehsender ATV nicht mehr leisten wollte und an die deutsche ProSieben-Sat.1-puls4-Gruppe verklopfte. Die jetzt den TV-Werbemarkt noch stärker dominieren wird. Mateschitz hat Servus-TV kurz den Saft abgedreht, weil es dort Überlegungen gegeben hat, einen Betriebsrat zu gründen. Das ist die Wahrheit.

Medienpartner der Verteidiger Europas

Servus-TV hat seit knapp einem Jahr einen neuen Chefredakteur namens Ferdinand Wegscheider. Er nennt sich offiziell Intendant, wie es früher auch beim ORF üblich war und heute immer noch beim Theater. Wegscheider hat die Information seines Senders konsequent umgemodelt. Von einer Ecke, in der sie keiner wahrgenommen hat, in die Ecke der alternativen Fakten. Servus-TV war plötzlich als Medienpartner der rechten bis rechtsextremen Verteidiger Europas bei einem umstrittenen Kongress in Linz im Gespräch. Eine Rolle, die nie ganz aufgeklärt wurde. Aber sie passte zum neuen Kurs unter Wegscheider, wogegen interner Widerspruch zwecklos war.

Wöchentlicher Doppelpass mit dem FPÖ-Chef

Der Intendant selber produziert Woche für Woche einen Wochenkommentar, in dem er süffisant gegen Political Correctness, Gutmenschen und ORF wettert, dass es nur so eine Freude ist. Vor allem für Menschen wie Heinz-Christian Strache mit sehr großer Facebook-Reichweite. Strache postet praktisch jeden Wegscheider und verhilft damit einem Sender mit vernachlässigbarer Reichweite zu respektabler Publizität. Neben Ferdinand Wegscheider hält auch Michael Fleischhacker den stramm alternativen Fakten-Kurs beim Mateschitz-Sender. Seit Fleischhacker den Talk im Hangar 7 exklusiv moderiert, sind Vertreter der Identitären-Bewegung als Diskutanten etabliert.

Identitären-Auftritt nur im ORF ein Skandal

Die Wahrheit ist, dass Identitären-Chef Alexander Markovics auch einmal in einem ORF-Bürgerforum mit einem Statement zu Wort gekommen ist. Die Empörung war riesig, der Blätterwald hat gerauscht. Und das zu Recht. Wenn Fleischhacker mit den Identitären talkt und das über diverse rechte Kanäle hunderttausendfach verbreitet wird, dann schwappt die Empörung nicht über Twitter hinaus. Da muss der große ORF auch nicht wehleidig sein, aber es zeigt halt, dass die Wahrheit nicht nur eine Tochter der Zeit, sondern immer öfter auch eine des Kanals ist. Quo vadis veritas?  Diese Frage lässt einen gerade bei Michael Fleischhacker, der die gleichnamige Wundertüte von Dietrich Mateschitz ja federführend befüllen soll, ziemlich ratlos zurück.

Der Wut-Milliardär im Zeitungsinterview

Zumal Mister Red Bull himself in einem seiner seltenen Interviews alle Klischees gebracht und alle Vorurteile bedient hat, die man in dieser Hinsicht haben kann. Im Gespräch mit der Kleinen Zeitung kritisiert Mateschitz die naiven Gutmenschen, die unfähige Politik, die abgehobene Meinungselite – und er nimmt Donald Trump ebenso in Schutz wie Wladimir Putin. Sie reden wie ein Wutbürger, halten ihm die Kollegen entgegen. Ich rede über Fakten, und ich rede über Scheinheiligkeiten, antwortet Mateschitz. Und er sagt: Es scheint schon so, dass sich niemand mehr die Wahrheit zu sagen traut, auch wenn jeder weiß, dass es die Wahrheit ist.

Vom ORF-Zerschlagen zum Wahrheitskanal

Mateschitz verleiht der Wahrheit Flügel. Das Geschäftliche erledigt dabei Niko Alm, der als Abgeordneter unter NEOS-Chef Matthias Strolz jetzt ein paar Jahre gelernt hat, wie das mit dem Flügel-Heben funktioniert. Alm war Mediensprecher der pinken Fraktion und also solcher Speerspitze und Mastermind der Aktion GIS abdrehen! Deren Ziel war nicht mehr und nicht weniger als die Zerschlagung des ORF unter Vorspiegelung einer Modernisierung. Dabei ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk genau jene Plattform, die dem Publikum Tag für Tag die Möglichkeit gibt, näher an die Wahrheit heranzukommen. Das was Alm & Fleischhacker im Namen Red Bulls jetzt machen sollen.

Vorschusskritik für etwas hoffentlich Großartiges

Der ORF ist nicht perfekt. Aber Sendungen wie die ZIB2, die Ö1-Journale oder der Report sprechen für sich. Und hundert Mal lieber grüner Familienstreit im Zentrum als Identitären-Propaganda im Hangar. Trotzdem werden sie – der unzufriedene Teil des Publikums und missliebige Geister bei den Mitbewerbern – weiter auf den Staatsfunk, den Rotfunk und vielleicht dereinst einmal auf den Blaufunk schimpfen. So wie sich auch Mateschitz‘ Wahrheitskanal ein wenig Vorschusskritik redlich verdient hat. Aber möge etwas Großartiges daraus werden. Und möge die Politik den ORF großartig sein und noch großartiger werden lassen, indem sie die Finger von ihm lässt.

22 Gedanken zu „Servus Wahrheit

  1. Im Servus-TV wollte die Gewerkschaft einen Betriebsrat installieren – die Angestellten waren dagegen ….
    Das ist die Wahrheit …

      • Genau, und mit diesem Verhalten hat sich Mateschitz als verantwortungsvoller CEO disqualifiziert. Habe größte Vorbehalte gegen sein Wahrheits- TV!

  2. Zwei Fragen: warum sprechen Sendungen wie ZiB2, Report etc im ORF „für sich“? Damit postulieren Sie, dass Berichterstattung mit massivem Links-Drall per se mit Qualität gleich zu setzen ist. Das geht bestenfalls als Meinung durch, aber nicht für alle Österreicher (denken Sie bitte zB daran, wie unterschiedlich Wiener/Nicht-Wiener bei der BP-Wahl gewählt haben!) und ist somit als positive Begründung für eine ORF-Existenz in der jetzigen Form untauglich. Dazu meine zweite Frage: solange etwas nicht extrem oder radikal ist: was ist – bitte um den Versuch einer objektiven Antwort – besser an „links“, als an „rechts“? Was ist schlimm daran, wenn es als Gegengewicht zu einem links-gefärbten ÖR-Sender einen rechtskonservativen gäbe/gibt?

    • Weil diese Sendungen kritischen Journalismus bieten. Wenn Sie das anders sehen und als meine unbedeutende Meinung abtun wollen, kann ich Sie nicht daran hindern. Es geht um Journalismus, nicht um links oder rechts. Und ich verwehre mich auch dagegen, dass Journalismus mit rechtspopulistischer Propaganda gleichgesetzt wird, wie das mit dem Lügenpresse-Framing andauernd passiert. Genauso wie ich mich dagegen wehren würde, wenn linke Propaganda sich mit gutem Journalismus messen möchte.

  3. Gut gebrüllt Löwe!!! Als Nichtfernseher dieses Kanals und auch an rechtem Gedankengut nicht Interessierter, habe ich diesen Artikel mit Interesse gelesen. Eine große Gemeinschaft hat VdB zum Wahlsieg verholfen und das gibt mir die Hoffnung, dass sich Vernunft, Menschlichkeit, Toleranz und Gerechtigkeit bei der überwiegenden Mehrheit der Österreicherinnen durchsetzen wird.

  4. Leute wie Sie machen mir Angst. Ich hoffe, dass das totalitäre No-Platforming, das sie hier fordern (uiuiui, der Strache hat das verlinkt, mimimi, ein Identitärer durfte ein Statement abgeben), bald ein Ende nimmt. Und damit bin ich nicht allein.

      • Bitte, es ist für Sie ein „Skandal“, wenn ein Identitärer „einmal“ „mit einem Statement“ zu Wort kommt. Wollen Sie sagen, dass das keine Forderung ist, keinen Identitären jemals zu Wort kommen zu lassen? Um es vielleicht verständlicher zu machen, ein fiktives Beispiel: Stellen Sie sich vor, Strache würde es als einen Skandal bezeichnen, wenn ein Marxist einmal im ORF ein Statement abgeben darf (wie gesagt, Fiktion). Würden Sie das vielleicht nicht als Forderung verstehen, Marxisten zu no-platformen?

  5. Unter all den Werturteilen suche ich verzweifelt nach einer einzigen Handhabe des Verfassers für irgendeinen Standpunkt und finde keine. Wenn man nichts zu sagen hat – warum einfach einmal nichts sagen? Und wenn Sie etwas sagen müssen, dann reicht eigentlich folgende Vorlage: „Nazikeule, Nazikeule. Nazikeule, Nazikeule, Nazikeule. Nazikeule!“ Das kann man seitenweise vervielfältigen und hat einen Text, der Ihrer Leserschaft sicherlich zusagt. Da würden Sie sich viel Arbeit ersparen.

  6. Zum einen wurde servus nie abgedreht. Mateschitz hat damit gedroht.zum anderen nennen sie bitte Beispiele für alternative Fakten in servus tv Nachrichten. Meines Erachtens sind die um nix schlechter als vergleichbare Sendungen. Und zu orf info Sendungen. Wenn sie ausgerechnet das letzte im zentrum als positives Beispiel hernehmen spricht das für sich. Jetzt können offenbar auch schon die Grünen bestimmen wer da mitredet. Siehe voggenhubers posting. Generell halte ich es für demokratiepolitisch enorm wichtig abseits vieler links positionierten audiovisuellen medien im land einen gegenpol auf der anderen seite zu haben.

    • Alternative Fakten meint eine andere Gewichtung. Und das ist nicht unwichtig wenn jemand sich daran macht, die Wahrheit zu finden und das auch noch auf seine Fahne schreibt. Das letzte Im Zentrum war nur ein Beispiel, um den Gegensatz herauszuarbeiten. Setting & Gäste alles andere als optimal. Aber bitte keine Verschwörungstheorie.

  7. Herr Kappacher beginnt seinen Beitrag mit „Das hier wird kein Mateschitz-Bashing“. Und dann beschreibt er im laufenden Text die Information von Mateschitz‘ Sender „mit vernachlässigbarer Reichweite“ als „in die Ecke der alternativen Fakten“ umpositioniert, einem Redakteur wirft er vor, sich „auch“ (!) an den „stramm alternativen Fakten-Kurs beim Mateschitz-Sender“ (!) zu halten und einem Mitarbeiter Mateschitz‘ hält er die beabsichtigte „Zerschlagung des ORF“ vor. (Wer hat den denn ORF auf einen Marktanteil von rund 33 % heruntergewirtschaftet?)

    Und noch ein nettes Detail am Rande: „Alternative Fakten“ versteht man zu Recht als Orwell’sche Umschreibung für Lügen. Das wurde Kellyanne Conway in Verbindung mit leicht widerlegbaren Angaben zur Teilnehmer/innenzahl an der Trump-Angelobunmg ebenfalls völlig zu Recht vorgeworfen.

    Wenn Herr Kappacher jetzt allem Anschein nach zurückrudert und alternative Fakten anders verstanden wissen will („Alternative Fakten meint eine andere Gewichtung“, siehe Posting von heute 9:02 Uhr), dann frage ich mich schon, ob nur ich mich nicht ganz ernst genommen fühle.

  8. „…. die Politik die Finger vom ORF lässt……“ Der letzte Satz macht mich nachdenklich, denn ich hatte nie das Gefühl, dass der ORF von der Politik unabhänig war. Parteipolitische Postenschacher im ORF, tendenziöse Berichterstattung, FPÖ-Bashing im ORF, jetzt Rotfunk (nicht ganz zu Unrecht so bezeichnet…). Sind Sie wirklich schon so betriebsblind zu glauben, der ORF sei politisch unabhängig? Hätten Sie Angst, wenn aus dem roten plötzlich ein blauer Volksfunk wird, oder haben Sie mehr Angst vorm Verlust Ihres Arbeitsplatzes?

    • Journalistisch unabhängig. Darum geht es. Ein öffentlich-rechtliches Medium wird wohl nie politisch unabhängig sein, weil die Politik die Rahmenbedingungen schafft. „…die Finger vom Journalismus im ORF lässt…“ wäre präziser gewesen.

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