Red Bull verglüht

Da hat also jemand ohne Auftrag und ohne Wissen der Partei eine Parallelstruktur im SPÖ-Dunstkreis aufgebaut, aus der fragwürdige Facebook-Seiten mit Schmutzinhalten gegen Sebastian Kurz gespeist worden sind. Nach diesem Eingeständnis von Georg Niedermühlbichler sollte es nur noch wenige Stunden dauern, bis der SPÖ-Wahlkampfmanager seinen Rücktritt bekanntgibt. Zwei Wochen vor der Nationalratswahl erlebt die Kanzlerpartei ihren Super-GAU. Und es hat den Anschein, als wäre die Parallelstruktur des Tal Silberstein nur das Tor zu einer Parallelwelt, in der sich die SPÖ seit dem Antritt von Christian Kern als Parteichef und Kanzler vor gut 500 Tagen aufgehalten hat.

Die Antrittsrede von Kern, in der er vor dem endgültigen Aufprall gewarnt und die Machtversessenheit & die Zukunftsvergessenheit gegeißelt hatte, wurde bejubelt und oft zitiert. Jetzt ist die Wand da, doch die SPÖ ist zunächst einmal ganz allein dagegen gefahren. Eine unglaubliche Fehler-Serie hat ihren Höhepunkt gefunden. Mit Dirty-Campaigning-Strukturen, die außer Kontrolle geraten sind. Alles was Christian Kern, der an der Spitze dieser Wahlkampagne steht, an moralischen Einwänden gegen politische Mitbewerber oder Medien wie Österreich vorbringt oder vorgebracht hat (bis hin zum Inseratenstopp für das Gratisblatt), wird jetzt in diesem Licht gesehen werden. Und es ist ein düsteres Licht, das aus den Ritzen der Parallelstruktur dringt.

Schweres Gepäck für die TV-Konfrontationen

Mit diesem Rucksack geht Kern in die verbleibenden TV-Konfrontationen. Zwei große Runden noch auf ATV und im ORF, dazu mehrere Duelle. Das wird hart. Jetzt rächt sich das ewige Fixiert-Sein auf Sebastian Kurz, die fast schon verzweifelten Versuche, den ÖVP-Spitzenkandidaten als herzlos, unerfahren und von Industrie und Immobilienhaien gekauft darzustellen. Stefan Albin Sengl, der zwischenzeitlich als Wahlkampfleiter engagiert worden war und angesichts des Silberstein-Regimes rasch wieder das Weite suchte, hatte die richtige Devise ausgegeben: Weniger Kurz, mehr Kern. Aber dafür war die SPÖ-Kampagne zu chaotisch und der Herausforderer wohl zu stark.

Rotes Heimweh nach Reinhold Mitterlehner

Ein aktuelles Video auf der SPÖ-Facebook-Seite zeigt eindrücklich, dass die Partei den Zug der Zeit einfach nicht zu erkennen scheint. In dem kurzen Film werden Leistungen und Vorhaben aus dem im Jänner noch einmal aktualisierten Koalitionspakt von SPÖ und ÖVP gewürdigt, der Text ist der Originalton aus einer Rede des früheren Vizekanzlers und ÖVP-Obmanns. Am Schluss das Insert: Da hat er recht, der Reinhold Mitterlehner! Eine wundersame rote Parallelwelt. Der Koalitionspakt ist Makulatur, und Mitterlehner ist Geschichte. Keiner in der ÖVP weint ihm eine Träne nach. Dort ist man mit dem Vergießen von Freudentränen wegen Sebastian Kurz ausgelastet.

Die ÖVP bewirbt via Facebook-Sponsoring den Presse-Artikel von Anna Thalhammer, die mutmaßlich aus ÖVP-Kreisen Unterlagen über die Verstrickung der SPÖ in Dirty-Campaigning-Seiten gegen Sebastian Kurz zugespielt bekommen hat. So geht Wahlkampf.

Sebastian I. und die unbestimmte Bestimmtheit

Seit Monaten dreht sich alles um Kurz. Jemand hat ihn – und es kann nur Ironie gewesen sein – schon mit dem Reformer Joseph II. verglichen, der im 18. Jahrhundert die Leibeigenschaft der Bauern aufgehoben und mit dem Toleranzpatent das Glaubensmonopol der katholischen Kirche gebrochen hat. Kurz hat mittlerweile ein umfassendes Programm vorgelegt, aber noch immer nicht gesagt, wie er das alles umsetzen will. Das wiederum sagt er mit großer Bestimmtheit nicht, etwa hier im Ö1-Journal zu Gast extra, wo es um die Sozialpartnerschaft als Schattenregierung geht. Kurz hat sich erfolgreich als eine neue Kraft positioniert, die aus dem alten System erwachsen ist und das alte System hinter sich lassen will. Das zieht. Aus dem Das-hilft-nur-dem-Hofer im Hofburg-Wahlkampf ist ein Das-hilft-nur-dem-Kurz geworden.

SPÖ als letzte Bastion des Establishments

Die SPÖ hat sich zur Verteidigerin des Establishments machen lassen. Man hat Sebastian Kurz zuerst kritisiert, weil er lange kein Programm vorgelegt hat. Dann hat man ihn wegen seines Programms kritisiert. Und gleichzeitig hat der Mann für alle Fälle, Verteidigungsminister Hans Peter Doskozil, einen demonstrativen Paarlauf mit dem Außenminister und ÖVP-Obmann hingelegt. In der Zuwanderungsfrage wurden laufend Kurz-Positionen übernommen. Inkonsistenz, wohin man schaut. Und am Ende haben sie Kurz dann ausgerechnet seine Konsistenz vorgeworfen, wie sie in den geleakten Strategiepapieren zur Machtübernahme in der ÖVP zum Ausdruck kommt.

Nicht einmal mehr Passagier im Kurz-Zug

Die Kritik am gut vorbereiteten türkisen Projekt Ballhausplatz fällt Christian Kern jetzt doppelt auf den Kopf, wenn er das Chaos in seiner Wahlkampfführung erklären soll. Schon lang ist keine Rede mehr von Kerns Plan A, den er bereits im Jänner mit Vor-Wahlkampfgetöse zum ersten Mal vorgestellt hat. Den Reinhold Mitterlehner, mit dem die SPÖ jetzt wirbt, hat man als damals wankenden ÖVP-Chef und Vizekanzler noch bedenkenlos vor den Kopf gestoßen. Denn natürlich war das ein Wahlprogramm, und es wurde dann auch das offizielle Wahlprogramm daraus. Doch der Plan A ist im Moment die geringste Sorge der SPÖ, die einen Plan C, D oder auch E gut gebrauchen könnte. Die Kommunikationsberaterin Christina Aumayr hat dazu schon im Mai, als die gut geölte Maschinerie von Kurz zu laufen begonnen hat, in der Wiener Zeitung einen weitblickenden Gastkommentar geschrieben.Titel: Kern ist jetzt nur noch Passagier.

Die Bühne gehört dem gefeuerten Berater

Böse Kommentare und beißender Spott sind der SPÖ in dieser Situation natürlich sicher. Geradezu skurril ist aber der Umstand, dass der Deus ex Machina dieses denkwürdigen Nationalrats-Wahlkampfs ausgerechnet jener Zeitung ein Interview  gegeben hat, mit der sich Christian Kern in offener Feldschlacht befindet. Tal Silberstein sagt in dem Österreich-Interview nichts von Belang, auch nichts zu den antisemitischen Postings auf von ihm initiierten Websites. Silberstein erzählt von einem Maulwurf, der Mails und Unterlagen geleakt habe, was auch keine Neuigkeit ist. Am Schluss dann die Frage nach dem Verhältnis zu Alfred Gusenbauer, zu dem Kern erst kürzlich deutlich auf Distanz gegangen ist. Tal Silberstein sagt über den Ex-Kanzler: Er ist einer der Menschen, die ich am meisten bewundere und respektiere.

Eine Art Königsdrama in der Parallelwelt

Eine Parallelwelt, wo dem gefeuerten Berater die Bühne gehört und der irgendwie auch gefeuerte Impressario Wolfgang Fellner den früheren Auftraggeber Kern zum sofortigen Rücktritt auffordert. Das ist der Stand der Dinge zwei Wochen vor der Nationalratswahl. Unweigerlich fällt einem ein Spruch ein, mit dem Shakespeare-Freund Christian Kern vor 500 Tagen noch begeistern hat können: Wo man doch schon weiß, dass man am Ende in einer Blutlache auf der Bühne liegen wird, kann man auch gleich das Richtige tun. Die Betonung lag auf: das Richtige tun.

3 Gedanken zu „Red Bull verglüht

  1. Weder ist Kurz ein Reformer, noch Visionär, noch hat er außer der ÖVP-Lehrzeit auch nur irgendeinen Nachweis erbracht, dass er ohne Partei-Blase lebensfähig wäre. Um sich Mitläufer aus dem Jugendkader, kaum wer dabei, der aus den Niederungen einer normalen Erwerbswelt einen Lebenslauf v Klasse und Können vorzeigen kann. Mit 31 Jahren insgesamt 8,7 Millionen Menschen sagen wollen, wie Leben a’ la Kurz geht und sein neuer Staat läuft, ist angewandter Blödsinn. Wäre Kurz so anständig wie stets verlautbart, wäre zu erwarten, dass er die aberwitzige Spende des KTM sponsors zurückweist um nicht in den Verdacht der Käuflichkeit zu kommen.

    Kurz hat 15 Jahre eine schwarze Partei gepriesen, die aus sich heraus schon lange zu keinen Mehrheiten mehr fähig war. Dieselbe Partei dann per Stichtag für unfähig erklärt. Entweder war er so dumm, das er dies vorher nicht bemerkt hat oder aber er wollte sich von der eigenen Minderleistung distanzieren. Türkis gefärbt, ansonsten blieb es gleich. Meister der Täuschung. Und was Mitterlehner betrifft: wer sind denn die ewigen ÖVP-Jubler, die frenetisch beklatschen was sie wenige Monate später bereits wieder zur Treibjagd freigeben? Obmann-Wechsel ist nie schön, aber so abscheulich wie es hier lief, war es Dirty campaigning der Sonderklasse, directed by dem begabten Mr Kurz. Als größter Anpatzer in Sache eigene Politik-Familie wird er historisch. Mitterlehner hat seine Treibjagd aus dem Hinterhalt nur vorzeitig beendet, indem er die Zeit seines Abschußes selbst bestimmt hat. Mag sein, dass Kurz’ Team perfekt arbeitet, er nichts dem Zufall überlässt, die Kontrolle seines Umfeldes perfektioniert. Strategisch gesehen beste Selbstdarstellung mit Inszenierung jubelnder Massen. Kennen wir aus der jüngeren Geschichte und Kurz kennt sie offenbar auch. Aber das zeigt noch keine fachliche Qualifiktion als Politiker. Als Integrationsminister beklagt er seine
    eigenen Versäumnisse, ist alles schuldig geblieben was die Integration vorangetrieben hätte, als AM höflich angenommen, aber nichts erreicht in Sachen Flüchtlingsabkommen. Seine politische Bilanz ist kümmerlich.

    Kurz wird Politik machen, er wird sie nicht für Menschen machen, er macht sie für seine Sponsoren. So wie Grasser als Erfüllungsgehilfe der Industriellenvereinigung und Finanzminister in eigener Sache unerreicht bleiben wird. Kurz dient erster Linie sich, in zweiter Linie sich und weicht davon auch in dritter Linie nicht ab.

  2. Kurz plant seine und unsere Zukunft wie das Mitglied eines Generalstabs. Dazu muss man wissen, dass nur die begabtesten Offiziere in den Generalstab kamen. Die Pläne wurden regelmäßig überprüft und auf neu brauchbare Informationen angepasst.
    Eine solche fundierte Arbeit, die auch noch Benchmark Systematiken beinhaltet ist den alten Parteien fremd. Aus diesem Grund machen diese so viele Fehl Entscheidungen und werden dauernd von neuen Informationen überrascht.
    Dass die alten Parteien diese in unseren erfolgreichen Konzernen übliche Systematik nicht einmal kennen, sehe ich daran, dass sie Kurz vorwerfen, dass er sein Programm schon vor einem Jahr geplant hat. Sie behaupten damit, dass das Positive für sie Negativ ist!?
    Statt zu lernen, kritisieren sie diese positiven Ansätze. Ich hoffe, dass diese Innovationen in der Politik, die für uns alle und unser Land Vorteile bringen, bei den kommenden Wahlen belohnt werden.

    • Möglich, dass Kurz eine streng militärische Ausrichtung hat, sein Event hat ja die verordnete Glückseligkeit deutlich demonstriert. Nur ist Österreich kein Truppenübungsplatz und selbst Generäle, so Sie das wollen, stehen nur dann hoch im Ansehen, wenn sie glaubwürdig sind. Und bei all Ihrer perfekten Planung zur Übernahme des Landes steht Ihnen immer noch der Mensch gegenüber, der sich Ihr Denken nicht verordnen läßt.
      Überraschung war die monatelange partei-interne Hinrichtg des Herrn Mitterlehner (übrigens ein hochanständiger, moderner, fähiger Politiker), die wir via TV miterleiden durften, die Überraschung, daß Kurz – nach langer generalstabsmässiger Vorbereitung – als von der eigenen Inszenierung überraschter Kandidat sich geopfert hat, spontan dem Ruf der Partei zu folgen und diesen kunstvollen Spagat zur Bewegung einer neuen Partei mit dem Geld plus Ressourcen der alten erklärt hat. Überrascht haben 7 Jahre schwarze Politik, die von solcher Erfolglosigkeit geprägt war, daß sie überraschend in Türkis getaucht werden mußte. Kurz hat sich sehr schnell von seiner eigenen Parteiarbeit distanziert, die er über Jahre als erfolgreich gepriesen hat. Eine echte Überraschung im positiven Sinne des Eingeständnisses.

      Überrascht hat uns weiters das exakte Timing des Auftauchens einer FB Page, die – man wird es hoffentlich bald wissen – nach Kündigung durch die SPÖ nicht ausreichend verfolgt wurde. Das steht Ihrem militärischen Kontrollverhalten deutlich im Wege. Nur vergessen Sie nicht, auch Ihnen passieren kleine Fehler: selbst Kurz war überrascht, als Hr Mitterlehner den Tag seines Rücktritts außerhalb der Regie kundtat. Hat sich der Rolle als mißbrauchter Platzhalter verweigert.
      Und besonders überrascht hat in ATV die Besonderheit, daß Kurz Fragen gestellt hat, deren Antwort zwar er, nicht aber der Kanzler, zum Gutteil schon gewußt hat.
      Wie und wann immer Sie unser aller Österreich unter Ihre mehrfärbige Flagge nehmen, vergessen Sie nicht: Offenheit, Anständigkeit und Wahrheit ist immer noch eine hoch im Kurs stehende Kategorie. Das darf Ihnen eine alte Dame mit reichlich Lebenserfahrung auf Ihrem militärisch/generalstabsmässig geplanten Erfolgskurs mitgeben. Alles Gute.

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