Frame das System

Kurz sells. Das deutsche Nachrichtenmagazin Der Spiegel hat den ÖVP-Obmann für die Österreich-Auflage aufs Titelblatt gehoben. Im Interview kommt zuerst ausgiebig zur Sprache, wie jung und lebensunerfahren der in Deutschland sehr populäre Sebastian Kurz denn nicht sei – dann die berühmten Fotos vom jungen Heinz-Christian Strache im Wald, bei Wehrsportübungen mit Neonazis. Frage des Spiegel an Kurz: Schaudert es Sie nicht, so jemanden zum Vizekanzler zu machen? Und der österreichische Bundeskanzler in spe antwortet darauf tatsächlich: Ich kenne die Bilder. Ich glaube, sie sind in einer Zeit entstanden, als ich noch nicht einmal auf der Welt war. So etwas kannst du nicht erfinden.

Auf den Einwand der Kollegen aus Hamburg, dass das – nämlich die Farce seiner späten Geburt – ja nichts ändere, ging der Wahlsieger dann einfach nicht mehr ein. Das beherrscht Kurz perfekt: seine Botschaft anbringen und dann einfach irgendwohin abzweigen, wenn jemand zu hinterfragen beginnt. In diesem Fall war der eine Satz die Botschaft: Ich glaube, sie sind in einer Zeit entstanden, als ich noch nicht einmal auf der Welt war. Mit mir die neue Zeit, sozusagen. Eine alte Zeit gibt es im Rahmen des jungen Sebastian Kurz schlicht und einfach nicht. Per definitionem.

Verhängnisvolle Fotos und ein Spiegel-Titelbild

Dem präsumtiven Koalitionspartner Strache hat Kurz damit signalisiert, dass er hinter ihm steht. Und dem Volk will er sagen, dass es wichtigere Dinge gibt, als in der alten Kiste herumzukramen voller Fotos von Strache, wie er drei Bier bestellt. Und man kann ja nie wissen: Am Ende findet sich noch so ein berühmtes Foto in dieser Kiste, das Straches früheres großes Vorbild Jörg Haider im offenen blauen Porsche zeigt. Mit Wolfgang Schüssel auf dem Beifahrersitz. Das Bild ist zu Beginn der schwarz-blauen Ära im Jahr 2000 entstanden, und es war symbolhaft. Eine Unterwerfung. Denn Haider hatte den drittplatzierten Schüssel zum Kanzler gemacht. Und das kostet was.

Sebastian Kurz als Titelheld des Spiegel – freilich nur in der Österreich-Auflage. Das Interview können aber auch die Deutschen lesen, bei denen Kurz sehr populär ist.

Lieber nicht an das alte Schwarz-Blau erinnern

Die Kurz-ÖVP möchte daran nicht unnötig erinnern. Es muss ein neuer Rahmen für das Bild her, auf Englisch Frame. Und Framing nennen die Linguisten den Vorgang, die Bilder durch Sprache in einen neuen Rahmen zu stellen. Schwarz-Blau als Synonym für eine Koalition der ÖVP mit der FPÖ etwa ist mittlerweile verpönt. Man möge doch Türkis-Blau sagen, heißt es. Türkis, das ist die Farbe dieser Bewegung mit Sebastian Kurz an der Spitze, die früher ÖVP-Bundespartei geheißen hat. Zu der soll man jetzt  auch nur noch Die neue Volkspartei sagen, als gäbe es die alte ÖVP nicht mehr, die strukturell aus sechs starken und drei eher schwächlichen Landesparteien besteht.

Das türkise Marketing auf schwarzem Grund

Der Tiroler Landeshauptmann Günther Platter als kerniger Vertreter dieser alten ÖVP hat  gerade ein kräftiges Lebenszeichen von sich gegeben. Im Ö1-Journal zu Gast hat Platter auf díe Frage, ob die Tiroler ÖVP bei der Landtagswahl im Februar 2018 weiter auf die traditionelle Farbe Schwarz oder auf das neue ÖVP-Türkis setzen wird, gesagt:  Tirol ist ein schwarzes Land, aber diese Türkis-Farbe hat sehr viel gebracht. Deutlicher kann man nicht darauf hinweisen, dass das eine reine Marketing-Maßnahme ist. Das Produkt ist immer noch das selbe wie vorher. Eine schwarze Patchwork-Familie, ín der gerade alle blendend miteinander auskommen. Das Marketing-Konzept funktioniert, die Mandate sprudeln und mehr Regierungsmacht ist auch in Sicht.

Das schwarze Patchwork hinter dem türkisen Marketing-Schleier ist unverändert. „Tirol ist ein schwarzes Land“, sagt zum Beispiel der dortige Landeshauptmann Günther Platter.

Wählerwille zur Veränderung als Absage an Rot

Soll aber keiner sagen, dass nur die ÖVP das Framing beherrscht. FPÖ-Parteiobmann Heinz-Christian Strache gefällt sich in einem Paarlauf mit Sebastian Kurz, der bei jeder Gelegenheit – so auch im aktuellen Spiegel-Interview – Sätze wie diesen sagt: Mein Ziel ist eine stabile Regierung, die auch die Kraft hat, Veränderung möglich zu machen. Nach dem sogenannten Annäherungsgespräch mit Kurz am Samstag (schon wieder so ein Frame, um den Ballast der alten Politik und der alten Parteien mit ihren langweiligen Sondierungsgesprächen abzuwerfen) hat Strache das aufgenommen:

Der Wählerwille für Veränderung als Code für Schwarz-Blau und gegen die weitere Beteiligung der SPÖ an der Macht. Gerade einmal ein Jahr ist es her, dass SPÖ-Chef Christian Kern im legendären Ö1-Klartext mit FPÖ-Chef Strache diskutiert und dessen Partei bescheinigt hat, neben der Sozialdemokratie die einzige politische Kraft mit dem Willen zur Veränderung zu sein. So schnell ändern sich die Zeiten.

Die Zusatz-Abgeordneten des Peter Pilz

Noch einer hat sich im Framing versucht. Peter Pilz ist im Ö1-Mittagsjournal gefragt worden, warum denn der auf Tierschutz spezialisierte Sebastian Bohrn Mena so wie die frühere Sprecherin des Frauen-Volksbegehrens Maria Stern kein Mandat bekommen haben. Beide haben im Wahlkampf der Liste Pilz eine wichtige Rolle gespielt. Pilz hat eingeräumt, dass das nicht optimal ausgegangen sei: Deswegen werden wir ein neues Modell entwickeln. Wir werden Zwei, die wir im Parlament sehen wollten, zu praktisch Zusatz-Abgeordneten machen. Motto: Wenn ich schon die Grün-Abgeordneten, die mir mit ihren Unterschriften die Kandidatur bei der Nationalratswahl ermöglicht haben, mit Mandaten versorgen muss und keine mehr zu vergeben habe, bastel ich halt welche.

Froschkönig Kurz sells ganz ohne Sex

Nicht alles was hinkt, ist ein Mandat. Und nicht alles was geküsst wird, ist ein Frosch. Zuletzt war Sebastian Kurz auserkoren, der in Brüssel nur ganz knapp einer Küsser-Attacke von Jean-Claude Juncker entkommen ist. Der hat ihn dann als Strafe auf seine rechte Seite gezwungen und gesagt: Du stehst rechts. Nachsatz mit einer Anspielung auf Schwarz-Blau: Du stehst mit beiden Beinen rechts. Ein Annäherungsgespräch der besonderen Art. Kurz ist standhaft geblieben, er hat sich nicht küssen lassen. Und trotzdem europaweit eine super Presse gehabt. Merke: Kurz sells. Ganz ohne Sex.

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