Après Krisenmanager

We should not be focusing, in my view, on anything looking back on any level of government right now. Nicht Fehler suchen, sondern nach vorn schauen. Das hat Bill de Blasio gesagt, Bürgermeister von New York und vor zwei Wochen noch auf dem Standpunkt, die New Yorker sollten rausgehen und einfach weitermachen wie bisher. Im Februar hatte De Blasio noch gemeint, das Corona-Virus sei wie die Flu und nicht wahnsinnig ansteckend. Heute zwingt das Virus Big Apple in die Knie. Österreichs De Blasio heißt Günther Platter, auch der Tiroler Landeshauptmann will das Buch nicht von hinten lesen, aber mittlerweile räumt er Fehler ein.

Die Tiroler Regierungsparteien ÖVP und Grüne haben sich auf wachsenden Druck hin festgelegt, dass es eine unabhängige Expertenkommission geben soll, besetzt mit Leuten von außerhalb Tirols. Der Auftrag: schonungslose Aufarbeitung des Krisenmanagements, das ganz offensichtlich zu zögerlich war und die milliardenschwere Tourismus-Industrie des Landes um Wochen zu spät abgedreht hat. So hat sich das Virus von Ischgl, dem Arlberg, von Sölden und dem Zillertal aus in Europa verbreiten können. Aber auch nach Oberösterreich und in die Steiermark. Sogar ins Mutterhaus des Ordensspitals von Zams wurde das Virus von Ischgl aus getragen. Zams ist das Schwerpunkt-Krankenhaus des Bezirks Landeck, wo die Dichte an Infizierten dreimal so hoch ist wie in der Lombardei.

Die Spuren eines tirolischen Desasters

Dem Land Tirol steht eine Sammelklage ins Haus, rund 400 Betroffene haben sich schon gemeldet, die von einer Ansteckung in Tirol ausgehen. Der überwiegende Teil davon sind Deutsche. Die Einsicht der Tiroler Behörden aufgrund massiven medialen Drucks nach den zum Teil haarsträubenden Vorkommnissen drückt sich in Warnungen aus, die jetzt – zum Teil einen Monat (!) nach möglichen Infektionsszenarien – veröffentlicht werden. Von der Axamer Lizum bei Innsbruck über das Zillertal bis in den Bezirk Kitzbühel. Die Einsicht hat nicht so weit gereicht, dass sich auch noch eine Entschuldigung und ein transparenter Umgang mit den Medien ausgegangen wäre. Fragen des ZDF, die von österreichischen Journalisten stellvertretend für die deutsche Kollegin gestellt worden sind, wurden gleich bei zwei Pressekonferenzen abgewürgt. So als ob das ZDF kein bedeutendes Medium aus dem mit Abstand wichtigsten Herkunftsmarkt für den Tiroler Tourismus wäre.

Günther Platter und die Nachdenklichkeit

Der Mann, der das zu verantworten hat, ist vom Landeshauptmann und ÖVP-Chef aus der Partei direkt in den Landesdienst geholt worden, unter lautem Protest der Opposition und ein bisschen Grummeln des Koalitionspartners Grüne, die sich nach den langen Jahren der schwarz-grünen Zusammenarbeit an die Selbstherrlichkeit des Gegenübers halt auch schon gewöhnt haben. Jetzt kommt von grüner Seite der Ruf nach radikalem Umdenken im Tourismus, weg vom Massenbetrieb, der sich vorläufig von selber erledigt hat. Wenn Günther Platter in einem Video anlässlich der ersten 14 Tage Quarantäne in Tirol von einer neuen Nachdenklichkeit spricht, die sich aus dieser Krise ergeben werde, dann ist alles andere als sicher, ob er dasselbe meint wie sein Koalitionspartner. Es geht um viel Geld und um über Jahrzehnte festgefügte Machtstrukturen jenseits der Politik.

Sebastian Kurz und die Verbundenheit

Die Industriellen und die Tourismus-Größen in der Tiroler Adler Runde, das waren auch diejenigen, die mitgeholfen haben, Sebastian Kurz auf den Schild zu heben. Denen ist also nicht nur Günther Platter verbunden, sondern auch sein Bundesparteiobmann, der jetzt – anders als Platter – als Krisenmanager gefeiert wird. Kurz kann Kommunikation. Das spielt er mit Gesundheitsminister Rudolf Anschober als kongenialem Partner in diesen Tagen zum Wohle des Landes aus. Wieviel der Kanzler wann über das Desaster in Tirol wusste, ist nicht bekannt. Fragen dazu werden im De-Blasio-Style abgewehrt. We should not be focusing, in my view, on anything looking back on any level of government right now. Und im Zweifelsfall macht Kurz einfach die EU dafür verantwortlich, dass ein Lkw mit Schutzausrüstung tagelang an der deuschen Grenze festgehalten wurde.

Richtig große EU-Scheine gewechselt

Als Einleitung zur entsprechenden Frage hat die Interviewerin der Kronenzeitung den Satz gewählt: Nach der Flüchtlingskrise hat die EU nun auch bei COVID-19 versagt. Da konnte der Obmann der Europapartei ÖVP offenbar nicht anders, als so zu antworten: Die EU wird sich nach der Krise eine kritische Diskussion und Auseinandersetzung damit gefallen lassen müssen. Es kann nicht sein, dass wir zwei Wochen lang komplett auf uns allein gestellt darum kämpfen müssen, dass ein Lkw mit bereits von uns bezahlten und dringend benötigten Schutzmasken an der deutschen Grenze hängt, weiterfahren darf, und gleichzeitig unsere Kontrollen zu Italien kritisiert werden. Das ist kein politisches Kleingeld, das Kurz da gewechselt hat. Das sind richtig große Scheine.

Das australische Modell in der Ägäis

In anderer Hinsicht ist Sebastian Kurz dann wieder ganz froh, dass wir komplett auf uns allein gestellt sind. Wenn es nämlich um die Evakuierung der Flüchtlinge in den Lagern auf den griechischen Inseln geht. Selbst die nicht des Gutmenschentums verdächtige Neue Zürcher Zeitung macht sich schon für eine Evakuierung der Lager stark, nachdem NGOs sowie eine Gruppe von Ärzten und Gesundheitspersonal dramatische Appelle an die politisch Verantwortlichen gerichtet haben. Kurz sagt, eine österreichische Beteiligung an einer Evakuierung der Lager und die Aufnahme von 200 bis 300 Personen bei uns – das sei in dieser Krisensituation nicht förderlich. Aus den Reihen der Grünen (die anderer Ansicht sind) hört man, dass der Kanzler in der Frage genauso unerbittlich ist, wie er klingt und immer schon geklungen hat. Als Außenminister hat er sich 2016 ja offen für das – wie man in Lesbos sieht zu Recht – sehr umstrittene australische Modell erwärmt.

Jetzt sind sie alle als Krisenmanager gefordert. Ob sie De Blasio, Platter oder Kurz heißen. Ob sie schon vorab gefeiert werden oder unter Beschuss stehen. Doch es gibt wie weiland in Ischgl auch ein Après – dann wird sich zeigen, wer die richtigen Lehren aus der Krise zieht und sich auch politischen Konsequenzen nicht verweigert. Und wir werden auch erkennen können, wer die Krise nur gemanagt hat und wer an ihr gereift ist.

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