Die Kanzlers

Gute Diskussion mit . Müssen aktiv mitgestalten, um große Herausforderungen bewältigen zu können. So das Resümee von ÖVP-Parteiobmann Sebastian Kurz auf Twitter nach dem ORF-Duell mit Heinz-Christian Strache – das streckenweise gar nicht zu verstehen war, weil sich die beiden Kanzlerkandidaten so befetzt haben. Am Rande ist es auch um Europa gegangen. Aber einziger Zweck dieser türkisblauen Übung war, um die gut 430.000 ehemaligen Team-Stronach- und BZÖ-Wähler zu buhlen. Die größte Zahl an politisch Heimatlosen in der Zweiten Republik, wie es Peter Filzmaier in der ZIB2 ausgedrückt hat. Die Sub-Botschaften haben sich teilweise überschlagen.

Seit Sonntag Abend redet Sebastian Kurz nur noch davon, dass entweder er der nächste Bundeskanzler wird – oder eben Heinz-Christian Strache. Der amtierende Kanzler Christian Kern von der SPÖ ist draußen, zumindest wenn man Kurz zuhört. Sein Spiel ist nicht unriskant und leicht durchschaubar: Er will sein Potenzial bei FPÖ-affinen Wählern möglichst optimal ausschöpfen, dazu muss er das Kanzler-Ding in den Vordergrund rücken, weil er diesbezüglich die viel besseren Werte hat als Strache. Der weiß das natürlich und geht tunlichst nicht darauf ein. Die FPÖ braucht das Szenario: wir sind in den Umfragen auf Platz drei, wählt den Schmied und nicht den Schmiedl.

Von der Größe her passen sie tadellos zusammen. Heinz-Christian Strache und Sebastian Kurz (das Bild vom ORF-Duell am Dienstag hat der ÖVP-Chef getwittert).

Der Disput um den ungarischen Despoten

Also saßen die Kanzlers beim Mitleid verdienenden Tarek Leitner und arbeiteten sich an unglaublichen Dingen ab. Kurz und Strache lieferten sich ernsthaft einen Disput, wer den besseren Draht zum ungarischen Despoten Viktor Orban haben könnte. Ich kann Ihnen gern einen Termin verschaffen, feixte der ÖVP-Chef – dessen Partei im Europa-Parlament tatsächlich in der selben Fraktion wie Orbans Partei Fidesz sitzt. Deren Mitgliedschaft in der EVP (Europäische Volkspartei) ist alles andere als unumstritten. Aber Orban ist Held und Vorbild aller Westbalkanroutenschließer und so gesehen natürlich eine wichtige Referenz. Keine Sorge, ich habe ihn schon oft getroffen, konterte Strache denn auch sofort. Wie oft und wie geheim, das wissen wir nicht.

Muzicant, die Silbersteins & die Verstrickungen

Dann gerieten sich die Kanzlers wegen der Spender für die Kurz-Kampagne in die Haare. Strache vergaß nicht, KTM-Chef Stefan Pierer zu erwähnen, der der ÖVP fast eine halbe Million Euro für die Kurz-Kampagne gegeben hat. Dann folgte in einer fast zweiminütigen, schwer verständlichen Suada der Name Georg Muzicant, den Sebastian Kurz – der am Samstag noch zu einer Volksabstimmung darüber aufgerufen hat, ob wir die Silbersteins in Österreich wollen – wie folgt in Schutz nahm: Da jetzt den Herrn Muzicant herauszugreifen, nur weil er einen jüdischen Background hat, das halte ich ehrlich gesagt für unredlich. Eine Replik von Strache auf diesen Antisemitismus-Vorwurf des ÖVP-Chefs blieb komplett aus, dafür sprach der FPÖ-Chef gleich noch einmal von Geschäftsinteressen und Verbindungen, in die Kurz verstrickt sei.

Ping Pong der Antisemitismus-Vorwürfe

Auch Charles Ritterband, Journalist und lange für die Neue Zürcher Zeitung tätig, hat in einer sehr aufschlussreichen Analyse-Runde auf ORF III auf die antisemitischen Codes in Straches Ausführungen hingewiesen. Dass die FPÖ da bis heute immer wieder anstreift, das ist schon im Duell Strache versus Kurz auf Puls4 am Sonntag angesprochen worden. Der ÖVP-Obmann hat den FPÖ-Obmann wegen der Causa Johannes Hübner kritisiert – der bis dahin als ministrabel geltende FPÖ-Abgeordnete und Anwalt hatte mit antisemitischen Codes gegen den Begründer der österreichischen Bundesverfassung, Hans Kelsen, polemisiert. Hübner kandidiert nicht mehr, aber die FPÖ hält ihm die Stange und spricht von Missverständnissen. Umso verblüffender war der Konter auf Kurz: Ausgerechnet Strache hielt dem die Holocaust-Witze von ÖVP-nahen Studenten auf Facebook und WhatsApp vor. Stichwort AG-Leaks.

Und schon wieder Einmischung von außen

Die Kanzlers und ihre Themen. Zukunftsweisend war da überhaupt nichts, auch wenn das möglicherweise die neue große Koalition ist. Die Frage von Tarek Leitner genau danach haben beide umschifft, jetzt geht es einmal um die Mobilisierung. Inhaltlich passt wenig zwischen Strache und Kurz, dessen einzige und wichtigste Koalitionsbedingung ist: Kein Liebäugeln mit dem Öxit – also einem EU-Austritt. Dazu ist die FPÖ schon im Zuge der Bundespräsidenten-Wahl auf Distanz gegangen. Aber so wie Charles Ritterband sind alle ausländischen Kollegen sensibilisiert: Aktuell sind in drei renommierten Blättern Artikel zum Thema Regierungseintritt der  FPÖ erschienen, die Kritik an der Einmischung von außen wird gewiss noch kommen.

Sie können sich nicht mehr so schräg herausreden

Die Süddeutsche Zeitung befasst sich sehr ausführlich mit Straches Jahren in der Neonazi-Szene in Deutschland hätten solche Enthüllungen wohl das Ende einer politischen Karriere bedeutet, doch in Österreich wird Strache immer erfolgreicher, schreibt die SZ. Die Wochenzeitung Die Zeit thematisiert die Möglichkeit von Rot-Blau, die Neue Zürcher Zeitung schreibt über die blaue Medien-Maschinerie im Internet. Die Nachbarn haben sich noch nicht so gewöhnt an das alles, das wird jetzt wohl wieder schärfer herausgearbeitet werden. Zum Beispiel auch der freundschaftliche Umgang der Freiheitlichen mit der AfD. Der Drang der FPÖ zur Regierungsverantwortung hätte in dieser Hinsicht etwas Gutes. Im EU-bedingten internationalen Rampenlicht könnten sich die Kanzlers nicht mehr so schräg herausreden wie im Kanzlerduell.

Ein Gedanke zu „Die Kanzlers

  1. Hallo Stefan,
    ich freue mich immer, wenn deine Beiträge im Mail Ordner auftauchen.
    Intelligent sind sie sowieso, sprachlich gewitzt, informativ und mit dem nötigen Biss gesalzen.
    Danke für dein Engagement für eine vernunftbeseelte Sicht auf die Dinge, denn der Nebel der Befindlichkeiten und Begehrlichkeiten, die das politische Agitieren kennzeichnen, lassen das Großhirn unversorgt.

    Liebe Grüße
    Werner Huber

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